Arbeiten am Hohentorshafen Was sich in Bremens kleinstem Hafen tut

Holzhändler und Werftarbeiter arbeiten schon lange im Gebiet von Bremens kleinstem innerstädtischen Hafen. Zuletzt kamen auch immer mehr Honighändler, Künstler und Kreative dazu.
23.04.2017, 20:41
Lesedauer: 5 Min
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Was sich in Bremens kleinstem Hafen tut
Von Sara Sundermann

Holzhändler und Werftarbeiter arbeiten schon lange im Gebiet von Bremens kleinstem innerstädtischen Hafen. Zuletzt kamen auch immer mehr Honighändler, Künstler und Kreative dazu.

Wohl an keinem anderen Ort in Bremen kann man so nah am Stadtzentrum noch Hafenflair erleben. Und zwar Hafenflair, das nicht für Touristen in Szene gesetzt ist, sondern das entsteht, weil ganz normal gearbeitet wird – fast wie in einem großen Hafen, nur alles in klein. Und gerade wird im Hohentorshafen besonders viel gehämmert und geklopft: Sportboote werden flott gemacht für den Frühling, und neue Nutzer richten sich neben dem Hafenbecken ein.

Beim näheren Hinsehen tut sich einiges Neues am Hafenbecken hinter dem Neustädter Bahnhof: In unmittelbarer Nähe zum Wasser haben sich hier über die Jahre nicht nur die Lebensretter der DLRG, Eventagenturen und Erotikartikelproduzenten angesiedelt, sondern auch Architekten und Ausstellungsgestalter, Schiffsliebhaber und Betreiber einer kleinen Bootspension. Und zuletzt sind ins ehemalige Industriegebäude am Hafen auch immer mehr Künstler gezogen: Mehr als ein halbes Dutzend Maler, Bildhauer und Kunststudenten haben inzwischen ihre Arbeitsräume in der Nähe des Hafens.

Komplett neu genutzt wird nun ein schmales Gebäude am Südufer des Hafenbeckens, das zuvor dem Fenster- und Türenhändler Ackermann als Lager diente. Die Firma Ackermann ging pleite, das Gebäude fiel an die Bank, der neue Eigentümer vermietet es nun neu an verschiedene Gruppen, erzählt Hausmeister Ulrich Holtmann. Das fast dreieckige Gebäude sieht von außen noch unbewohnt und etwas sanierungsbedürftig aus.

In den Innenräumen ist viel los

Doch im Inneren tut sich so einiges: Hier werkeln Fahrrad- und Motorradschrauber, hier baut ein Bastler seine eigenen Surfbretter. Auch einige Computer-Experten haben sich in dem Gebäude eingemietet, und eine Capoeira-Schule will dort in dieser Woche ihre Türen öffnen. Lisa Strobel vom Centro Cultural Cazuá schleift gerade Holz für Regale ab und bemalt die Wände: Die Unterstützer der Capoeira-Schule haben den Raum neu gestaltet und farbige Girlanden unter die Decke gehängt. Die ersten Kurse für afrobrasilianische Kampfkunst haben bereits stattgefunden.

Nebenan richtet sich der Künstler Tom Gefken ein, der zuvor viele Jahre im Schuppen 3 in der Überseestadt gearbeitet hat: „Ein halbes Jahr habe ich nach einem passenden Atelier gesucht, hier habe ich es gefunden“, sagt er. „Hohe Decken, Licht, Blick auf den Hafen, das ist hier eine Atmosphäre, die den Kopf frei macht.“ Hier am Hafen komme alles zusammen: alter Handel, Handwerk und zeitgenössische Betriebe. „Die Mischung ist schon klasse.“

Die Holzhändler und Tischlereien im Hafengebiet sind im Laufe der Jahrzehnte weniger geworden, erzählt Hausmeister Holtmann. Dafür sind andere hinzugekommen: Die Eventagentur Ideas, die an Festivals wie La Strada und der Breminale beteiligt ist, und die Firma Sonnentracht, die sich auf Bio-Bienenzucht und pflanzliche Süßungsmittel spezialisiert hat: Jeden Tag werden neben dem Hafen Hunderte Gläser Honig, Kokosöl, Reis- und Limetten-Sirup in Gläser abgefüllt und beschriftet. Der benachbarte Honigimporteur Walter Lang und die Bio-Imkerei Sonnentracht beschäftigen zusammen mehr als 125 Mitarbeiter.

Zusammenspiel von Honig und Kunst

„Gerade die alternativen Süßstoffe boomen“, sagt Firmen-Mitinhaberin Karin Lang. Gerade hat Sonnentracht mehrere 3000 Quadratmeter große Lagerhallen gekauft, die frei wurden, nachdem der Dämmstoffhändler Wego den kleinen Hafen verließ und mehr in Richtung Airportstadt zog.

Zwischen den Hafen-Anrainern gibt es Verbindungen: In den Industriehallen neben der Firma Sonnentracht hat der Künstler Amir Omerovic sein Atelier. Omerovic arbeitet seit 14 Jahren in der ehemaligen Halle einer Baufirma an seinen Plastiken. „Als wir in den Hohentorshafen gezogen sind, war es total ruhig, jetzt lebt es hier richtig – der Ort fängt an, einen eigenen Charakter zu entwickeln“, sagt der Bremer Bildhauer.

Omerovic ist im Hafen im Kontakt mit seinen Nachbarn: Zuletzt hat er sich in seiner Kunst von den benachbarten Honigherstellern inspirieren lassen. Nachdem immer wieder Bienen der Imkerei in sein Atelier flogen, begann er, die Struktur von Waben als Element seiner Plastiken aufzunehmen. Die Honighändler von Sonnentracht gaben ein Kunstwerk bei ihm in Auftrag, er schuf eine Bienen-Königin.

Ein Rest alter Hafenatmosphäre

Omerovic wirkt entspannt. Entspannt und etwas windgegerbt wirken fast alle, die hier am kleinen Hafen arbeiten. Vielleicht bringt das der Ort mit sich, der zugleich abgeschieden und zentral gelegen ist, und der einen Rest der Hafenatmosphäre verströmt, die Bremens Zentrum verströmt haben muss, als an der Schlachte noch Schiffe und nicht vor allem Bierkrüge geleert wurden. Wasserfans sind jedenfalls die meisten, die sich hier am Hafen niedergelassen haben, und die meisten arbeiten mit den Händen: ob als Künstler oder Werftarbeiter, als Sirupabfüller oder Segellehrer.

Denn ja, auch Segeln kann man im Hohentorshafen lernen, oder ein kleines Motorboot mieten: Ein Mitinhaber der kleinen Bootswerft Maleika hat die Segelschule Watt voraus gegründet. Nebenan wird bei Hal Över der Hansekoggen-Nachbau repariert, der im September an die Schlachte zurückkehren soll. Auch die Maleika-Werft repariert Schiffe: Gerade verpasst Schiffsrestaurator Oliver Vuletic einem Sportboot einen neuen Unterboden-Anstrich. Die Werft kann Boote im Winter in ihren Hallen einlagern, Schiffe mit bis zu 120 Tonnen aufslippen und vermietet internationalen Schiffsbesitzern einen Liegeplatz.

Hochzeiten am Hafen

Manchmal ist im Hafen auch richtig was los: Wenn beim deutsch-türkischen Raumvermieter und Veranstalter Gümüs Palast Event Center ein großes Fest gefeiert wird, rücken oft mehrere Hundert Gäste an. Hier werden Säle für Hochzeiten und andere große Feste vermietet, manchmal finden auch Konzerte statt. „Wir haben Platz für 400 bis 500 Leute“, erzählt Geschäftsführer Saffet Gümüs. Mit dem Standort am Hafen ist er sehr zufrieden: „Gottseidank haben wir hier Ruhe und stören keine Anwohner, gleichzeitig sind wir in der Stadtmitte und gut zu erreichen.“ Saffet Gümüs kommt übrigens immer mal wieder rüber zu seinem Nachbarn Amir Omerovic, lädt ihn zu einer Feier ein, oder bringt Essen von einer Hochzeit vorbei.

Auch wer eine Runde durch den Hafen gedreht hat, kann sich stärken: Der Imbiss „Anna Weser“ bietet kleine Hausmannskost an, und seit Kurzem können Hafenbesucher sonntags ab 14 Uhr im „Klabautercafé“ an Bord des roten Segelschiffs „De Liefde“ auf der Weser einen Kaffee trinken.

Das Gebiet am Hohentorshafen ist Gewerbegebiet, daran soll sich laut Baubehörde nichts ändern: Eine Wohnnutzung ist nicht geplant, hier in direkter Nähe des Neustädter Bahnhofs sollen Betriebe Krach machen dürfen. Erneuert und ergänzt werden muss laut Wirtschaftsbehörde die Uferbefestigung am Südufer des Hafens: Hier müsse nachgerüstet werden für den Hochwasserschutz.

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