Es geht um die Zukunft der ganzen Stadt: Die Schulen des Stadtteils fordern mehr Bildungsgerechtigkeit Weil Bremen Gröpelingen braucht

Ohlenhof. Gröpelingen schultert Integrationsaufgaben für die ganze Stadt. Was an den Schulen dieses Stadtteils passiert, ist entscheidend für die Zukunft Bremens.
22.08.2016, 00:00
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Von Anke Velten

Ohlenhof. Gröpelingen schultert Integrationsaufgaben für die ganze Stadt. Was an den Schulen dieses Stadtteils passiert, ist entscheidend für die Zukunft Bremens. Damit die hier heranwachsenden Generationen gut und gerne Teil der Gesellschaft werden können, sind wesentlich höhere personelle und finanzielle Ressourcen notwendig - und nichts weniger als gerecht. Inklusion darf nicht als stundenweise Unterstützung Einzelner verstanden werden: Alle Kinder müssen davon profitieren. Das sind, in Kürze zusammengefasst, die Kernaussagen eines Papiers, das eine kleine Gröpelinger Delegation der Bremer Bildungssenatorin übergeben hat. „Gröpelingen bildet 2025“ lautet der Titel der Broschüre, die Zustandsbericht, Mahnung und Maßnahmenkatalog gleichzeitig ist.

Im Februar dieses Jahres waren die Grundschulen im Bremer Westen mit einer Erklärung an die Öffentlichkeit gegangen, in der sie dramatische Defizite bei der Umsetzung der Inklusion anprangerten. Der sogenannte „Brandbrief“ fand ein großes mediales Echo, und es ist nicht so, dass seither nichts passiert wäre. Bildungssenatorin Claudia Bogedan hat sich mehrfach vor Ort informiert, die sonderpädagogischen Ressourcen in Gröpelingen um 117 Stunden erhöht und die Leitungsstellen der Zentren für unterstützende Pädagogik an zwei Schulen wiederbesetzt. Aber das darf nicht alles sein, sagen die Schulleitungen aller neun Gröpelinger Grund- und weiterführenden Schulen. Sie haben gemeinsam mit dem Quartiersbildungszentrum Morgenland (QBZ), und mit Unterstützung von Ortsamt, Beirat und der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung das 30-seitige Positionspapier aufgesetzt.

Die rote Farbe des Titelblatts darf durchaus als Alarmsignal interpretiert werden. Das Heft beginnt mit einer nüchternen Analyse. „Gröpelingen scheint in einer Negativspirale festzuklemmen“, heißt es darin. Die soziale Spaltung zwischen den gut situierten Stadtteilen und Gröpelingen wachse. Im Gegensatz zur gesamtstädtischen Entwicklung stiegen in Gröpelingen Armut, Arbeitslosigkeit und soziale Probleme kontinuierlich – mit alarmierenden Folgen für die Bildungsentwicklung und für das Gemeinwesen als Ganzes. Das gebe „großen Anlass zur Sorge“, warnen die Autoren. Sie definieren Gröpelingen als „arrival quarter“: In den Ortsteilen Lindenhof und Ohlenhof besäßen 65 beziehungsweise 78 Prozent aller Jugendlichen einen Migrationshintergrund. Nicht eingerechnet sind in dieser Statistik die Flüchtlinge sowie EU-Zuwanderer etwa aus Bulgarien und Rumänien. Vielfalt sei in Gröpelingen nicht die Regel, sondern die Norm, heißt es im Positionspapier. Als größter Einwanderungsstadtteil Bremens übernehme Gröpelingen daher eine für Bremen unverzichtbare gesamtgesellschaftliche Aufgabe. „Bremen braucht Gröpelingen“ lautet die Überschrift des ersten Kapitels der Broschüre.

Die Verfasser verstehen die Diversität und Heterogenität ausdrücklich als potenziellen Entwicklungsmotor einer modernen Stadtgesellschaft. Doch die Rahmenbedingungen, damit das gelingen kann, stimmen nicht. Wie sich die besonderen Herausforderungen im Schulalltag äußern können, davon berichteten die Schulvertreter im Rahmen der Sitzung des Gröpelinger Bildungsausschusses am vergangenen Mittwoch. Die Rede war von überdurchschnittlichem Engagement und vorbildhaften Projekten, aber auch von Überbelastung, Entmutigung, sogar Resignation. Der Berufsalltag der Lehrkräfte habe sich stark gewandelt: Zusätzlich zu ihren eigentlichen Unterrichtsaufgaben müssten sie viele weitere Funktionen für die Kinder und deren Familien, für Fallkonferenzen und Kooperationen mit externen Partnern übernehmen. Es fehle an Lehrern, die Vertretungsdecke sei dünn, die Unterversorgung mit sonderpädagogischen Förderstunden „enorm“, ebenso der Druck, der auf den Pädagogen laste, hieß es. Man könne sich mitunter des Eindrucks nicht erwehren, dass die Politik „diesen Stadtteil aufgegeben hat“, sagte eine Schulleiterin.

„Die Arbeit am Kind erfordert in Gröpelingen ein größeres Stundenvolumen“, erklärte Karl-Holger Meyer, Schulleiter der Grundschule am Pastorenweg. Dieses Engagement müsse honoriert werden, „damit wir unsere Lehrer auf Dauer im Berufsalltag sehen, und nicht in der Burn-out-Klinik“, warnte Silke Reinders, Leiterin der Oberschule Ohlenhof. Konkret stellen sich die Schulvertreter zum Beispiel eine Entlastung um mindestens vier Unterrichtsstunden für die Lehrkräfte vor. Weitere Forderungen aus dem Gröpelinger Maßnahmenkatalog: Bremen müsse über die Wiedereinführung des Studienganges die in den Schulen dringend benötigten Sonderpädagogen ausbilden. Ausgebaut werden müsse außerdem die flächendeckende Entwicklung zum gebundenen Ganztag. Schulsozialarbeit und Vorklassen müssen personell besser ausgestattet werden, das letzte Kita-Jahr „unbedingt“ kostenlos sein, die Kooperation von Kita und Schule verbessert und die Zusammenarbeit mit den Ausbildungsbetrieben gestärkt werden. Mehr investiert werden müsse in die Sprachförderung, auch der Eltern. Vor allem aber fordert das Gröpelinger Papier eine gerechtere, verlässliche und langfristige kommunale Ressourcenverteilung: Die Mittel müssten sich stärker am Sozialindex orientieren und in den Schulen ankommen. Die Umsetzung derart umfassender Maßnahmen wird teuer sein, sagen die Schulvertreter. Aber: Alles andere wird für Bremen auf Dauer deutlich teurer werden.

Die Broschüre kann im Internet über die Adresse www.groepelingen-bildet.de heruntergeladen werden. Für Dienstag, 27. September, 10 bis 16 Uhr, lädt das QBZ Morgenland alle Mitarbeiter der Gröpelinger Bildungs- und Stadtteileinrichtungen und interessierte Eltern zu einem Fachtag ein. Unter dem Motto „What’s next?“ steht die Zukunft der Bildung zur Diskussion.
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