Bremer Zahnärzte beklagen Patientenschwund

Praxen bald auf dem Zahnfleisch

Wenn Patienten wegen der Corona-Pandemie Behandlungen aufschieben, erhalten alle Fachärzte nach dem jüngsten Gesetzesänderungen Ausgleichszahlungen. Nur die Zahnärzte nicht.
09.04.2020, 08:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Praxen bald auf dem Zahnfleisch
Von Timo Thalmann
Praxen bald auf dem Zahnfleisch

Ein Zahnarzt mit Visier, FFP3 Atemschutzmaske und Virenschutzkittel mit seinen Zahnmedizinischen Fachangestellten.

Robert Michael

Dem Präsidenten der Bremer Zahnärztekammer ergeht es nicht anders, als seinen Kollegen. Die Praxis von Wolfgang Menke am Osterdeich läuft aktuell nur noch mit halber Kraft. Die Belegschaft ist in Kurzarbeit, und wo gewöhnlich drei Zahnärzte arbeiten, ist es jetzt nur noch ein Kollege anwesend. „Ich selbst bin aktuell nur noch an zwei Tagen in der Woche regelmäßig vor Ort“, sagt Menke. Entsprechend eingeschränkt sind nun seine Sprechzeiten.

Dabei gibt es trotz der Corona-Pandemie keine amtliche Anordnung, die Arbeit der Praxis ruhen zu lassen. Im Gegenteil: Die Zahnärzte als Teil des Gesundheitssystems dürfen gar nicht schließen, sondern sind verpflichtet, die zahnärztliche Versorgung durchgehend sicher zu stellen. „Aber die Patienten spielen da leider nicht mit“, sagt Menke. Reihenweise werden Termine abgesagt und verschoben. Jede nicht zwingend notwendige Behandlung wird auf Eis gelegt. „Im Grunde sind alle Praxen auf dem Niveau der Notversorgung“, sagt der Ärztefunktionär. Nur wer Zahnschmerzen habe, setze sich noch auf den Stuhl.

Neben der Vorgabe der Behörden, derzeit unnötige Gänge aus dem Haus zu unterlassen, spielt nach Angaben Menkes vor allem die Sorge vor einer Ansteckung beim zwangsläufig dichten Kontakt von Arzt, Helfern und Patienten eine Rolle. „Dabei liegt das Risiko eigentlich eher bei uns Behandlern.“

Für Jörg Bauer, Hauptgeschäftsführer der Zahnärztekammer, gibt es aber ohnehin keine reale Gefahr. „Alle Zahnärzte arbeiten immer mit hygienischen Standards, die eine Ansteckung mit Infektionskrankheiten für alle Beteiligten sehr unwahrscheinlich machen, schon aus eigenem Interesse“, betont er. Schließlich könne es immer sein, dass ein Patient eine übertragbare Krankheit in die Praxis bringe, ganz ohne Corona-Pandemie. Echte Probleme seien derzeit eher die Versorgung der Praxen mit Schutzkleidung, Masken und Handschuhen. „Wenn die Hygiene-Standards mangels Material nicht mehr gewährleistet werden können, wird sowieso keine Behandlung mehr angeboten“, sagt Bauer.

Lesen Sie auch

Der Schwund der Patienten hat für die Praxen nach Angaben der Zahnärztekammer allerdings dramatische Folgen: Die Einnahmen brechen weg. Weil die Zahnärzte aber nicht schließen dürfen, bleiben die Möglichkeiten begrenzt, Kosten zu sparen. Bauer berichtet, dass es deshalb bereits zu ersten Entlassungen in einzelnen Praxen gekommen sei. Menke vermutet, dass vor allem ältere Kollegen, die in diesem oder nächsten Jahr in den Ruhestand gehen wollten, jetzt ihre Praxen vorzeitig aufgeben und sich nicht mehr um wirtschaftliche Hilfe und Kurzarbeit bemühen.

Den Zahnärzten geht es nicht anders als den Handwerksmeistern: Sie können als Freiberufler die Unterstützung durch Hilfskredite des Landes und des Bundes für Unternehmen in Anspruch nehmen, sind aber im Gegensatz zu anderen Arztpraxen nicht unter einen gesonderten Schutzschirm gestellt. Denn das sieht das jüngst verabschiedete Covid-19- Krankenhausentlastungsgesetz vor. Die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte können danach mit Ausgleichszahlungen rechnen, wenn sich infolge der Covid-19-Pandemie Honorareinbußen ergeben, weil Patienten aktuell Behandlungen aufschieben, die medizinisch nicht akut notwendig sind. Die Zahnärzte- und ärztinnen wurden dabei hingegen nicht bedacht.

Aus Sicht von Bauer ein dicker Fehler in dem eilig verabschiedeten Gesetz. Dementsprechend fordert er im Gleichklang mit der Bundeszahnärztekammer schnelle Nachbesserungen. „Wir möchten einfach genauso behandelt werden wie alle übrigen niedergelassenen Ärzte.“

Lesen Sie auch

Den Unterschied, dass Zahnärzte im Schnitt 50 Prozent ihrer Einnahmen nicht aus der gesetzlichen Krankenversicherung erhalten, sondern durch Zuzahlungen und freiwillige Leistungen wie etwa Zahnreinigungen aus privaten Portemonnaies beziehen, lässt er dabei nicht gelten. „Die Zahnärzte sind ein wichtiger Teil des von dem Gesetz adressierten gesamten Gesundheitssystems und in diesem Sinne keine Unternehmer wie andere.“

Aktuell halten sich die Liquiditätsengpässe der Praxen aber noch in Grenzen, weil die Abrechnungen für das noch völlig normal verlaufene vierte Quartal 2019 jetzt gezahlt wurden. Zudem haben Krankenkassen und Kassenzahnärztliche Vereinigung in Bremen vereinbart, die Abschlagzahlungen für die Praxen aus der gesetzlichen Versicherung einstweilen auf dem üblichen Niveau zu belassen. „Aber natürlich wird das später mit den tatsächlich erbrachten Leistungen verrechnet“, sagt Menke. Spätestens im September dürften sich die aktuellen Einschnitte daher deutlich bemerkbar machen.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+