Prostitution in der Krise

Was Corona für Bremer Sexarbeiterinnen bedeutet

In der Pandemie könnten Prostitutionsstätten zu Infektionsherden werden, also bleiben sie geschlossen. Doch die Schutzmaßnahmen gefährden Existenzen. Wie lange geht das gut? Zu Besuch bei zwei Sexarbeiterinnen.
02.06.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Was Corona für Bremer Sexarbeiterinnen bedeutet
Von Nico Schnurr
Was Corona für Bremer Sexarbeiterinnen bedeutet

„Normale Sachen haben mich schon immer gelangweilt“: Heidi war Chemielaborantin. Nun arbeitet sie als Domina. Doch wegen Corona bleibt ihr Studio dicht.

Frank Thomas Koch

Die Ärztin öffnet die Tür, das Licht springt an. Ein Zimmer ohne Fenster, hell genug, um zu erkennen, dass man in einem Praxisraum steht. Leuchtröhren flackern über einem Patientenstuhl. Hinten hängt ein Kittel, an der Wand baumeln Katheter. In den Regalen lagern Kanülen, Tinkturen, Handschuhe. Die Ärztin zieht welche heraus, stülpt sie über die Finger und drückt auf einen grauen Kasten. Das Ultraschallgerät fiepst, dann flimmert es los. „Funktioniert wirklich“, sagt die Ärztin, „alles echt.“ Muss ja, die Gäste möchten behandelt werden. Es ist nur so, dass sie nicht zu ihr kommen, weil sie Schmerzen haben, sondern weil sie welche wollen.

„Das Klinikzimmer ist unter meinen Gästen besonders bei echten Ärzten beliebt“, sagt die Ärztin, die eigentlich keine Ärztin ist, sondern Domina. Die meisten erwarten ja Lack und Leder, Peitschen vielleicht, aber sicher nicht das: Ultraschall und Katheter. Auch deswegen hat die Frau, die sich Heidi nennt, in ihr Studio eingeladen. Sie will mit ein paar Klischees aufräumen. Normalerweise ist die Szene verschlossen, das Geheimnis gehört dazu, aber normal ist ja sowieso nichts mehr. Seit Mitte März hat das Studio dicht, wie alle Prostitutionsstätten in Bremen.

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Dabei schläft die Domina nicht mit ihren Gästen. Die dürfen sie nicht mal berühren. Für den Orgasmus sollen die Geräte sorgen, die Heidi zum Beispiel in das Patientenzimmer gestellt hat. Ab und an gipst sie bestimmte Körperteile ein, es gibt ja nichts, was es nicht gibt. Die Frage ist doch: Wie gut können sich die Domina und ihre Gäste dabei vor dem Coronavirus schützen?

Man muss kein Virologe sein, um zu ahnen, dass ein Bordell nicht der beste Ort für Abstandsregeln ist. In Pandemie-Zeiten könnten Prostitutionsstätten zu Infektionsherden werden, deswegen bleiben sie bis auf Weiteres geschlossen. Doch die Schutzmaßnahmen gefährden Existenzen. Im Gewerbe wächst die Not, viele sind verzweifelt. Manche Frauen arbeiten im Verborgenen weiter. Nicht weil sie wollen, sondern weil sie müssen. Auch um das zu verhindern, drängt die Branche darauf, das Verbot aufzuheben. Den Anfang sollen Studios machen, die erotische Massagen anbieten oder Domina-Dienste.

Von der Chemielaborantin zur Domina

Sonntagmorgen, die Bahnhofsvorstadt liegt regungslos da. Es geht in eine Seitenstraße, die nicht mal an einem Maitag einladend wirkt. Graue Fassaden, verriegelte Läden. Spielhallen und Sex-Shops. Dazwischen ein unscheinbarer Klinkerbau. Domina Heidi, Mitte 30, steht in der Tür und winkt. „Ziemliche Schmuddel-Ecke hier“, sagt sie zur Begrüßung, „passt überhaupt nicht zu uns.“ Sie führt durch ein Treppenhaus, renovierter Altbau, gedimmtes Licht, schwerer Teppich. Im Pausenraum wird Platz genommen.

Heidi bietet ein Wasser an, dann rattert sie ihr Leben runter. Erster Satz: „Normale Sachen haben mich schon immer gelangweilt.“ Sie habe als Chemielaborantin gearbeitet, für die Bundeswehr sei sie um die Welt geflogen. Ungarn, Schweden, Kanada. Nervengifte untersuchen. Viel Geld, sagt sie, noch mehr Arbeit, oft 60 Stunden in der Woche. Kaum Zeit für die Familie, kaum Zeit für sich, also habe sie beschlossen, ihr Hobby zum Beruf zu machen.

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Seit sie 18 ist, fahre sie nach Hamburg, Fetischkram kaufen. Irgendwann habe sie das in Vollzeit machen wollen: Domina sein. Acht Jahre ist das her. Seitdem hat Heidi ihren eigenen Betrieb aufgebaut, 200 Quadratmeter, die sie sich mit zwei anderen Frauen teilt. Mehr als 70.000 Euro hat sie nach eigenen Angaben in das Studio investiert, die Behörden haben alles abgesegnet. Morgens verlässt sie das niedersächsische Dorf, in dem alle sie für eine Chemikerin halten, um in Bremen Ärztin zu spielen. Oder Männern einen anderen Wunsch zu erfüllen, der so absurd ist, dass sie ihn sonst nicht äußern mögen. Außer bei Heidi. Sie hat einen Fragebogen auf ihre Internetseite gestellt. Man klickt sich durch die Vorlieben, dann stellt die Domina ein Programm zusammen. Kostet bis zu 250 Euro pro Stunde. Das Geschäft läuft gut. Bis zur Corona-Krise.

Das Studio muss schließen. Die Domina wartet, Monate vergehen. Sie arbeitet Hygienekonzepte aus, meldet sich bei Behörden, macht Vorschläge. Doch weiter geht es woanders. Die Bundesligaprofis werfen sich wieder in Zweikämpfe. Kleine Privatfeiern heißen nicht mehr Corona-Partys, sondern sind wieder erlaubt. In Tattooläden fließen Tinte und Blut. Medizinische Masseure kneten ihre Patienten. Doch die Domina darf noch immer keine Männer auf Untersuchungsstühlen fesseln. Findet sie nicht fair. „Ich fühle mich diskriminiert“, sagt sie, „natürlich will ich keine Infektionswelle provozieren, aber wie sollte das hier passieren?“ Heidi hebt die Stimme: „Das Verbot ist nicht mehr verhältnismäßig.“ Ihre Geduld ist aufgebraucht, die Domina will nicht weiter warten. Sie will arbeiten.

„Jetzt zu arbeiten, das wäre zu riskant“

In Rablinghausen sitzt Lena, die ihren echten Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, in einem Einfamilienhaus und will erklären, warum die Dinge bei ihr anders liegen als bei einer Domina. Lena, Anfang 30, ist Prostituierte. Nicht weil sie muss, sagt sie, sondern weil sie will. Im hellen Wohnzimmer, durchdesignt wie in einem schwedischen Katalog, erzählt Lena die Geschichte einer jungen Frau, der alle Türen offenstehen. Akademiker-Elternhaus, behütete Kindheit, Privatschule, Ballett-Unterricht. Karriere in der Hotelbranche, FDP-Wählerin. Dann habe sie Frauen aus dem Gewerbe kennengelernt. Die Geschichten hätten sie fasziniert, das Anrüchige, sie habe Teil dieser Welt sein wollen. Erst habe sie Männer nach Feierabend in einer angemieteten Wohnung getroffen, dann habe sie den alten Job ganz gelassen. Seit sechs Jahren arbeitet Lena als Prostituierte. Sie sagt: „Ich habe mich zum Positiven verändert.“

Lena gehört nicht zu denen, die das Virus unterschätzen. Verschwörungstheorien findet sie albern. Schon Wochen, bevor Sexarbeit verboten worden ist, hat sie aufgehört. Sie habe sich schützen wollen. „In meinem Beruf lassen sich die Abstandsregeln nicht einhalten“, sagt sie, „die Männer wollen Körperkontakt.“ Sie ärgere sich nicht über die lange Pause. „Jetzt zu arbeiten, das wäre zu riskant“, sagt sie, „brandgefährlich.“ Die Miete für ihr Arbeitsapartment müsse sie gerade nicht zahlen, sie lebe von Rücklagen. Lena weiß, dass es vielen in der Branche schlechter geht.

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Die Prostituierte verlässt das Wohnzimmer und kommt mit ihrem Arbeitstelefon wieder. Blick auf den Bildschirm, Lena zeigt auf das Smartphone, 214 Anrufe in Abwesenheit. Dann wischt sie rüber zu Whatsapp, 318 Nachrichten. Alles Männer, die sich in den vergangenen drei Tagen bei ihr gemeldet haben. „Die haben immer Bock“, sagt sie, Pandemie hin oder her. Lena antwortet nicht mal. Sie ahnt, dass einige anders handeln. „Viele Frauen machen keine Pause, weil sie nicht können oder dürfen“, sagt sie, „ich kriege ständig Nachrichten, in denen es heißt: Hier arbeitet eine, da arbeitet eine, dort auch.“

Es geht um eine Perspektive

Lena will noch nicht wieder arbeiten, aber sie will eine Perspektive. „Wir werden vergessen“, sagt sie, „dabei müssen auch wir planen.“ Wüsste sie, dass sie keine Männer mehr empfangen dürfte, bis ein Impfstoff gefunden ist, würde sie aufhören. Den Beruf wechseln, eine neue Ausbildung vielleicht. „Aber man hört ja nichts“, sagt die Prostituierte in ihrem Rablinghauser Wohnzimmer, „ich will endlich von der Politik ernst genommen werden.“

In der Bahnhofsvorstadt steht eine Domina im Hausflur und referiert über Aerosole und Viruzide. Hinter ihr türmen sich kleine Flaschen auf. „Wir schwimmen in Desinfektionsmitteln“, sagt Heidi. Schon vor Corona sei sie keine Straßenbahn gefahren und habe Türgriffe nicht mit der Hand geöffnet. „Ich war Chemikerin, natürlich bin ich übervorsichtig“, sagt die Domina, „auch hier im Studio.“ Auch eine Maskenpflicht habe es bei ihr schon vor Corona gegeben. Kleiner Spaß, sofort zurück zum Ernst: Sie greift nach einem Stapel Papiere, ihr Hygienekonzept, zwölf Seiten lang. Was, wenn das nicht reicht? Einen Monat wolle sie noch warten. Passiert nichts, sagt die Domina, dann will sie klagen.

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