Auswirkungen der Corona-Maßnahmen

Was das Besuchsverbot mit Bremer Heimbewohnern macht

Manche verstehen nicht, warum ihre Angehörigen sie nicht mehr besuchen, andere haben Angst vor Pflegerinnen mit Masken: Die Einschränkungen zum Schutz vor Corona haben Folgen für die Menschen in Bremer Heimen.
02.05.2020, 06:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Sara Sundermann und Carolin Henkenberens
Was das Besuchsverbot mit Bremer Heimbewohnern macht

Kein Besuch von Angehörigen mehr, und die Pflegekräfte tragen Masken: Der Alltag von Menschen in Pflegeheimen hat sich stark verändert.

Frank Molter /dpa

Wenn Cordula Leefmann derzeit ihren Vater besuchen will, muss sie mit großem Abstand über den Gartenzaun rufen oder zum Fenster seines Zimmers hinauf. Der 83-Jährige lebt in einem Bremer Pflegeheim und hat Demenz. „Mir kommen nur noch die Tränen, wenn ich zum Pflegeheim gehe, obwohl wir Glück haben, weil mein Vater ein Zimmer mit Fenster zur Straße hat“, erzählt die 55-Jährige. „Sonst gehen mein Vater und ich oft spazieren, und wenn wir dabei Kinder oder Hunde treffen, freut sich mein Vater besonders.“ Spazieren gehen, aus der Nähe anlächeln – das alles fällt momentan weg.

Das Personal des Pflegeheims sei sehr bemüht, dass man trotz der momentanen Situation Kontakt halten könne, erzählt die Tochter. „Aber ich möchte meinen Vater gerne in die Arme nehmen. Er braucht die Nähe, und die hat er jetzt nicht. Ich glaube, er vereinsamt gerade.“ Das Pflegepersonal könne es nicht leisten, die fehlenden Besuche auszugleichen.

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Die 55-jährige Verwaltungsangestellte erzählt auch, was es für ihren Vater bedeutet, dass nun Pflegekräfte einen Mund-Nasen-Schutz tragen: „Er hat Angst vor diesen Masken, er kommt damit nicht zurecht.“

Cordula Leefmann würde gerne ihren Vater wieder besuchen können, und sei es auch mit Auflagen. Aber sie macht sich zugleich Sorgen darüber, was eine Aufhebung des Besuchsverbots bedeuten könnte: „Ich hätte kein Problem damit, den Abstand bei Treffen mit meinem Vater einzuhalten, aber ich habe schon die Sorge, dass sich andere Angehörige vielleicht nicht daran halten.“ Auch sie selbst möchte nicht gern das Risiko eingehen, möglicherweise andere Pflegeheimbewohner anzustecken. „Vielen in der Einrichtung geht es gesundheitlich noch deutlich schlechter als meinem Vater, sie würden eine Infektion wahrscheinlich nicht überleben.“

Bisher nur Verbote für Pflegeheime

„In vielen Heimen sitzen die Bewohner auf 13 oder 14 Quadratmetern und gucken die Wand an“, sagt Dirk Mittermeier von der Bremer Seniorenvertretung. Er kritisiert den bisherigen Umgang mit Heimbewohnern in Zeiten von Corona. „Bisher gab es für Pflegeheime erst mal nur Verbote, es fehlt an Hirnschmalz, wie man Besuchsmöglichkeiten intelligent umsetzt.“ Mittermeier erzählt von einer Bekannten, einer alten Dame, deren Ehemann im Rollstuhl sitze und in einem Pflegeheim lebe. „Sie erzählt mir, sie kann ihn nicht mehr anrufen, weil er jedes Mal weint, wenn sie ihn anruft und sie das kaum aushält.“ Die Frau sage, ihr Mann verstehe nicht, was los sei und frage sie immer, warum sie ihn nicht mehr besuchen komme. „Was da momentan alles kaputt geht, auch für die Angehörigen, das ist schon heftig“, sagt Mittermeier. „Da werden Menschen getrennt, die fünfzig oder sechzig Jahre zusammen waren.“

Ist eine Aufhebung des Besuchsverbots der richtige Weg? „Mit den notwendigen Schutzvorkehrungen oder Besuchen draußen kann ich mir eine Lockerung gut vorstellen“, sagt Kerstin Bringmann, Verdi-Gewerkschaftssekretärin aus Bremen, bevor die Pläne der Sozialbehörde für eine Lockerung bekannt wurden. „Klar muss aber sein, dass man nicht sofort in die Normalität starten und da weitermachen kann, wo man am 17. März aufgehört hat.“ Der Schutz der Pflegeheimbewohner und Mitarbeitenden müsse bei Lockerungen absolut gewährleistet sein.

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Welch kreative Lösungen sich mancher ausdenkt, damit alte Menschen wieder Besuch bekommen können, zeigt ein Geschäftsmann aus Chemnitz. Er baute eine „Besucherbox“ für ein Altenheim. Die Box mit einer Scheibe in der Mitte steht nun in der Caféteria eines Seniorenheims, berichtet der MDR. Nach jedem Besuch werde sie desinfiziert.

Heidrun Pundt, Vorsitzende des Bremer Pflegerats, forderte vor Bekanntwerden der Bremer Pläne dazu auf, darüber nachzudenken, wie das Besuchsverbot in Pflegeheimen gelockert werden könne. Die sei wichtig, damit die Isolation nicht auf unbestimmte Zeit das Leben von Heimbewohnern bestimme.

Krank durch die Isolation

„Die Gefahr durch das Coronavirus bleibt groß“, sagt Pundt. „Aber Menschen können auch in der Isolation krank werden.“ Das Besuchsverbot bezeichnet sie als „immensen Eingriff“. Sie sagt, es brauche dringend mehr Tests in Heimen – für Pflegekräfte, Bewohner und Angehörige. Das hatten zuletzt auch Bremer Wohlfahrtsverbände gefordert.

Dieser Forderung erteilt die Gesundheitsbehörde allerdings eine Absage: Reihentests in Heimen seien fachlich nicht sinnvoll, sagt Behördensprecher Lukas Fuhrmann: „Theoretisch müssten wir dann Pflegekräfte und Bewohner alle drei Tage testen.“ Solche Tests würden „eine reine Momentaufnahme“ liefern, so Fuhrmann. Negativ getestete Personen könnten sich kurz nach dem Test anstecken und Tests falsch negative Ergebnisse produzieren, wenn eine Person getestet werde, die sich gerade erst angesteckt habe.

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