Graphic Novel „Ideal Standard“

Weiblich, ledig, jung sucht

Die französische Comiczeichnerin Aude Picault stellt ihr neues Werk „Ideal Standard“ im Institut français vor.
18.09.2017, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Annica Müllenberg
Weiblich, ledig, jung sucht

Die Französin Aude Picault wird nach einer zweisprachigen Lesung Einblicke in den Entstehungsprozess ihres Comics geben.

Rita Scaglia

Ostertor. „Die Liebe fällt nicht vom Himmel“, steht in schreiend großen Lettern auf einem Plakat in der Pariser U-Bahn. Es ist die Werbung für eine Partnervermittlung im Internet. Für Claire, Protagonistin der Graphic Novel „Ideal Standard“, ist die Werbebotschaft eine bittere Erkenntnis. Sie ist Anfang 30, hübsch – und Single. Nichts wünscht sich die Französin mehr, als eine Beziehung, wie sie in Filmen geführt wird, mit einem gut aussehenden Mann, der sie ohne Umschweife liebt und eine Familie gründen möchte. Wo und wann immer es geht, trifft sie mögliche Kandidaten für diese Hauptrolle. Doch immer entpuppt sich der vermeintliche Mister Right nach der ersten Nacht als Niete. Am nächsten Morgen gibt es Kaffee to go – kein ausgedehntes Frühstück, das auf Fortsetzung hoffen lässt. Claire zweifelt an sich und ihren Fähigkeiten, einen Partner zu finden. Mit sich hadernd übersieht sie Franck und seine hartnäckigen Annäherungsversuche. Er ist kein typischer Traumprinz-Verschnitt, aber nach längerem Hinhalten gibt Claire ihm eine Chance. Die Wunschromanze kommt in Gang – Hochzeitsglocken läuten am Ende dennoch nicht.

Die Zeichnerin Aude Picault stellt ihre neue Graphic Novel „Ideal Standard“ am Dienstag, 19. September, ab 19 Uhr im Institut français Bremen vor. Nach der zweisprachigen Lesung gibt die Französin über Skizzen und Bilder Einblicke in den Entstehungsprozess des Comics. 2005 gab sie im Nachbarland ihr Debüt „Moi je” heraus. Seitdem folgten viele gezeichnete Geschichten für Erwachsene und Kinder. Oft stehen Frauen im Mittelpunkt der Bilder. Picault versteht sich als moderne Feministin, die die kleinen, persönlichen Debatten unter die Lupe nimmt. Sie wolle keine unrealistischen Porträts von Frauen und Mädchen zeichnen, die ihre Sorgen durch den Kauf von Schuhen kompensieren, ließ sie wissen. Neben dem Idealismus darf der Humor nie zu kurz kommen. Die Heldinnen stemmen ihren Alltag, stehen zu ihren Träumen, kämpfen für diese, können aber auch über sich lachen. Picault lässt die Leser mit einem Augenzwinkern und einer Portion feiner Ironie am Leben der Hauptfiguren teilhaben.

Während sich Claire auf der Jagd nach dem idealen Partner befindet, durchschreitet sie einen urbanen Wald voller Werbeplakate, die glückliche Paare und Hochzeitsmessen anpreisen. Auf den ersten Blick scheint in Claires Leben viel Glück vorhanden zu sein – sie hat eine schöne Wohnung, treue Freundinnen und einen Job, den sie liebt. Nur wird eine Freundin nach der anderen Mutter und die vielen Babys, die Claire als Krankenschwester auf der Frühchenstation mit Liebe überhäuft, sind nicht ihre eigenen. Claire ist mit ihren Wünschen nicht allein. Sie verkörpert viele junge Frauen, die sich dem sozialen Druck beugen, mit 30 Jahren die Familienplanung zu starten.

Picault schafft es, den Leser über die kleinen Bitterkeiten des Lebens schmunzeln zu lassen. Wenn Claire in rosa Wolken tagträumt, sie würde mit Mann und Kind vergnügt Weihnachtseinkäufe erledigen, hupt ihre Mutter sie im heranbrausenden Auto in die Realität zurück, in der beide einen Mutter-Tochter-Heiligabend verbringen.

Picault, die Visuelle Kommunikation in Paris studierte, zeichnet mit lockeren Strichen und hält die Szenerie hauptsächlich in schwarz-weiß. Nur hin und wieder lenken farbliche Akzente den Blick der Leser. So entsteht ein lebensnahes Bild, manchmal in zarten Pastellfarben, dann wieder in harten Kontrasten – ein Wechselspiel wie es auch in der Liebe passiert.

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