Zugunfall im Bremer Hauptbahnhof Weiche falsch gestellt?

Bremen. Eine falsch gestellte Weiche könnte Ursache für den Zugunfall im Hauptbahnhof sein. 120 Meter Gleis müssen erneuert werden.
06.09.2013, 12:43
Lesedauer: 4 Min
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Weiche falsch gestellt?
Von Sara Sundermann

Bremen. Eine falsch gestellte Weiche könnte Ursache für den Zugunfall im Bremer Hauptbahnhof sein. Eine Metronom-Lok war Donnerstagvormittag kurz vor der Einfahrt in den Bahnhof entgleist, keiner der 50 Fahrgäste wurde verletzt. Die Bundespolizei ermittelte wegen „Gefährdung des Eisenbahnverkehrs“. Der Zugverkehr hat sich nach Angaben der Metronom-Gesellschaft inzwischen weitgehend normalisiert.

Die Bundespolizei hat ihre Untersuchungen bereits abgeschlossen. Jetzt ermittelt unabhängig davon die Eisenbahn-Unfalluntersuchungsstelle des Bundes (EUB). „Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass sich die Weiche unter dem Zug verstellt hat“, sagte EUB-Sprecher Moritz Huckebrink. „Das darf natürlich nicht passieren. Dies kann eine Ursache für den Unfall sein.“ Nun untersucht die EUB, deren Experten gestern in Bremen vor Ort waren, wie es dazu kam, dass die Weiche verstellt wurde und wer dafür verantwortlich ist. „Wir untersuchen vor allem die Betriebsabläufe und die Handlungen des Betriebspersonals“, so Huckebrink. Anders als die Bundespolizei ermittelt die EUB nicht mit dem Ziel, die Frage nach der Schuld zu klären, sondern um durch genaue Kenntnis von Unfallursachen den Zugverkehr sicherer zu machen.

Die Bundespolizei hat bereits ein Gutachten zum Unfallablauf erstellt, will sich dazu aber noch nicht näher äußern. Technisches Versagen sei nicht auszuschließen, man habe vor allem technische Abläufe und Schalterstellungen untersucht, sagt Holger Jurezco, Sprecher der Bundespolizeiinspektion in Bremen. Klar ist offenbar, dass der Zug kurz vor der Einfahrt nur noch mit etwas mehr als 30 Stundenkilometern unterwegs war und damit nicht zu schnell fuhr, bestätigt auch Jurezco.

Nicht nur die entgleiste Lokomotive und ein Waggon sind beschädigt worden, sondern auch das Gleis, auf dem es zum Unfall kam. Die Deutsche Bahn geht von einem Schaden im sechsstelligen Bereich aus. 120 Meter Gleis müssen erneuert und 70 Schwellen ausgetauscht werden. Auch mehrere Teile der elektrischen Weiche, deren falsche Programmierung für den Unfall mitverantwortlich sein könnte, wurden beschädigt. Bahn-Sprecherin Sabine Brunkhorst schätzt die Kosten für die Reparaturen im Oberbau auf 150.000 bis 200.000 Euro. Die Reparaturarbeiten werden der Bahn zufolge noch bis voraussichtlich Montag Nachmittag dauern.

Zur Unfallursache will sich die Bahn nicht äußern. „Wir sind an einer schnellen Aufklärung interessiert und unterstützen die Ermittlungsbehörden“, so Brunkhorst.

Der in Mitleidenschaft gezogene Waggon ist offenbar nur leicht beschädigt, die schwersten Schäden sind an der Lok, erklärt Metronom-Sprecher Hagen Grützmacher. Besonders die Aufhängung der Räder und der Unterboden der Lok seien stark beschädigt worden. Die EUB spricht von diversen Schäden an den Drehgestellen der Lok, die unmittelbar mit den Motoren verbunden sind. „Dort gab es eine relativ hohe Gewalteinwirkung“, sagt Huckebrink.

Die Schäden sind aber offenbar zu beheben: „Es ist teuer, aber die Lok lässt sich auf jeden Fall reparieren“, sagt Metronom-Sprecher Grützmacher. Jetzt gehen Lok und Wagen in die Werkstatt. Sie waren Donnerstagabend bereits wieder aufs Gleis gehoben und nach Sebaldsbrück abtranportiert worden. Zur Reparatur sollen sie ins Bahnbetriebswerk der Metronom in Uelzen überführt werden. Die Lok muss nach Metronom-Angaben wahrscheinlich in Kassel untersucht werden.

Nach Metronom-Angaben hat sich der Zugverkehr inzwischen weitgehend normalisiert, auch wenn das Unfallgleis weiterhin nicht nutzbar ist. „Es kann vereinzelt noch zu leichten Verspätungen kommen, aber insgesamt gehen wir vom Regelbetrieb aus“, so Grützmacher.

Wir haben uns am Bahnhof umgehört, was Bahnnutzer von der Ereignissen der vergangenen Tage halten:

Svea Stratmann, 19 Jahre, Studentin an der Uni Bremen:

„Als der Waggon im Februar entgleist war, war das ziemlich nervig, weil ich aus Langenwedel (Verden) zur Uni in Bremen gependelt bin und gerade eine Hausarbeit schreiben musste. Den Vorfall am Donnerstag habe ich nur zufällig mitbekommen, denn mein Zug fuhr zum Glück normal ab. Ich finde es interessant, dass es schon wieder in Bremen passiert ist. Aber Bedenken, in den Zug zu steigen, habe ich keine. Ich glaube auch nicht, dass es für Metronom nun zu einem Image-Schaden kommen wird.“

Udo Vonhoff, 71 Jahre, Bremer:

„Ich war im Februar direkt betroffen, da musste ich von Delmenhorst mit dem Bus nach Bremen fahren. Heute gab es nur eine Gleisänderung, damit kann man leben. Die Organisation bei der Bahn könnte manchmal besser laufen, aber ansonsten mache ich mir keine großen Sorgen.“

Monika Maniscalco, 43 Jahre, Berufspendlerin von Twistringen nach Bremen:

„Man fragt sich, wie es sein kann, dass es nun schon zum zweiten Mal zu einer Entgleisung in Bremen gekommen ist. Liegt es an der Technik? Man weiß es nicht, denn die Ursache ist ja noch nicht eindeutig geklärt. Man bleibt im Ungewissen – das ist schon ein komisches Gefühl.“

Can Divanoglu, 19 Jahre, Maschinenbaustudent an der Uni Bremen:

„Was die Technik bei den deutschen Bahnunternehmen angeht mache ich mir gar keine Gedanken. Wo soll sie sicherer sein als in Deutschland? Mein Vertrauen ist nach dem Vorfall nicht getrübt. Ich bin das letzte Jahr lang jeden Tag Zug gefahren, hauptsächlich zwischen Bremen und Bremerhaven, und es ist nie etwas passiert. Außer Verspätungen, aber das ist ja nichts Besonderes mehr.“

Anne Wehrhahn, 56 Jahre, Berufspendlerin von Kirchweyhe nach Bremen:

„Ein bisschen mache ich mir schon Gedanken, denn es kann ja jederzeit wieder passieren. Schließlich gab es schon im Februar so ein Unglück. Ich bin mir sicher, dass es auch einen Image-Verlust beim verantwortlichen Unternehmen geben wird. Das Wichtigste ist jetzt erst mal, die Ursache zu ermitteln, damit so etwas in Zukunft vermieden werden kann.“

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