Terror ist Thema Weihnachtsmarkt kurz vor dem Start

Letzte Vorbereitungen auf dem Marktplatz: Bis Sonnabend hatten die Standbetreiber und deren Helfer Zeit, die 200 Buden aufzubauen, sie zu dekorieren und mit Waren zu bestücken. Einen Tag mehr als sonst.
22.11.2015, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Weihnachtsmarkt kurz vor dem Start
Von Antje Stürmann

Die Eiszapfen aus Vlies hängen schief. Ein Mann langt vom Dach der Hütte und zupft sie gerade. Zwei Männer karren Tannenbäume über den Marktplatz. In den Buden drapieren die Inhaber Wollsocken, Miniaturhäuser und Schmuck. Ein zarter Duft von frisch gebackenen Waffeln liegt in der Luft. Passanten freuen sich auf die erste Tasse Glühwein in diesem Jahr. Am Montag ist es endlich soweit: In der Innenstadt eröffnet der Bremer Weihnachtsmarkt.

Bis Sonnabend hatten die Standbetreiber und deren Helfer Zeit, die 200 Buden aufzubauen, sie zu dekorieren und mit Waren zu bestücken. Es ist ein Tag mehr als sonst, weiß Klaus Römer, der im Holzpavillon auf dem Domshof bunte Leuchtsterne und andere Wohndeko anbietet. Mehr Zeit zu haben, sagte er, das mache das Aufbauen entspannter.

Das merken auch die ersten Besucher: Immer wieder fragen Passanten, ob die Buden schon geöffnet haben. Sie haben Lust zu stöbern. Am Stand von Petra Böker wollen sie gebrannte Mandeln kaufen. Bei Peter Schlöndorff fragt einer nach Glühwein. Eine Anbieterin von Waren aus Filz und Wolle staunt: „Es ist spannend, wie viele Leute sich schon von einer halb dekorierten Bude angesprochen fühlen.“ Viele Besucher griffen schon zu den gestrickten Hausschuhen, zu den Mützen und den Wärmflaschenhüllen aus Filz. Wie auf Ansage bleibt ein Pärchen Arm in Arm stehen und zeigt auf eine Tasche: „Die ist schön dort“, sagt die Frau. Vielleicht kommen sie wieder, wenn der Markt geöffnet ist.

Seit 45 Jahren auf dem Weihnachtsmarkt

Ein paar Hütten weiter fragt ein Passant im „Koboldhaus“ nach Neuigkeiten, dort wird Peter Schlöndorff ab Montag Nachbildungen der Häuser im Schnoor aus Keramik im Miniaturformat verkaufen. In diesem Jahr sind die Straßenlaternen neu. „Selbst gemacht und Hand bemalt“, versichert Schlöndorff. Ralf Dietrich aus Bremen ist Sammler und treuer Kunde: Jedes Jahr kauft er ein Haus. Fast alle Miniaturen hat er schon, jetzt fehlen die Laternen. Am Montag will er wiederkommen, dann mit seiner Frau. „Für uns ist der Bummel über den Weihnachtsmarkt ein Muss“, sagt der Bremer. Egal, wie das Wetter sei. Voller Vorfreude ist auch Peter Schlöndorff: „Der Bremer Markt ist einer der schönsten in Norddeutschland“, sagt er. Es sei das besondere Flair, das die Menschen anlocke. „In Bremen ist jede Bude anders gestaltet. Das macht den Markt aus.“ Je weiter man nach Süddeutschland komme, desto öfter würden einheitliche Buden vermietet, sagt Schlöndorff, und desto ähnlicher sehen sich die Märkte seiner Ansicht nach. Zum Weihnachtsmarkt kommt Schlöndorff besonders gern, denn Weihnachten ist für ihn das Fest der Feste. „Wir sind schon seit 30 Jahren jedes Jahr hier vertreten“, sagt der Schauwerbegestalter.

Von Kindesbeinen an erlebe er den Bremer Weihnachtsmarkt. In diesem Jahr hofft Schlöndorff zum ersten Mal, dass alles gut geht. „Die Terroranschläge von Paris werden Gesprächsthema sein“, befürchtet er. „Ich hoffe, dass sich die Leute nicht vom Besuch des Weihnachtsmarktes abhalten lassen.“ Besucher Ralf Dietrich beruhigt ihn: „Darüber mache ich mir gar keine Gedanken“, sagt er. Schlöndorff greift zum Akkuschrauber – eine Lichterkette muss noch angebracht werden.

Hand in Hand bummeln Jannik Tim Zarnitz und Jana Nareyka über den Marktplatz. Die 17-Jährige lächelt. „Der Bremer Weihnachtsmarkt ist so schön dekoriert. Wir schauen schon mal, was es so gibt.“ Schließlich suchen die beiden das ein oder andere Weihnachtsgeschenk. Nebenbei, sagt Zarnitz, gebe es leckeres Essen. Jana Nareyka, die in Hamburg lebt, findet die Stimmung romantisch: „Die Weihnachtsmärkte in Hamburg sind megavoll und nicht so schön dekoriert.“ In der Mandelbrennerei sind die Verkäuferinnen unterdessen fertig mit Aufbauen, Einräumen, Dekorieren. Für Montag rechnet Inhaberin Petra Böker mit vielen Naschkatzen: „Wir haben Stammkundschaft.“ Die Geschäftsfrau ist nach eigenen Angaben seit 45 Jahren auf dem Weihnachtsmarkt vertreten.

Glaube an den Mut der Besucher

Bei Standbetreibern, Besuchern und Verkäufern sind die Sicherheit und die Angst der Menschen vor Anschlägen in diesem Jahr unweigerlich ein Thema. Wenngleich sie sich nicht verunsichern lassen wollen. Eine Verkäuferin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, ist überzeugt: „Der Bremer Weihnachtsmarkt ist kein bevorzugtes Ziel von Terroristen.“ Darum wolle sie auch keinen Gedanken an mögliche Risiken verschwenden. „Meine Mutter dagegen hat Angst“, sagt die junge Frau, während sie eine rote Weihnachtskugel ins Tannengrün bettet. Für sie und für die Besucher hat Petra Böker eine Botschaft: „Wir wollen uns nicht ins Bockshorn jagen lassen. Wir zeigen Flagge, wir kommen her“, sagt sie. Wichtig sei, dass man sich gegenseitig nicht verrückt mache. Natürlich seien die Standbetreiber von der Polizei instruiert worden, aufmerksam zu sein und Auffälligkeiten wie stehen gelassene Rucksäcke zu melden. Natürlich erinnere sie sich an die Situation nach dem Bombenattentat beim Münchner Oktoberfest 1980. „Aber wir wollen uns nicht das Weihnachtsfest kaputt machen lassen“, sagt Böker. „Wenn wir den Weihnachtsmarkt meiden, dürfen wir auch nicht ins Kino, auf die Straße oder zur Osterwiese gehen.“ So denkt auch die Vorsitzende des Vereins der Schausteller und Marktkaufleute, Susanne Keuneke: „Es macht keinen Sinn, nicht zu kommen“, sagt sie.

Ähnlich denkt Klaus Römer, der als Traumatherapeut arbeitet: „Es ist verständlich, dass die Leute auf die Bedrohungslage reagieren, aber ich glaube, dass sie nicht bereit sind, sich so einschränken zu lassen.“ Das sei genau richtig. Er persönlich habe Vertrauen in die Menschen, die in Bremen für die Sicherheit zuständig sind. Der Polizei liegen nach eigenen Angaben derzeit keine Hinweise auf eine konkrete Bedrohung vor. Polizeipräsident Lutz Müller: „Trotzdem sind wir wachsam und sehr sensibilisiert.“ Wie in den vergangenen Jahren werden uniformierte und zivile Einsatzkräfte die Veranstaltungen in der Innenstadt begleiten, so Müller. „Wir sind in engem Austausch mit anderen Sicherheitsbehörden und mit den Marktbetreibern.“ Wer Verdächtiges beobachtet, solle umgehend 110 anrufen.

Peter Schlöndorff glaubt nun fest an den Mut der Besucher: „Je näher Weihnachten rückt, desto mehr werden kommen.“ Die Frau am Filzstand indes wünscht sich nur Schnee, freundliche Kunden, warme Hände und Füße. „Und Freude am Tun.“

Weihnachtsmann kommt zu Besuch

Bremen (akl). Erstmals gemeinsam und drei Tage früher als sonst beginnen am Montag, 23. November, der Bremer Weihnachtsmarkt, der Schlachte-Zauber und der Weihnachtsmarkt der Lloyd-Passage. Eröffnet wird der Weihnachtsmarkt um 16 Uhr mit einer Feierstunde im Dom. Der Eintritt ist frei. Im Anschluss soll der große Tannenbaum vor der Bürgerschaft im Lichterglanz erstrahlen. Der Weihnachtsmann kommt am 24. November um 16 Uhr zur Bühne auf dem Hanseatenhof. Wer ein Gedicht aufsagt, erhält ein Dankeschön. Ab 17 Uhr liest der Rauschebart vor der Bürgerschaft eine Geschichte vor. Die Geschäfte und die Buden auf dem Weihnachtsmarkt sind an allen Advents-Sonnabenden bis 22 Uhr geöffnet. An den Freitagen 4. und 11. Dezember zeichnen um 18, 19 und 20 Uhr Laserstrahlen winterlich-weihnachtliche Motive auf die Türme des Doms.

Freibeuter beim Schlachte-Zauber

Bremen (akl). Ein Feuerwerk auf der Weser und eine Inszenierung sollen am Montag, 23. November, den diesjährigen Schlachte-Zauber eröffnen. So kündigen es die Veranstalter an. Treffpunkt ist um 18 Uhr die Weserpromenade in Höhe Teerhofbrücke. Der Schlachte-Zauber lockt mit winterlichem Flair und einem historischen Freibeuterdorf jedes Jahr Tausende Bremer und Gäste an die Weser. Gastronomen laden in urigen Holzhütten zum gemütlichen Beisammensein ein; Kunsthandwerker bieten an winterlich geschmückten Ständen individuelle Geschenkideen. Zünftig geht es im Freibeuterdorf mit seinem maritimen Charakter zu: Dort kommen Figuren und Requisiten aus der Seefahrerzeit zum Einsatz, versprechen die Organisatoren. Der Schlachte-Zauber ist täglich von 10 bis 20.30 Uhr geöffnet, sonnabends bis 22 Uhr und sonntags ab 11 Uhr.

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