Patienten vermeiden Untersuchungen Leere Wartezimmer bei Bremer Fachärzten

Die kassenärztliche Vereinigung in Bremen hat in den zurückliegenden Wochen 50 Prozent weniger Termine vermittelt. Doch weil jetzt viele coronabedingte Sonderregelungen enden, dürften die Zahlen bald steigen.
30.05.2020, 05:00
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Leere Wartezimmer bei Bremer Fachärzten
Von Timo Thalmann

Die Zahl der Arztbesuche in den Facharztpraxen scheint seit Mitte März erheblich zurückgegangen zu sein. Zwar liegen genaue Zahlen zum zweiten Quartal noch nicht vor, doch die Kassenärztliche Vereinigung hat bei ihrem Terminservice bis jetzt einen Rückgang von ungefähr 50 Prozent registriert – im Vergleich zu der Zeit vor den Beschränkungen durch die Corona-Pandemie.

Mit der Terminservicestelle kommt die Kassenärztliche Vereinigung seit 2016 ihrer gesetzlichen Pflicht nach, Patientinnen und Patienten innerhalb einer bestimmten Frist einen Termin bei einem Facharzt oder einem Psychotherapeuten zu vermitteln, wenn eine entsprechen Überweisung vorliegt. Allerdings sind die Patienten nicht verpflichtet, sich Facharzttermine darüber vermitteln zu lassen. „Der bemerkenswerte Rückgang ist dennoch ein starkes Indiz für erheblich weniger Arztbesuche“, sagt Christoph Fox. Er ist Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung in ­Bremen.

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Dazu passt auch die Erfahrung von Hans-Michael Mühlenfeld, Vorsitzender des Hausärzteverbandes. „Ich hatte in den zurückliegenden Wochen keine Probleme, meinen Patienten zeitnah Facharzttermine zu besorgen.“ Mühlenfeld erinnert an Zeiten vor Corona, in denen es häufig sehr lange dauerte, bis solche Termine verfügbar waren. Auch deswegen hat der Gesetzgeber den Kassenärztlichen Vereinigungen die Terminservicestellen vorgeschrieben. Im Mai 2019 trat zusätzlich das Terminservice- und Versorgungsgesetz in Kraft, dass niedergelassenen Ärzten vorschreibt, mindestens 25 Wochensprechstunden und fünf offene Sprechstunden pro Woche für Kassenpatienten anzubieten.

Die Sorge vieler Patienten, sich bei einem Arztbesuch mit Corona zu infizieren, hat die Wartezimmer in den zurückliegenden Wochen geleert. Ähnlich wie in den Notaufnahmen haben nur noch Menschen mit sehr akuten Problemen den Weg zum Arzt angetreten. Zusätzlich hat sich die vorsorgliche Rationierung der medizinischen Versorgung, um bei den niedergelassenen Ärzten Kapazitäten zu gewinnen, falls die Zahl der Covid-19-Patienten steigt, ab Mitte März ebenfalls als effektiv erwiesen.

Besuchsfrequenzen zuletzt reduziert

Wie in den Krankenhäusern wurden alle planbare Termine und Behandlungen ausgesetzt und verschoben, soweit dies medizinisch vertretbar erschien. Das betraf bei den niedergelassenen Ärzten vor allem Vorsorgeuntersuchungen sowie regelmäßige Untersuchungen von chronisch kranken Frauen und Männern, beispielsweise mit Diabetes oder koronarer Herzkrankheit. Gewöhnlich nehmen solche Langzeit-Patienten an sogenannten Desease-Management-Programmen (DMP) teil, die in jedem Quartal eine Untersuchung vorschreiben, um frühzeitig Verschlechterungen des Krankheitsbildes festzustellen. Doch wegen Corona wurden die Besuchsfrequenzen zuletzt reduziert.

„Aber diese Änderungen gelten nur befristet und laufen demnächst aus“, sagt Christoph Fox. Das gilt auch für die Möglichkeit, sich mit einem grippalen Infekt per Telefon die Arbeitsunfähigkeit bescheinigen zu lassen. „Diese Regel endet am 31. Mai“, so Fox. Danach wird man für die Krankschreibung persönlich zum Arzt müssen.

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Unter anderem deswegen rechnet die Kassenärztliche Vereinigung wieder mit einer kontinuierlich steigenden Zahl von Arztbesuchen. „Wir merken im Terminservice bereits, dass die Nachfrage parallel zu den allgemeinen Lockerungen in vielen anderen Bereichen seit einigen Tagen wieder anzieht“, sagt Fox.

Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch nehmen

Die Scheu vieler Patienten vor einem Arztbesuch in Zeiten der Corona-Pandemie zeigt Folgen: „Ich sehe jetzt Patienten mit fortgeschrittenerem und schwererem Krankheitsverlauf“, sagt etwa Heiner Wenk. Der Chirurg am Klinikum Bremen-Nord verweist auf deutlich mehr Operationen an entzündeten Blinddärmen und Gallenblasen, bei denen es bereits zu einer Perforation des Organs gekommen sei. Als Vorsitzender der Bremer Krebsgesellschaft empfiehlt er überdies, die Vorsorgeuntersuchungen bei den niedergelassenen Ärzten in Anspruch zu nehmen. „Wir müssen uns bis auf Weiteres auf einen Alltag mit dem Coronavirus einrichten. Arzttermine einfach aufzuschieben, kann daher keine langfristige Lösung sein.“

Hans-Michael Mühlenfeld hingegen kann weniger Untersuchungen etwas abgewinnen. „Viele regelmäßigen Termine bei chronisch Erkrankten kann man abhängig vom Einzelfall guten Gewissens ausdünnen“, sagt der Allgemeinmediziner. Im Vergleich zu allen europäischen Nachbarn habe Deutschland die meisten Arzt-Patienten-Kontakte, ohne dass die Menschen entscheidend gesünder seien. „Die gesunkene Besuchsfrequenz in den vergangenen Wochen kann man auch als Angleichung an den europäischen Durchschnitt interpretieren“, meint Allgemeinmediziner Mühlenfeld.

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