Hochschule Bremen befasst sich in einem Symposium erstmals mit ihrer 1934 gegründeten Vorgängerinstitution

"Was nordische Männer für Kunst erklären"

Altstadt. Eine Geschichte der Hochschule für Künste (HfK) Bremen während des Nationalsozialismus ist bisher nicht geschrieben. Erstmals befasste sich ein Symposium in der Dechanatstraße mit der "Nordischen Kunstschule", die 1934 als Nachfolgerin der gewerblichen Kunstschule gegründet worden war. Der Titel "Aus dem Urgrund Deutsch-Nordischen Volkstums" ist ein Zitat des Gründungsrektors der damaligen Nordischen Kunsthochschule, des Worpsweder Malers Fritz Mackensen.
24.02.2011, 05:00
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Von Susanne Labatzke

Altstadt. Eine Geschichte der Hochschule für Künste (HfK) Bremen während des Nationalsozialismus ist bisher nicht geschrieben. Erstmals befasste sich ein Symposium in der Dechanatstraße mit der "Nordischen Kunstschule", die 1934 als Nachfolgerin der gewerblichen Kunstschule gegründet worden war. Der Titel "Aus dem Urgrund Deutsch-Nordischen Volkstums" ist ein Zitat des Gründungsrektors der damaligen Nordischen Kunsthochschule, des Worpsweder Malers Fritz Mackensen.

Professor Manfred Cordes, der amtierende Direktor der HfK, begrüßte die Experten und das Publikum mit den Worten: "Wir erwarten keine Antworten, sondern eher Fragen." Diesen Gedanken konnten die Zuhörer der Referate nachspüren.

Mit dem Vortrag von Professor Hans-Ulrich Thamer von der Universität Münster über die NS-Kulturpolitik begann das Symposium. Die Zuhörer erfuhren, dass es keine alleinige ideologische Kulturlinie gab, sondern viele verschiedene. Hierarchisch seien die Institutionen alle der Reichskulturkammer zugeordnet gewesen. Trotzdem habe es keine klaren Vorgaben des kulturpolitischen Verhaltens gegeben. Nicht unbedingt hätten Institutionen wie Museen oder Hochschulen die Rassenideologie übernehmen müssen. Der 67-jährige Professor aus Münster, der vor vielen Jahren als Doktorand im Bremer Staatsarchiv forschte, fasste zusammen, dass es eine enorme Selbstanpassung gegeben habe, häufig um den eigenen Aufstieg im NS-Kulturbetrieb zu befördern.

Im Vortrag "Die Nordische Kunsthochschule Bremen - Eine vorläufige Bilanz" schilderte der Kölner Historiker und Autor Hans Hesse sogenannte "Fraktionierungen" innerhalb der Lehrkörper und der Studentenschaft. Eine umfassende Bilanz sei zu dem jetzigen Zeitpunkt noch nicht möglich, da die Quellenlage schwierig sei. Außerdem müssten die Quellen erst unter den Gesichtspunkten der NS-Kultur- und Hochschulpolitik sowie dem Schaffen der Direktoren und der Studenten befragt werden. Der in der Vahr aufgewachsene Historiker hat in seinen Forschungen den Fall des ermordeten Studenten Kurt Elvers aufgearbeitet. Dessen Denunziation durch einen Mitstudenten und den damaligen stellvertretenden Direktor Hans Groß, der sich an die Gestapo wandte, sei ein Beispiel für die Zusammenarbeit zumindest eines Vertreters der Nordischen Kunsthochschule mit den nationalsozialistischen Behörden.

Nach der Pause sprach Kai Artinger, Kunsthistoriker und Buchautor aus Bremen, über den Gründungsrektor und Maler Fritz Mackensen. In seinem Vortrag "Überzeugungstäter und unbelehrbar?/!" erwähnte er, Mackensen habe als Rektor vorgehabt, die Hochschule nach Adolf Hitler zu benennen. Kai Artinger schlug vor, sich bei der Erforschung der Geschichte der Norddeutschen Kunsthochschule an die Systematik von Hans Hesse zu halten und auch die damaligen Verbindungen mit anderen Einrichtungen wie der Kunsthalle Bremen in den Blick zu nehmen.

Der Direktor der Städtischen Galerie, Professor Joachim Manske, sprach im Abschlussvortrag über Rudolf Hengstenberg, den letzten Rektor der "Nordischen Kunsthochschule". Hengstenberg war in seiner kurzen Amtszeit bis 1945 häufig als sogenannter "OKW-Maler", als Maler des Oberkommandos der Wehrmacht, im Kriegseinsatz. Joachim Manske schrieb Hengstenberg eine gewisse Kriegsfaszination zu, die in seinen Werken deutlich zum Ausdruck komme: "Er war gern Soldat." Aufgrund seiner Abwesenheit von der Hochschule sei sein Einfluss auf die Tätigkeiten der Hochschule eher gering gewesen.

Zwei Zeitungsausschnitte hatte Ralf Schneider vom HfK-Referat für Öffentlichkeitsarbeit, der Organisator des Symposiums, als Kopien ausgelegt, einen aus der Bremer Zeitung vom 10. April 1934: "Kunst ist, was nordische Männer für Kunst erklären. Eröffnung der Nordischen Kunsthochschule in Bremen" und einen aus den Bremer Nachrichten vom 17. Februar 1938: "Studenten schaffen mit im Reichsberufswettkampf". Ralf Schneider moderierte auch die Fragerunde. "Ich sehe leider viele Leerstellen", sagte er. Für eine Geschichte der NS-Vorläufer der Hochschule für Künste Bremen fehle konkret, was genau zwischen 1934 und 1945 passiert sei. "Wir haben die Gründungsakklamationen mit den Zielen und der Vorbildfunktion, und wir haben die Entnazifizierungsakten der Direktoren und der Lehrerschaft der Nordischen Kunsthochschule." Der Nachlass einer ehemaligen Studentin, acht Zeichnungen aus ihrer Studentenzeit und zwei Kompositionen für instrumentales Gitarrenspiel von Hochschuldozenten aus den

40er-Jahren seien das Einzige, was die Hochschule bis jetzt an künstlerischen Quellen habe. Über den Lehrplan oder den Studienalltag gebe es bisher keine eingehenden Untersuchungen. Insofern hat dieses erste Symposium mehr Fragen als Antworten geliefert.

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