Erreger infiziert 20 Menschen in Bremen Wegen Legionellen: Betriebe müssen Kühlanlagen melden

20 schwere Fälle von Legionellen-Erkrankungen hat es seit Februar in Bremen gegeben - und noch immer ist die Quelle nicht gefunden. Experten vermuten die Erreger in einer verunreinigten Kühlanlage.
11.03.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Frauke Fischer und Christina Steinacker

20 schwere Fälle von Legionellen-Erkrankungen hat es seit Februar in Bremen gegeben - und noch immer ist die Quelle nicht gefunden. Experten vermuten die Erreger in einer verunreinigten Kühlanlage.

Drei weitere Erkrankungen mit Legionellen innerhalb von sechs Tagen, und immer noch können die Bremer Behörden keinen Erreger-Herd ausfindig machen. Seit Donnerstag aber gibt es ein Instrument, mit dem Gesundheits- und Gewerbeaufsichtsamt hoffen, die Ursache für die Häufung von Erkrankungen endlich zu finden. Betriebe sind ab Freitag, 11. März, verpflichtet, ihre Rückkühlanlagen zu melden. Verunreinigte Anlagen könnten nämlich nach Erfahrungen in anderen Städten Quelle der Infektionen sein. Auch hiesige Fachleute vermuten, dass sie für gehäufte Krankheitsfälle und zwei Tote verantwortlich sind. Unternehmen, die solche Einbauten nicht melden, riskieren 50.000 Euro Bußgeld und die Stilllegung der Anlage.

Erst eine Woche ist es her, dass die beiden Staatsräte Gerd-Rüdiger Kück (Gesundheitsressort) und Ronny Meyer (Umwelt, Bau und Verkehr) gemeinsam mit Monika Lelgemann vom Gesundheitsamt und Jörg Henschen vom Gewerbeaufsichtsamt an die Öffentlichkeit gingen. Der Grund: Im Februar waren den Behörden 17 schwere Krankheitsfälle bekannt geworden, ein Patient starb. Drei weitere Fälle hat es seitdem gegeben. Bei ihrem Gang an die Öffentlichkeit am 4. März hatten die Behördenvertreter eingeräumt, dass es im November bereits eine Serie schwerer Krankheitsfälle gegeben hatte. 19 Menschen erkrankten damals, einer starb.

Schwimmbäder, Fitnessstudios, Bürogebäude - 100 Unternehmen im Visier

Da man in allen Fällen den gleichen Legionellenstamm ausgemacht hat, gehen Monika Lelgemann und ihre Kollegen von einem gemeinsamen Infektionsherd aus. Allerdings: Trotz intensiver Suche, 44 Probenentnahmen in 16 Betrieben haben bislang nicht zum Erfolg geführt. Es würden auch Proben von Betrieben genommen, für die es schon Ergebnisse aus Eigenkontrollen gab. „Wir sind ziemlich sicher, dass eine verunreinigte Rückkühlanlage die Ursache ist“, sagte Gerd-Rüdiger Kück. Aufgrund der Patientenbefragungen und anderer Ergebnisse vermuten die Fachleute die Quelle im Bremer Westen.

Lesen Sie auch

Auf etwa 100 Unternehmen mit Rückkühlanlagen schätzt die Gewerbeaufsicht die Zahl in der Stadt. Da diese Anlagen, die mit Kühlwasser arbeiten, allerdings bislang nicht meldepflichtig waren, geht es mit der Entdeckung der Quelle nur langsam voran. Mitarbeiter der beteiligten Behörden erstellen ein Kataster mit allen Betrieben, die sie ausfindig machen konnten. Sie rufen dafür in Frage kommende Unternehmen und Handwerksbetriebe an, die solche Anlagen einbauen. Es fliegen Hubschrauber mit Kameras über das Stadtgebiet, um die Einbauten zu entdecken.

Außerdem werden Patienten ausführlich befragt. Wo arbeiten sie? Waren sie womöglich alle in einem bestimmten Schwimmbad, Fitnessstudio, einer Blumenschau? „Wir arbeiten seit November unter Hochdruck“, versicherte Ronny Meyer am Donnerstag, als die Ressortvertreter gegenüber der Öffentlichkeit die sogenannte Allgemeinverfügung als schärfere Maßnahme zur Meldepflicht verkündeten.

Nur zwei Firmen haben sich bislang gemeldet

Umgehend müssen alle Unternehmen, die solche Kühlanlagen haben – Firmen, Schwimmbäder, Fitnessstudios, große Büro- und Wohngebäude – diese melden. Bislang hatten die Behörden auf Freiwilligkeit gesetzt, eine Telefon-Hotline für private Hinweisgeber und Betriebe eingerichtet. Viele Bürger, aber nur zwei Firmen hätten sich gemeldet.

Der Verursacher der Krankheits- und Todesfälle muss nicht nur mit Bußgeld oder Stilllegung seiner Kühlanlage rechnen. „Es liegt bei der Staatsanwaltschaft, ob sie Anklage wegen fahrlässiger Tötung erhebt“, malte der Staatsrat mögliche Konsequenzen aus. In Jülich, wo es im Jahr 2014 eine Serie schwerer Legionellen-Erkrankungen gab, sei ein Ermittlungsverfahren allerdings eingestellt worden.„Es kann sein, dass die Fälle von Erkrankungen irgendwann aufhören, ohne dass wir eine Quelle gefunden haben“, sagte Meyer mit Blick auf andere Städte.

Legionellen vermehren sich besonders gut in lauwarmem Wasser und gelangen über den Wasserdampf in die Lunge des Menschen. Je nach Zahl der aufgenommenen Erreger und Stärke des eigenen Immunsystems zeigen Menschen mehr oder weniger schwere Symptome, Fieber, trockenen Husten. Kinder und Jugendliche, so Meyer, seien gar nicht erkrankt.

Die Bremer Patienten seien zwischen 45 und 85 Jahre alt, hieß es vergangene Woche. Sieben Menschen lägen weiterhin auf Intensivstationen, zwei seien in kritischem Zustand, so Lelgemann. Sechs hätten das Krankenhaus wieder verlassen. Nach ihren Angaben sind Legionellen „sehr robust“. Die Erreger könnten in einer Dampfwolke gut überleben, zumal sie sich in Wirtszellen wie Amöben versteckten. So erklärt sich, dass Erreger bis zu sechs Kilometer von der Quelle entfernt auftauchen könnten.

Zwei Fälle in Delmenhorst

Unterdessen hat sich der Verdacht auf zwei Legionellenfälle in Delmenhorst bestätigt. Der dortige Amtsarzt Helge Schumann sagte, ein Patient sei nach Hannover verlegt worden, ein weiterer wieder daheim. Man habe Proben aus den Wohnungen der Erkrankten entnommen, deren Ergebnisse Anfang kommender Woche erwartet würden. Da ein Patient in Bremen arbeitete, seien die Fälle an das Bremer Gesundheitsamt gemeldet worden. „Wir gehen davon aus, dass die Ursachen nicht in Delmenhorst zu finden sind“, sagte Schumann. Auch stünden beide Fälle wohl in keinem Zusammenhang.

Auf Norderney war ein Hotel geschlossen worden, nachdem sich dort ein Gast mit Legionellen infiziert hatte. Das Wasserleitungssystem sei saniert worden, hieß es von einem Sprecher des Landkreises Aurich. Inzwischen ist das Hotel wieder offen. Die Dampfsauna allerdings müsse noch geschlossen bleiben, bis die Untersuchungsergebnisse vorlägen.

Bremerinnen und Bremern mit Krankheitssymptomen – hohes Fieber, trockener Husten – sollten sich an ihren Hausarzt wenden, raten die Behördenvertreter. Über das Trinkwasser könne man sich nicht infizieren, weil Legionellen nicht über den Magen-Darm-Trakt aufgenommen werden. Firmenleitungen und Hausverwaltungen in der Stadt Bremen sollen Rückkühlanlagen beim Gewerbeaufsichtsamt per Mail unter office@gewerbeaufsicht.bremen.de melden. Für medizinische Anfragen steht das Bürgertelefon unter 115 bereit.

Monika Lelgemann, Leiterin des Gesundheitsamts, bei der Vorstellung der nächsten Schritte auf der Suche nach der Legionellen-Quelle.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+