101 Tage aus dem Amt Was die ehemaligen Senatoren jetzt beschäftigt

Während der ehemalige Bürgermeister Carsten Sieling weiterhin als Abgeordneter in der Bürgerschaft sitzt, kümmern sich andere Ex-Senatorinnen und Senatoren um den Garten oder machen ein Sabbatjahr.
23.11.2019, 21:03
Lesedauer: 7 Min
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Von Wigbert Gerling Silke Hellwig

Eine Bilanz nach 100 Tagen im Amt ziehen? Das kann ja jeder. Wer aber bilanziert, wie es denen ergeht, die (in diesem Fall mindestens) 100 Tage aus dem Amt sind? Wir tun es, was sich dieses Mal besonders lohnt, weil mehr als die Hälfte des Kabinetts der ersten Jahreshälfte nun nicht mehr Mitglieder sind. Und das sind die Ergebnisse.

Carsten Sieling

Es war einmal: Carsten Sieling, Präsident des Senats, Bürgermeister und damit Regierungschef des Bundeslandes Bremen. Das ist nun Historie, Zeitgeschichte. Nach der SPD-Niederlage bei der Bürgerschaftswahl im Mai 2019, als die Christ- die Sozialdemokraten erstmals überflügelten, wuchs der Druck – viele erwarteten von ihm den Rücktritt als Bürgermeister, auch Genossen der eigenen Partei. Als das Bündnis der SPD mit den Grünen und der Linken aufs Gleis gebracht war, kündigte er seinen Amtsverzicht an. Im August war es so weit.

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Und nun? Seither ist Sieling „normaler“ Abgeordneter in der Bürgerschaft, wo er einst SPD-Fraktionschef war. Ein Vergleich zu Klaus Wedemeier drängt sich auf, der ebenfalls nach seiner Amtszeit als Präsident des Senats zurück ins Parlament ging. Sieling selbst verweist auf den gerade verstorbenen Moritz Thape. Er war Bürgermeister – und hatte ebenfalls anschließend im Plenum Platz genommen. Mitglied im Haushaltsausschuss, in der Wirtschaftsdeputation – langweilig wird es dem Abgeordneten Sieling eher nicht. Aber Präsident des Senats zu sein, ist eben doch etwas anderes. Jetzt hat er zum Beispiel keinen „Apparat“ mehr, der mancherlei erledigte. „Meinen Alltag organisiere ich wieder ganz alleine“, berichtet er. Und er hat erfahren, wie vertrackt das manchmal ist. Ein Beispiel: sein neues Handy.

Zeit als Regierungschef holt Sieling immer wieder ein

Zwar sei auch, wie er sagt, der Einsatz als Parlamentarier zeitaufwendig, aber es sei eben „nicht so verdichtet“ wie an der Spitze der Regierung. Regelmäßig hole ihn auf willkommene Weise seine Zeit als Regierungschef ein: „Wenn ich auf der Straße bin, sprechen mich die Menschen an.“ Richtig weg war Sieling seit Sommer nur einmal – gut zwei Wochen „Herbstferien in Italien“. Ansonsten ist er, wenn es die Zeit zulässt, in der Hansestadt mit dem Fahrrad unterwegs. Dabei kann er gut „ausspannen“.

Einmal Bürgermeister, immer Bürgermeister? Es ist nicht viel anders als bei den Senatoren, die dies ein Leben lang bleiben und nur nicht das Kürzel für „außer Dienst“, a.D., vergessen dürfen. Carsten Sieling bleibt Bürgermeister, lediglich ein „Alt-“ wird vorangestellt.

Karoline Linnert

Sie war immer da – so der erste Eindruck. Der ist nicht ganz unberechtigt: Denn Karoline Linnert war ab 2007 Senatorin für Finanzen und Bürgermeisterin. Das alleine mag genügen, um die Überzeugung zu nähren, sie sei eigentlich schon immer Grüne in der vordersten Reihe gewesen. Und davor war sie ja auch noch rund ein dreiviertel Jahrzehnt streitbare Vorsitzende ihrer Parlamentsfraktion und noch davor Bürgerschaftsabgeordnete, die schon damals Konflikte nicht scheute.

Vor 101 Tagen war es dann vorbei. Die energievolle Linnert schied aus dem Senat aus, ist jetzt Privatperson. Wie geht sie damit um? „Ich genieße eine Freiheit, wie ich sie mein ganzes Leben noch nie hatte“, lautet ihre spontane Reaktion auf die Erkundigung, „den ,großen Schock’ gibt es nicht, nicht einmal einen kleinen“. Man nimmt es ihr ab. Aber es drängt sich die Nachfrage auf, wie sie denn diesen Freiraum ausfüllt. Auch jetzt kommt die Antwort so schnell, dass man sich sicher ist: Sie hat schon oft darüber nachgedacht und gesprochen. Die Grüne sagt, sie widme sich unter anderem ihren Pflanzen. „Wenn es das Wetter zulässt, mähe ich den Rasen, das wird richtig Zeit.“

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So etwas wartet jetzt zu Hause auf die frühere Finanzsenatorin, die eisenhart unter anderem den bremischen Sanierungskurs durchgesetzt hat. Sie geht dann unter anderem in ihren Kleingarten, ebenso wie in ihre Wohnung im Bremer Osten. Sie habe gut zu tun, wenn es gelte, beispielsweise Bäume zu beschneiden, um dann das Holz der zerkleinerten Äste „auf Beeten und unter den Sträuchern zu verteilen“. Es müsse auch noch manche Blume umgetopft und das abgeerntete Obst eingelagert werden. „Es fehlte mir sonst oft die Zeit, alles ordnungsgemäß zu machen – so fielen Äpfel zu Boden und wurden regelmäßig von Schnecken oder Igeln vertilgt.“

Kann es eine Vollblutpolitikerin wie Linnert auf Dauer dabei bewenden lassen, sich mit Ästen und Äpfeln zu beschäftigen? Natürlich suche sie auch „nach Möglichkeiten“, ihre Kenntnisse und Erfahrungen einzubringen, sich „nützlich zu machen“, wie sie sagt. Es gebe bereits entsprechende Kontakte. Zu wem? Die Frage weist sie zurück: „Ich rede nicht über ungelegte Eier.“

Martin Günthner

Er ist zu jung, um sich ganz aus dem Berufsleben zu verabschieden, vielleicht auch zu jung, um sich komplett aus der Politik zurückzuziehen. Mit 43 Jahren ist Martin Günthner in einem Alter, in dem andere eine erste Top-Position besetzen und sich darin beweisen. Der Bremerhavener wurde bereits im Februar 2010 Senator für Wirtschaft und Häfen, später war er im Kabinett für Wirtschaft, Arbeit und Häfen zuständig.

Mitte Juni dieses Jahres schied Günthner auf eigenen Wunsch aus dem Senat aus, insofern ist er schon deutlich länger als 101 Tage nicht mehr in Amt und Würden. „Das habe ich ganz bewusst gemacht, nach fast zehn sehr intensiven Jahren im Senat.“

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Günthner landete gewissermaßen weich. Er wurde (wieder) zum stellvertretenden Vorsitzenden der SPD-Bürgerschaftsfraktion gewählt und ist Sprecher für Medien und Digitalisierung. Parlamentserfahrung sammelte er schon vorher: Von 1997 bis 1999 in der Stadtverordnetenversammlung Bremerhaven, von 1999 bis 2010 im Landtag. Zudem ist er seit sieben Jahren Vorsitzender der SPD Bremerhaven. Obgleich beide Ämter Zeit kosteten, seien seine jetzigen Arbeitstage kein Vergleich zu denen eines Senators. „Ich bin jetzt relativ frei in meiner Arbeit.“ Als Senator „ist man durchgetaktet von morgens bis abends, das gesamte Jahr hindurch.“ Jetzt biete sich die Gelegenheit, „auch mal wieder das eine oder andere Buch zu lesen und nachzuholen, was ich lange versäumt habe“.

Twitteraccount über regionale und überregionale politische Fragen

Eine Art Arbeitsnachweis über sein politisches Engagement erbringt Günthner täglich in den sozialen Netzwerken. Er hinterlässt seine Spuren vor allem bei Twitter, wo @MartinGuenthner an die 1800 Follower hat und sich mit regionalen und überregionalen politischen Fragen beschäftigt.

Ob er eines Tages außerhalb der Politik seine Brötchen verdienen will und wird, ist noch offen, sagt Martin Günthner. „Ich mache das schon eine ganze Zeit, und wenn man sich darauf verlässt, dass das immer so weiter geht, ist man möglicherweise irgendwann verlassen.“ Unabhängigkeit sei ihm wichtig, deshalb nutze er die Zeit und die andere Rolle, um „den Blick zu weiten und zu gucken, wo es hingehen soll“.

Joachim Lohse

Joachim Lohse ist ganz entspannt. Kein Blick zurück im Zorn? Überhaupt nicht, sagt Lohse. „Das war die schönste berufliche Station, die mir bisher vergönnt war, auch wenn ich mir gewünscht hätte, dass manches schneller gegangen oder die finanziellen Spielräume größer gewesen wären.“ Aber grundsätzlich sei er mit seiner Bilanz zufrieden. Er war gut acht Jahre lang Senator. Schon im April 2018 hatte er angekündigt, nach der Wahl im Mai nicht mehr für das Amt zur Verfügung zu stehen.

Was macht der ehemalige Bau-, Verkehrs- und Umweltsenator ohne sein strapaziöses Amt? „Da wird viel vermutet“, sagt Lohse und hat daran offenbar sein stilles Vergnügen. Das bekomme er mit, wenn er in Bremen sei. Tatsächlich nehme er sich bis Ende des Jahres eine Auszeit, ganz bewusst – „ich habe mir selbst eine Sabbatzeit verschrieben“. Viele Jahre sei er beruflich gependelt, von Hamburg nach Bremen, zuvor nach Kassel und Freiburg. „Da bleibt ein bisschen auf der Strecke, was die Familie, was Freundschaften, Gesundheit und Sport betrifft.“ Das hole er jetzt nach, sagt der Grüne, weiterhin Parteimitglied in Bremen.

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Regelmäßig ist Lohse in Bremen, und so ganz lassen ihn die Fragen, die ihn im Amt beschäftigten, auch in seiner Sabbatzeit nicht los. „Ich bin fachlich weiter an den Themen dran und relativ viel auf Veranstaltungen unterwegs, auch häufiger in Berlin“, beispielsweise wenn es um Mobilitätswende, Klimawandel, Radverkehr gehe. Auch zu einigen früheren Kollegen halte er den Kontakt aufrecht.

Was geschieht nach der Auszeit, nächstes Jahr? Nichts Genaues weiß man nicht. „Ich bin noch dabei, mir selbst die Karten zu legen. Ich bin bald 61, da macht man voraussichtlich noch eine berufliche Station, vielleicht auch zwei. Da stürzt man sich nicht ins erstbeste Abenteuer, sondern guckt, was man wirklich will.“ Eine zentrale Frage sei für ihn, „ob man sich noch mal so exponieren möchte wie als Senator“. Das habe fraglos Vorteile, aber eben nicht nur. Manches spreche auch für „etwas Ruhigeres“, bei dem man weniger Angriffsfläche biete. „Ich führe Gespräche in verschiedene Richtungen. Da wird schon etwas Gutes bei herauskommen.“

Eva Quante-Brandt

Vor gut drei Monaten war Schluss im Senat. Sozialdemokratin Quante-Brandt war 2011 Bremer Bevollmächtigte in Berlin und Brüssel geworden und hatte ab Ende 2012 zunächst die Ressorts für Bildung und Wissenschaft geleitet. Dann bekam die Professorin 2015 bei einem neuen Senatszuschnitt zur Wissenschaft noch die politischen Felder Gesundheit und Verbraucherschutz hinzu.

Nach der Bürgerschaftswahl schied sie aus dem Kreis der Landesregierung aus. Aber damit kehrte sie nicht zugleich allen politischen Funktionen den Rücken. Sie wechselte auf einen Abgeordnetenplatz in der Bürgerschaft. Überbordend Zeit, beispielsweise für einen längeren Aufenthalt auf Spiekeroog („meine zweite Heimat“), hatte sie bisher nicht. Die Hochschullehrerin hat im Parlament unter anderem die Funktion der stellvertretenden Sprecherin in der Sportdeputation übernommen. „Das ist für mich optimal, schließlich komme ich aus dem Sport.“ Zu ihren Leidenschaften zählt sie Laufen, Pilates – und nicht zuletzt das Schwimmen.

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In ihrer neuen Rolle steht sie manchmal morgens – und eigentlich noch zu nachtschlafender Zeit – am Hauptbahnhof auf dem Bahnsteig und wartet auf den Zug, damit sie als bremische Abgeordnete einen sportpolitischen Termin in Berlin nicht verpasst (zu dieser Jahreszeit mit Nebel und Kälte kann die Floskel „Klappern gehört zum Handwerk“ eine zusätzliche Bedeutung bekommen).

Die Pädagogin kann sich ihre Zeit jetzt anders einteilen als zuvor in Regierungsverantwortung. Und sie macht keinen Hehl daraus, dass das auch guttun kann: „Es freut mich, wenn ich einige Sachen etwas langsamer machen kann.“ Zusätzlicher Freiraum komme außerdem dem abendlichen Privatleben zugute. „Was Bremen allein an Theatervorstellungen zu bieten hat . . .“, schwärmt Eva Quante-Brandt. Zudem profitiere eine ihrer Vorlieben: das Lesen. Nicht, dass sie Krimis verachtet, aber jetzt soll es aktuell der Titel „Herkunft“ sein: Literatur. Eher etwas für das heimische Sofa. Zur Ergänzung holt sie während eines Gesprächstermins aus ihrer Tasche das Buch, das sie unterwegs liest: „Wir sind Gedächtnis“ von Martin Korte.

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