Jacobs-Professor Möllering hält Vortrag

Was Firmen von der Hanse lernen

Bremen. War die Hanse mehr als eine Gemeinschaft von Egoisten? Antworten auf diese Frage gibt der Jacobs-Professor Guido Möllering am Mittwoch, 11. Juni, um 18 Uhr im Spicarium im Rahmen der Vortragsreihe „Fenster der Wissenschaft“.
09.06.2014, 06:00
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Was Firmen von der Hanse lernen

Die Kogge steht als Symbol für den Erfolg der Hanse – die Händler-Gemeinschaft funktionierte aber nur durch ihre Vertrauensbasis, schildert Guido Möllering.

War die Hanse mehr als eine Gemeinschaft von Egoisten? Antworten auf diese Frage gibt der Jacobs-Professor Guido Möllering am Mittwoch, 11. Juni, um 18 Uhr im Spicarium im Rahmen der Vortragsreihe „Fenster der Wissenschaft“. Über das Thema seines Vortrags „Vertrauen in der Hanse“ hat Volker Kölling vorher mit ihm gesprochen.

Herr Möllering, Sie sprechen von Vertrauen in der Hanse. Dabei sind in diesem Zusammenschluss viele Städte doch gar nicht so richtig freiwillig eingetreten, oder?

Guido Möllering: In meiner Forschung geht es mehr um das Netzwerk der Kaufleute als um die Städte. Die Städtehanse folgte auch erst später und baute auf, auf dieses Netzwerk der Kaufleute, das sich schon vorher etablierte. In der Tat gab es Städte, die zeitweise ausgeschlossen wurden, wie unter anderem auch Bremen – mehrfach. Umgekehrt gab es auch Städte, die praktisch gar keine andere Wahl hatten, als beizutreten. Im Grunde war es trotzdem ein freiwilliger Zusammenschluss.

Noch ein paar Jahrhunderte vorher waren Wikinger die Kaufleute des Nordens. Die griffen schnell zum Schwert, wenn es nichts mehr zu Handeln gab. War das auch noch so zur Anfangszeit der Hanse?

Man muss sich die Hanse im Kern vorstellen als eine Gemeinschaft niederdeutscher Kaufleute, die im Ausland eine Handelslizenz bekamen. Um Mitglied der Hanse zu werden musste man Deutscher sein und in einer anderen Stadt als Kaufmann anerkannt sein. Ein Hansekaufmann war also jemand, der in ausländischen Städten Handel betreiben durfte, was keineswegs selbstverständlich war. Es gab in den Handelsstädten Kontore – räumlich abgegrenzte Bereiche, in denen der Handel dann tatsächlich stattfand. Dort hielten sich die Kaufleute auf und übernachteten auch dort.

Die Kaufleute waren keine Adeligen oder Kirchenleute, gehörten also ursprünglich nicht zur regierenden Kaste der Städte. Wodurch wurde ich denn Hansekaufmann?

Der Kaufmann an sich hatte ein gewisses Kapital, mit dem er Waren erwerben konnte. Die Kaufleute waren keine Adeligen, sondern haben den Adel und die Kirchen versorgt mit Waren aus dem Ausland. Im Prinzip hatten alle ein Interesse, dass dieser Handel stattfand, aber jeder wollte ihn auch kontrollieren. Die Hanse war so ausgerichtet, dass die Kaufleute sich eben nicht zu sehr von anderen kontrollieren lassen wollten.

Die Bremer Handelskammer im Schütting sieht sich heute noch als Gegenpol zum Rathaus. Das drückt sich auch in dem prachtvollen Gebäude aus, das man bewusst gegenüber von Rathaus und Dom gebaut hat. Ist das nur in Bremen so gewesen?

Das war auch anderswo so: zum Beispiel in Lübeck und in Brügge. Man sieht an den Gebäuden: Die Kaufleute verfügten über Reichtum. Man hat sich aber auch in den Kirchen als Stifter betätigt und so seine Einflussmöglichkeiten gezeigt.

Wie sind Sie als Wirtschaftswissenschaftler und Vertrauensforscher eigentlich auf das Thema Hanse gekommen?

In heutiger Zeit sind Netzwerke zunehmend wichtig. Die Unternehmen können gar nicht mehr agieren ohne Kooperationspartner. In der Untersuchung von Unternehmensnetzwerken taucht immer wieder die Hanse als historischer Vorläufer auf, als frühes Beispiel, dass Wirtschaften in Netzwerken stattfindet und Vertrauen erfordert. So bin ich darauf gekommen zu gucken, ob Vertrauen in der Hanse wirklich eine Rolle gespielt hat. Und das Thema passt natürlich prima für die Vortragsreihe „Fenster der Wissenschaft“ im Spicarium.

Lässt sich denn bei dieser Forschung echtes Vertrauen finden oder war das verbindende Element nicht eher die Geldgier?

Viele sagen: Die Hanse war eine Gemeinschaft von Egoisten. Nun kann man ja aber den Schwerpunkt auf „Gemeinschaft“ legen oder auf „Egoisten“. Es waren letztlich Kaufleute, die ihr Geld vermehren wollten und die nicht vorrangig anderen Gefallen tun wollten. Allerdings haben sie sich oft gegenseitig Gefallen getan und sich aufeinander verlassen. Auf Dauer weiß man: Irgendwann brauche ich auch etwas und dann kommt die Gegenseitigkeit zum Tragen – und zwar ohne engen Vertrag auf der Basis von Vertrauen.

Das ist auch der Grundkodex jeder Mafia. Gab es denn einen Grundkodex oder was schützt mein Leben vor dem Kollegen, wenn ich da mitmache?

Der Druck, Gefälligkeiten auch zurückzugeben, resultierte auch daraus, dass man nicht ausgeschlossen werden wollte. Für den einzelnen Kaufmann war es beispielsweise extrem wichtig, in den Kontoren verkehren zu dürfen. Sonst bekam der viele Informationen überhaupt nicht.

Wann kommt der nächste Fellhändler, wo wird Bier gebraucht?

Genau. Jeder schrieb andauernd Briefe. Und wer einen Brief bekam, der hat auch Informationen weitergegeben, wenn er glaubte, seine Geschäftspartner könnten dadurch profitieren. Das gehörte dazu. Man hatte Antworten auf wichtige Fragen: Was ist los in Brügge und in London? Wo ist jemand, der neue Pelze braucht? War man von solchen Informationsflüssen ausgeschlossen, war das tödlich. Schon um reinzukommen in die Hanse wurde aber sehr genau darauf geachtet, dass derjenige den passenden Hintergrund hatte. Man musste eben Deutscher sein, und dann waren Verwandtschaftsbeziehungen ganz wichtig. Da wurde auch strategisch geheiratet. Gemeinsame Wertvorstellung war die Identifikation mit dem Bild des freien Bürgers, der nicht nur Handlanger des Adels und der Kirche ist. Das waren wichtige Werte, um anerkannt zu sein, wie auch, sich in seinen Geschäften korrekt zu verhalten.

Tatsächlich konnte man sich angesichts der Unsicherheit der Handelswege doch auch nie sicher sein, ob aus einem Geschäft überhaupt etwas wurde. Viele Koggen gingen einfach verloren.

Richtig, auch Piraterie war da ein großes Thema. Aber man hätte ja auch sagen können: Ich bin überfallen worden und verkaufe die Ladung anderswo weiter. Betrugsmöglichkeiten waren gegeben, auch dadurch, dass die Welt damals eben noch ganz anders aussah als heute. Es konnte viel schiefgehen. Die Verkehrswege waren anders, die Rechtsmittel und überhaupt die Möglichkeit herauszufinden, was passiert war. Die Kaufleute waren sehr verwundbar: Man darf sich das nicht so vorstellen, dass der einzelne Kaufmann im Luxus gelebt hat. Gerade in der Frühzeit der Hanse hat der einzelne Kaufmann alles, was er verdient hatte, sofort wieder reinvestiert. Der hatte nur sein eigenes Taschengeld. Das Vermögen eines Kaufmanns war immer auf irgendeinem Schiff und nicht angelegt in Gold, Schmuck und Luxusgütern.

Die prachtvollen Steinhäuser aus der Hochzeit der Hanse lassen vergessen, dass alles mit Bretterbuden und einem matschigen Ufer an der Schlachte angefangen hat.

Absolut, in der Anfangszeit der Hanse sind die Händler ja auch noch selbst mitgefahren. Es war ein Zeichen großen Erfolges, wenn der Kaufmann nicht mehr selbst mitfahren musste oder so viele Schiffe auf Fahrt hatte, dass er es nicht konnte. Dann musste er Vertrauen aufbauen zu den Kapitänen und Kollegen, denen er seine Waren anvertrauen musste. Und dennoch war mit dem Versinken eines Schiffes wieder ein Großteil seines Vermögens verschwunden. Man verteilte dann sein Risiko mit anderen Kaufleuten auf mehrere Schiffe. Man war trotzdem sehr verwundbar. Später waren auf der gleichen Route dann sehr viele Schiffe unterwegs und man hatte sich im Blick.

Das war also Konvoifahrten, wie sie heute wieder am Horn von Afrika praktiziert wird. Können wir noch mehr von der Hanse für heute lernen?

Für heute lernen wir daraus, dass es wichtig ist, ein Netzwerk von Partnern zu haben. Viele haben sich heute so auf ihre Kernkompetenzen konzentriert, dass sie für alles Partner brauchen, sei es für den Logistikbereich, Lieferanten, sei es der Vertrieb. Die Netzwerke, die Unternehmen um sich herum aufbauen, sind mindestens so vielfältig wie zur Hansezeit und oft sind das ähnlich langfristige und vertrauensvolle Bindungen. Die Reputationsmechanismen sind auch sehr wichtig für kleine und mittelständische Unternehmen. Es ist entscheidend für wirtschaftlichen Erfolg, bekannt zu sein, einen guten Ruf zu haben und dass Empfehlungen ausgesprochen werden. Es gibt auch in Bremen und umzu Vereinigungen wie „Business Network International“, mit Frühstückstreffs für Empfehlungen unter den Firmen: Der Autohändler empfiehlt den Steuerberater und umgekehrt.

Zur Person: Guido Möllering hat in Münster, Portsmouth und Cambridge Betriebswirtschaft studiert und 2011 an der FU Berlin seinen Professor gemacht. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Platjenwerbe.

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