Ein ganz persönlicher Jahresrückblick

Was aus dem Jahr 2015 hängen bleibt

Die Lokalredaktion wirft einen persönlichen Blick auf die letzten zwölf Monate in Bremen: Ein Jahr in dem Rot-Grün Cannabis legalisieren wollte, Böhrnsen zurücktrat und das Viertel zeigte, dass es lebt.
31.12.2015, 00:00
Lesedauer: 9 Min
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Die Lokalredaktion wirft einen persönlichen Blick auf die letzten zwölf Monate in Bremen: Ein Jahr in dem Rot-Grün Cannabis legalisieren wollte, Böhrnsen zurücktrat und das Viertel zeigte, dass es lebt.

Journalisten – man glaubt es kaum – sind auch nur Menschen. Solche aus Fleisch und Blut und obendrein noch ausgestattet mit Emotionen. Vor diesem Hintergrund haben wir uns gefragt, was für uns eigentlich die Geschichten dieses Jahres sind, Geschichten also, an die wir uns auch im kommenden Jahr erinnern werden und vielleicht sogar noch darüber hinaus.

Natürlich, da war die Bürgerschaftswahl, nach der einiges anders war – und doch vieles so wie zuvor. Da war der verheerende Kaufhausbrand am Wall, der noch immer nicht aufgeklärt ist und uns noch lange beschäftigen wird. Es gab eine Terrorwarnung für Bremen und einen groß angelegten Polizeieinsatz, der am Ende die Frage aufwarf, ob Bremen für derartige Lagen richtig aufgestellt ist. Und natürlich war da die massive Zuwanderung, die Bremen Tausende neue Mitbürger beschert, das Stadtbild und die Art des Zusammenlebens nachhaltig verändert hat.

All diese Geschichten gehören in einen Jahresrückblick. Aber es gibt eben noch so viele andere. Wir haben uns in der Lokalredaktion in Bremen die Frage gestellt, welche Themen und Episoden, welche Anekdoten und Randgeschichten bei uns selbst hängen geblieben sind? Was hat uns beschäftigt, vielleicht sogar berührt? Herausgekommen ist ein ungewöhnlicher, ein etwas anderer Jahresrückblick. (FEA)

Vierlinge in der Schule

Von Frauke Fischer

Ein Haushalt mit sechs Kindern ist an sich schon eine beachtliche Aufgabe. Wenn vier Kinder dann auch noch gleichzeitig zur Welt gekommen sind, gebührt den Eltern uneingeschränkte Bewunderung. Als die Vierlinge der Familie Stührenberg in diesem Sommer eingeschult wurden, vier Ranzen samt Inhalt besorgt werden mussten, war das ein geeigneter Moment für einen Blick zurück auf die Jahre, die seit ihrer Geburt im Oktober 2008 vergangen sind. Unsere Zeitung hat ihr Wachsen und Werden begleitet.

Janine und Jörn Stührenberg sowie die älteren Geschwister der Vierlinge, Joel und Lea, haben sich Anfang 2009 mit den neuen kleinen Mitbewohnern im Reihenhaus in Arsten ins Abenteuer gewagt: Zu jeder Mahlzeit wurden vier Fläschchen, später Breis und andere Nahrung zubereitet, Windeln und Kleidung gewechselt, die Vierlinge für Spaziergänge im Spezialkinderwagen angezogen und später wieder ausgezogen, zum Mittagsschläfchen und für die Nacht in die Betten gelegt. Jeder Tag ist von Neuem ein Meisterwerk der Organisation. Jetzt geht die Viererbande in die Schule, lernt Lesen und Rechnen. Der Besuch im Sommer anlässlich der Einschulung war ein besonderes Wiedersehen mit Liv, Fiona, Fin und Marten.

Vierspurig am Concordia-Tunnel

Von Wigbert Gerling

Man konnte sich die Augen reiben: Ist die Schwachhauser Heerstraße tatsächlich vierspurig befahrbar, wenn der Berufsverkehr in die Stadt kommt? Gibt es unter dem Concordia-Tunnel, der eine Eisenbahnbrücke ist, in den Morgenstunden keinen Parkplatz mehr? Beide Fragen können seit Herbst 2015 mit „ja“ beantwortet werden. Nach jahrelangem Hin und Her wurde entschieden, dass die Autofahrer besser – und wie einst geplant – auch stadteinwärts nebeneinander fahren können.

Dass dies effektiver für eine Einfallstraße ist, wurde zunächst ausgiebig begutachtet. Fünf Monate beobachteten Fachleute, wie der Verkehr fließt, wenn Autos unter der Brücke abgestellt werden dürfen, fünf Monate wurde geprüft, ob es womöglich doch besser ist, wenn morgens durchweg zwei Spuren für Autos auf dem Weg in die Stadt frei sind. So kam die Politik über den Wahltermin am 10. Mai. Aber immerhin wurde dann nach diesen Testläufen eine Entscheidung gefällt. Und die gilt seit Herbst 2015: Es darf morgens zwischen sieben und zehn Uhr stadteinwärts nicht mehr geparkt werden. Denn Fachleute hatten herausgefunden, dass eine Hauptverkehrsachse besser zu nutzen ist, wenn sie zwei Fahrstreifen hat.

Die Diskussion über Paris

Von Ralf Michel

Es ist die Woche nach dem Terroranschlag in Paris, bei dem mehr als 130 Menschen ums Leben kamen. Das Institut français hat zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Was ist in Paris geschehen? Wie konnte es dazu kommen? Und vor allem: Wie soll es weitergehen? Das Publikum ist gemischt, Franzosen und Deutsche. Der Beitrag eines deutschen Besuchers sorgt für Unruhe. Nein, sagt er, das hier sei kein Krieg. Und deshalb dürfe auf den Anschlag der Terroristen auch nicht mit militärischen Mitteln geantwortet werden.

Eine Weile geht es in diesem Sinne weiter. Einer zieht historische Vergleiche, ein anderer erklärt die geostrategische Lage in Syrien, eine junge Frau beschwört die Gefahr eines 3. Weltkrieges herauf. Es sind Deutsche, die all dies ausgiebig diskutieren. Dann meldet sich ein Franzose zu Wort. Er habe drei Freunde in Paris verloren, sagt er. Und dass er die ganze Diskussion hier nicht verstehen könne. Während in Deutschland über völkerrechtliche Fragen gestritten werde, überlege der Daesch, wie man beim Köpfen von Menschen effektiver zu Werke gehen könne.

Nach diesem Beitrag ist es still im Saal. Deutscher Verstand steht gegen französische Emotionen. Ein kurzer Moment nur, aber er zeigt in beeindruckender Klarheit wie unterschiedlich an die Frage herangegangen wird, wie der islamistische Terror zu bekämpfen ist.

Schiffe in Sicht

Von Heinz-Peter Petrat

Drittes Augustwochenende, frei. Ab ins Auto, 60 Kilometer die Weser abwärts, und dann sind sie von Weitem schon zu sehen – Mastspitzen, endlich! Endlich ist wieder Sail in Bremerhaven. 270 große und kleine Segelschiffe aus aller Welt sind gekommen, einige von ihnen zum ersten Mal. Rund um den Alten und Neuen Hafen mischen sich Besatzungen und Besucher zu einer großen Menge, die einfach nur Spaß hat und den Alltag vergisst.

Selbst das Wetter macht diesmal mit. Und nicht nur die Sehleute bekommen große Augen, auch die Organisatoren trauen ihren Augen nicht: 1,2 Millionen Besucher sollen an den fünf Tagen da gewesen sein, 200 000 mehr als bei der Sail vor fünf Jahren. Wer immer das auch wie gezählt haben mag – mir völlig egal, ich war wieder dabei. Monatelang hatte ich mich schon drauf gefreut. Und wenn’s nicht geklappt hätte? Liebe Kollegen, wochenlang hätte ich schlechte Laune gehabt. Nun heißt es wieder warten, erst 2020 ist die nächste Sail in Bremerhaven. Bis dahin gibt’s aber fünfmal Kieler Woche. Ist ein bisschen weiter weg, liegt nicht an der Weser. Na und? Ab ins Auto, ahoi!

Baden wie die alten Römer

Von Sabine Doll

Es ist ein Stück Stadt- und Architekturgeschichte, das Bauarbeiter im Februar auf dem Bahnhofsvorplatz ausbuddeln. Sie fördern Überreste eines Kesselhauses zu Tage. Wie sich herausstellt, ist es ein Relikt des früheren Breitenwegbades, das 1877 vor dem Bahnhof eröffnet und Anfang der 1950er-Jahre abgerissen wurde. Kaum ist die Nachricht vom Fund des alten Bades im WESER-KURIER erschienen, melden sich Dutzende Leser in der Redaktion.

Sie schickten Zeichnungen und Fotos von damals, de den mondänen Bau von außen und innen zeigen: Damen- und Herrenbad getrennt, die Bassins mit schwarzem Marmor ausgekleidet, eine elegante Galerie in der oberen Etage, Umkleidekabinen und eine Reihe von Spezialbädern. So, wie es der damalige Zeitgeist vorgibt. Denn der orientierte sich an römischen Thermenanlagen. Baden wie die alten Römer – und das mitten in Bremen.

Böhrnsens letzter Vorhang

Von André Fesser

Rücktritt oder nicht? Das war die große Frage am Abend des 10. Mai bei der Wahlparty der SPD in der Böttcherstraße. Jens Böhrnsen hatte als Spitzenkandidat seiner Partei massive Stimmenverluste zu verantworten. Nicht wenige, die von ihm nun Konsequenzen erwarteten. Als der Bürgermeister den Saal betrat, schien klar, was kommt: Das Gesicht schwer gezeichnet vom langen Wahlkampf und den Eindrücken des Tages, das Lächeln gequält. Dem Applaus seiner Genossen begegnete Böhrnsen mit einer demütigen Verbeugung. Der Moment des Abschieds von der politischen Bühne? Der letzte Vorhang? Er war es nicht. Böhrnsen ging als Bürgermeister von der Bühne. Und erklärte erst tags darauf seinen Rückzug.

Rot-Grün und Cannabis

Von Kathrin Aldenhoff

Hat Bremen keine anderen Probleme, haben sich viele gedacht, als bekannt wurde, dass die rot-grüne Koalition Cannabis legalisieren will. Das Vorhaben machte schnell die Runde, bundesweit war die Aufregung groß. Doch das beirrte Bremer Politiker nicht. Nach wie vor halten sie an dem Modellprojekt fest, auch nachdem der Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte im Oktober eine Absage für sein Cannabis-Modellprojekt kassierte.

Bremen will Vorreiter in Deutschland sein, die Regierung mit legalen Verkaufsstellen für Cannabis den Schwarzmarkt austrocknen, Konsumenten entkriminalisieren und den Jugendschutz stärken. Bremen war schon in anderen Dingen Vorreiter: 2012 führte es als erstes Bundesland einen Mindestlohn ein, die Inklusion verankerte Bremen schon 2009 im Gesetz. Zugegeben, die Inklusion funktioniert noch nicht so, wie sie soll. Aber mit Cannabis könnte Bremen es ja besser machen.

Hochhaus-Pläne fallen durch

Von Jürgen Theiner

Architektur geht jeden an. Sie ist künstlich geschaffene Umwelt, man begegnet ihr täglich und bildet sich eine Meinung. Je ausgefallener oder dominanter ein Design, desto klarer formt sich eine Haltung dazu. Es konnte deshalb nicht überraschen, dass die Pläne für ein Hochhaus am Rande des Vegesacker Stadtgartens ein gewaltiges Echo im Stadtteil und darüber hinaus finden würden. Der private Grundstückseigentümer hatte den Hamburger Stararchitekten Hadi Teherani engagiert, und dessen Entwurf für einen 13-stöckigen Wohnturm mit Weserblick spaltete die Öffentlichkeit im Nu in Befürworter und Gegner – wobei letztere klar das Übergewicht hatten.

In den sozialen Netzwerken formierte sich die Opposition, und auch in der Fachwelt fiel der Teherani-Entwurf durch: „Keinerlei Bezug zur baulichen Umgebung“, so das mehrfach formulierte Urteil. Nach einem einstimmigen ablehnenden Votum des Stadteilbeirates zog Bausenator Joachim Lohse (Grüne) im April die Notbremse. „Gegen den Willen der Menschen in Vegesack“ werde es kein Hochhaus am Stadtgarten geben, erklärte der Behördenchef. Die Zukunft des Grundstücks in exponierter Lage ist damit vorerst offen. Klar ist nur, was dort nicht entstehen wird.

2015 im Video

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Neue Freunde aus aller Welt

Von Carolin Henkenberens

„Wir schaffen das“ – Angela Merkels Optimismus in der Flüchtlingspolitik war dieses Jahr in Bremen immer wieder zu spüren. Bremen, das wünschte sich Dompastorin Ingrid Witte, solle als Stadt wahrgenommen werden, die mit Flüchtlingen besonders tolerant und offen umgeht. Ich meine, das ist gelungen. Unsere kleine Hansestadt schaffte es mit einer tollen, von Bürgern gegründeten Facebookseite und mit einzigartigen, bunten Wohncontainern in überregionale Medien.

Bremen ist die erste Stadt, in der Geflüchtete in einer regulären Kirche schlafen. Auch das wurde landesweit beachtet. Und obwohl am Bremer Hauptbahnhof im September weit weniger Flüchtlinge ankamen als in Hamburg oder Frankfurt, harrten dort nachts Dutzende aus, um die Menschen zu begrüßen. Es sind diese kleinen Gesten, die zeigen: Die Bremerinnen und Bremer sind zusammengerückt. Partnerschaften zwischen Einheimischen und Flüchtlingen gibt es zuhauf. Oft treffen wir Journalisten bei solchen Terminen auf Menschen, die fasziniert sind von der neuen Kultur, die sie kennenlernen, oder die stolz ihre gerade gelernten Brocken Arabisch präsentieren. 2015 hat die Stadt der finanziellen Zwänge bewiesen: Ihr Herz ist weit.

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Die Nacht lebt links der Weser

Von Sara Sundermann

2015 war das Jahr, in dem um Lärm im Viertel gestritten wurde wie nie zuvor. In dem langjährige Anwohner gegen alteingesessene Clubs vor Gericht zogen oder mit ihren Anwälten drohten, weil sie sich vom Krach gestört fühlen. Es war das Jahr, in dem die Wirte im Viertel zeigen wollten, dass ihr Stadtteil noch am Leben ist, und in einer Nacht Konzerte in über 30 Kneipen organisierten. Mehr als 10 000 Menschen strömten in einer Nacht im Mai auf die Straßen im Viertel, um zu feiern.

2015 war aber auch das Jahr, in dem sichtbar wurde, dass die Musik im Grunde nicht mehr vor allem im Viertel, sondern auch in der Neustadt spielt. Dort gibt es immer mehr Kneipen und kleine Bühnen für Live-Musik, Lesungen und Debatten. Man verabredet sich im Panama oder im Papp, hört Musik im Karton oder im Kukoon und trinkt Wein im „Charlotte Gainsbourg“.

Auch die Cocktailbar „First Class Suicide“ zog aus dem Viertel in die Neustadt. Und im Dezember legte sich der Stadtteil kurzerhand einen eigenen kleinen Weihnachtsmarkt zu. Die traditionell falsche Weserseite – die linke – ist für viele Bremerinnen und Bremer längst die richtige: Studenten, WGs, junge Familien und Erwachsene zwischen 20 und 40 zieht es in die Neustadt. Und wem das Wohnen dort inzwischen zu teuer ist, der zieht halt nach Walle.

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