Vier Viertelbewohner sprechen über die Veränderung ihres Quartiers "Weil einfach alles in Bewegung ist"

Ostertor. Sie standen einst Seite an Seite und engagierten sich für ihr Viertel. Die Anwohner des Straßenzugs Ostertorsteinweg/Vor dem Steintor kannten sich, redeten miteinander und das über Altergrenzen hinweg. Doch wie sieht es heute aus, was ist aus diesem ehemaligen Zusammenhalt und damit aus dem besonderen Lebensgefühl im Viertel geworden?
25.03.2010, 11:54
Lesedauer: 7 Min
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Von Bastienne Ehl

Ostertor. Sie standen einst Seite an Seite und engagierten sich für ihr Viertel. Die Anwohner des Straßenzugs Ostertorsteinweg/Vor dem Steintor kannten sich, redeten miteinander und das über Altergrenzen hinweg. Doch wie sieht es heute aus, was ist aus diesem ehemaligen Zusammenhalt und damit aus dem besonderen Lebensgefühl im Viertel geworden?

Ende der 60er-Jahre gingen Bewohner des Ostertors und des Steintors auf die Straße, um sich gegen die "Mozarttrasse" zu wehren, die das Viertel zerschlagen hätte. 1973 hatten sie gesiegt. Die Monsterstraße kam nicht. Der Rembertiring und der Mecklenburger Platz - als Tangente zur "Mozarttrasse" gedacht - erinnern noch daran. Dann die Drogenproblematik im Viertel. Drogenabhängige übernachteten in Hinterhöfen und im kleinen Park an der Weberstraße. Eltern hatten Angst um ihre Kinder, weil benutzte Spritzen in Sandkästen lagen. Auf Spruchbändern, die quer über die Sielwallkreuzung aufgehängt waren, hieß es: "Das Viertel ist kein Drogenghetto, Schluss, Schluss, Schluss" und "Leugnet nicht eure Verantwortung".

Heute klagen Einzelhändler über das illegale Bekleben von Fenstern und Wänden (wir berichteten). Auch Anzeigen und Beschwerden beim Ortsamt zeigen keine Wirkung, Stadtteilpolitiker sind ratlos, betroffene Ladenbesitzer resignieren. Was hat sich verändert, ist die Kluft zwischen den Generationen größer geworden, kennt man sich überhaupt noch? Und gibt es das überhaupt noch, dieses ganz besondere Lebensgefühl im Viertel? Wir haben bei vier Generationen nachgefragt.

Paul Dinse (4), Rutenstraße

Paul hat im Viertel gleich mehrere Lieblingsorte. Auf Platz eins steht der eigene Garten in der Rutenstraße. "Und an der Weser, Schiffe gucken", sagt Paul, der gerade vier geworden ist. Ganz vorne mit dabei sind aber auch die Wallanlagen, da hat er auch schon mal Torsten Frings getroffen. "Den hat sein Opa auch gleich auf das Formtief Werder Bremens angesprochen", ergänzt Pauls Mutter Lisa (32). "Und im Theater Kakao trinken", fügt Paul einen weiteren seiner Lieblingsplätze an. Damit meint er das Café Theatro, von wo die beiden gerade herkommen, und leckt sich dabei die letzten braunen Reste des klebrigen Getränks aus seinen Mundwinkeln.

Er lebt seit seiner Geburt in der Rutenstraße, sein bester Freund Julian wohnt im selben Haus, die Großeltern gleich nebenan und seine Kindergruppe ist direkt am Sielwall. "Der Kontakt zu den Nachbarn ist schon immer gut gewesen, man kennt sich", sagt Lisa Dinse. Und das auch über Altersgrenzen hinweg: "Nebenan wohnt eine ältere Dame. Das Mädchen von gegenüber besucht sie regelmäßig und auch Paul bringt ihr beispielsweise zu Ostern immer etwas vorbei." Dass sich am besonderen Lebensgefühl im Viertel etwas geändert haben soll, empfindet die 32-Jährige, die auch im Viertel aufgewachsen ist, nicht so. "Die Lebensqualität hier ist nach wie vor enorm hoch. Für uns ist es optimal hier, mit der Natur direkt vor der Haustür."

Simon Conrad (17), Besselstraße

"Kneipen, Cafés, kleine Läden und ein Supermarkt: Der Ulrichsplatz spiegelt für mich die ganze Vielfalt des Viertels wider", beschreibt Simon Conrad seinen Lieblingsplatz. "Im Winter kann man im Hegarty's Fußball gucken und im Sommer auf dem Ulrichsplatz draußen sitzen und Kaffee trinken", sagt der 17-Jährige. Seit knapp vier Jahren wohnt seine Familie schon in der Besselstraße. "Die Seele, die das Viertel hat, ist nach wie vor erhalten", ist sein Eindruck. "Viel Neues ist nicht dazugekommen. Das Schweinske ist gekommen und wieder gegangen." Einen Grund für mögliche Veränderungen in der Zukunft sieht der Zwölftklässler in den steigenden Mietpreisen. "Dadurch besteht die Gefahr, dass die alternative Künstlerszene wegzieht und Leute nachkommen, die nur wegen des besonderen Lifestyles im Viertel wohnen möchten."

Von einer zunehmenden Anonymität innerhalb der Nachbarschaft spürt Simon in der Besselstraße nichts. "Im Umkreis von 40 Metern kenne ich alle Nachbarn. Wir sind eine große Gemeinschaft, helfen uns gegenseitig, feiern unser jährliches Straßenfest und gehen gemeinsam auf Kohlfahrt. Es gibt sogar einen Besselstraßenchor." Zwar sei der Altersunterschied zwischen den Bewohnern seiner Straße recht groß - den Altersdurchschnitt schätzt er auf rund 45/50 Jahre -, "aber das macht keinen Unterschied, wir haben eine gute Zeit zusammen". Zu seiner eigenen Party würde Simon Conrad einen 60-Jährigen aber dennoch nicht einladen. "Das ist doch normal", sagt er. "Jede Generation hat unterschiedliche Interessen, und man geht ganz anders in den Tag."

Eggert Peters (46), Schweizer Straße

Kann die Postfiliale an der Brunnenstraße von jemandem der Lieblingsplatz sein? Ja, und zwar der von Eggert Peters. "Ich gehe jeden Morgen zur Post, um meine Kontoauszüge zu holen und dort treffe ich immer jemanden. Auf dem Weg dorthin bringe ich Altglas weg oder gehe bei Rewe einkaufen, Alltag eben. Manchmal begleitet mich auch meine Nachbarin mit ihrem Baby", sagt der freiberufliche Pressesprecher. Neben der Postfiliale hat er aber auch noch seinen ganz privaten Lieblingsplatz: "Meinen Wintergarten, der zur Straße hinausgeht. Dort sitze ich und beobachte das Geschehen auf der Straße. Diesen Platz nenne ich auch gerne meinen 'Schaukasten'."

Seit 1994 lebt der 46-Jährige in der Schweizer Straße und seitdem hat sich seiner Meinung nach einiges im Viertel verändert. "Der Drogenkonsum auf der Straße ist deutlich zurückgegangen. Am Sielwall sah man früher Heerscharen von Junkies, jetzt gibt es dort nur noch einige Dealer." Doch nicht nur weniger Drogensüchtige gebe es mittlerweile in seinem Umfeld, auch die öffentliche Prostitution sei zurückgegangen. "Auch entlang der kleinen Wege hinter den Häusern standen Prostituierte, das gibt es jetzt nicht mehr." Auch städtebaulich beobachtet Peters Veränderungen. "Der Abstieg des Steintors scheint gestoppt. Altbauten werden renoviert, der Trend zu Spielcafés ist gebremst worden, gut, jetzt sind es eben Frisöre." Den Grund hierfür sieht er in den gestiegenen Preisen und die hätten zudem weitere Auswirkungen: "Ich merke, dass viele Menschen, gerade Familien, aus dem Viertel wegziehen müssen, weil sie sich die Mieten nicht mehr leisten können. "Für junge Menschen, Singles und Paare gebe es nach wie vor günstigen Wohnraum. Daran, dass das Viertel kippt und sich in ein Neureichenquartier verwandelt, glaubt er nicht. "Dafür ist die Struktur hier viel zu heterogen. Das Viertel ist sozial gemischt und das wird es auch bleiben."

In der Schweizer Straße kennt man sich gut, nimmt Pakete für den Nachbarn an und hilft auch schon mal mit Zucker aus. "Es ist ein freundschaftlicher, distanzierter Kontakt mit den Nachbarn, und das meine ich absolut positiv. Man redet über den Gartenzaun oder auf der Straße miteinander , aber nie so, dass es lästig oder übergriffig wird", sagt der Freiberufler, der auch schon mal bei den Nachbarn zum Geburtstag eingeladen war. "Als ich hier hergezogen bin, gab es in der Schweizer Straße ein großes Fest mit einer langen Tafel. Danach wurde nur noch einmal versucht, so etwas zu initiieren, das hat aber nicht recht geklappt. Die Zeiten der Viertelstraßenfeste sind aber vielleicht auch einfach vorbei."

Am Kontakt zwischen den Generationen hat sich seiner Wahrnehmung nach nichts verändert. "Mein Bekanntenkreis reicht vom Kleinkind bis zum Greis. Ich habe nie empfunden, dass es da eine Trennung gibt." Laut Statistik entwickle sich der Stadtteil zwar immer mehr zu einem alten und kinderlosen Quartier, auf der Straße merke man davon aber nichts. "Hier können alle Altersgruppen gut miteinander."

Gerda Krüger (76), Weberstraße

Der Lieblingsplatz von Gerda Krüger ist direkt vor ihrer Haustür, auf der Terrasse im Wienerhof. Das aber eigentlich nur im Sommer, wenn der kleine Vorplatz schon bepflanzt ist. "Jetzt ist es noch etwas öde", findet die 76-Jährige. "In der warmen Jahreszeit ist es dort aber sehr gesellig. Gemeinsam mit Nachbarn und Freunden trinken wir Kaffee und diskutieren über alles Mögliche." Die frühere Sekretärin lebt schon immer im Wienerhof und findet, dass sich das Viertel in dieser Zeit stark verändert hat. "Früher hatten wir mehr gemeinsame Interessen und Projekte. Wir kämpften zusammen gegen die Mozarttrasse und gegen die Drogenproblematik." Heute sei das allgemeine Interesse an Politik nicht mehr so groß wie früher. Zudem seien viele Studenten hergezogen, die meist nicht allzu lange blieben. Diese Veränderung sieht die 76-Jährige, die auch Geschichte und Kunst auf Lehramt studiert hat, aber nicht negativ. "Im Viertel ist es ruhiger geworden, aber ich empfinde das Miteinander immer noch als sehr freundlich und herzlich."

Den Kontakt zu ihren Nachbarn beschreibt sie als vertraut und hilfsbereit. "Wenn Not am Mann ist, halten alle zusammen und helfen einander", sagt Gerda Krüger, die nach ihrem Studium auch als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni gearbeitet hat. Ist sie in ihrem Wohnumfeld unterwegs, trifft sie eigentlich immer jemanden, den sie kennt. "Ich habe einmal gezählt, als ich an einem Samstag bei der 'Flaschenpost' etwas besorgen musste: Ich habe auf dem kurzen Weg insgesamt sieben Nachbarn getroffen. Und dann geht man niemals nur mit einem kurzen Gruß aneinander vorbei, sondern wechselt immer ein paar Worte miteinander."

Der Kontakt zwischen den Generationen hat sich ihrer Meinung nach im Laufe der Zeit verändert. Er sei nicht mehr so eng wie früher. "Damals gab es aber auch mehr gemeinsame Projekte, die die Menschen zusammenbrachten. Außerdem ist die Mehrheit der alten Bewohner weggezogen. Sie haben sich etabliert und sich dann ein Haus außerhalb des Viertels gekauft."

Das menschliche Miteinander sei aber nach wie vor ganz besonders, die Menschen außergewöhnlich aufgeschlossen und tolerant. Und das beste Beispiel dafür sei Wolfgang. "'Der Feger', wie wir ihn nennen, weil er immer die Gehwege und Plätze fegt, lebt nun schon seit rund 15 Jahren auf der Straße im Viertel. Wolfgang ist hier voll integriert und von den Bewohnern regelrecht adoptiert worden." Und was ist nun unterm Strich aus diesem besonderen Lebensgefühl im Viertel geworden? Darauf weiß Gerda Krüger eine Antwort: "Es verändert sich eben alles, weil einfach alles in Bewegung ist, und das ist gut."

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