Bremer Verein Weil Mama zur Flasche greift

Bremen. Das fetale Alkoholsyndrom (FASD) kann entstehen, wenn Mütter in der Schwangerschaft Alkohol trinken. Diese Störung wird oft nie oder erst sehr spät diagnostiziert.
01.07.2013, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Alexandra Knief

Probleme in der Schule, im Alltag und auf dem Arbeitsmarkt: Der 23-jährige Marco Peters (Name von der Redaktion geändert) leidet an dem sogenannten fetalen Alkoholsyndrom (FASD). Diese Störung kann entstehen, wenn Mütter während der Schwangerschaft trinken und wird oft nie oder erst sehr spät diagnostiziert. Auch Peters bekam die Diagnose erst vor ungefähr fünf Jahren und wird jetzt dabei unterstützt, seinen Alltag zu meistern.

Bremen. Auf den ersten Blick sieht Marco Peters aus wie ein gesunder, selbstsicherer junger Mann. Erst wenn er beginnt, von seinen alltäglichen Problemen zu erzählen, wird klar, dass Handlungen, die für andere Menschen alltäglich sind, für ihn eine große Herausforderung darstellen: Einkaufen gehen, morgens pünktlich aufstehen oder die eigenen Finanzen verwalten. All das sind Dinge, für die Peters einen Sozialpädagogen braucht, der ihm hilft. Der Grund für die Schwierigkeiten, die ihn auch im Erwachsenenalter noch begleiten, ist der starke Alkoholkonsum seiner Mutter während der Schwangerschaft. Fetales Alkoholsyndrom (FASD) nennt sich die Störung, unter der viele Kinder trinkender Müttern leiden. "Ich wurde adoptiert, als ich eineinhalb Jahre alt war", erzählt der heute 23-Jährige. "Ich weiß zwar mittlerweile, wer meine leibliche Mutter ist, habe aber keinen Kontakt zu ihr."

Was genau der Grund für Marcos kognitive und verhaltensbezogene Störungen ist, erfuhr er erst, als eine Bekannte seine Adoptiveltern vor etwa fünf Jahren auf das Phänomen FASD aufmerksam machte. "Wir sind zu einem Spezialisten nach Münster gefahren, der dann gesagt hat, was mit mir los ist", erzählt Peters. "Schon in der Schule habe ich mich immer gefragt, warum andere Leute Sachen können, die ich nicht kann, aber jetzt weiß ich wenigstens, dass ich nichts dafür kann."

Die Symptome der Schädigung sind zahlreich und können von Fall zu Fall sehr unterschiedlich sein. Typisch sind unter anderem Lernschwierigkeiten, undurchdachtes Handeln, mangelnde Hygiene und Schwierigkeiten, Routineabläufe einzuhalten. Auch bei leichten Fällen von FASD, wie bei Marco Peters, ist eine gewisse Hilfestellung im Alltag notwendig. "Der Betreuer geht zum Beispiel einmal die Woche mit mir einkaufen und hilft mir bei meinen Finanzen", erzählt Peters. "Menschen mit FASD können nicht mit Geld umgehen, wir kaufen lieber irgendeinen Müll, als das, was wir wirklich brauchen."

Neben ihren Schwächen haben Menschen mit FASD auch Talente:"Jeder Betroffene hat mindestens eine große Stärke", erzählt Peters. "Ich habe meinen Führerschein gemacht und bin ein richtig guter Autofahrer", so der 23-Jährige. Das Fahrtalent kann auch André Taubert, einer von Marcos Betreuern bestätigen: "Ich habe Marco mal Bagger fahren sehen, er sah aus wie ein junger Gott, obwohl er es vorher noch nie gemacht hatte."

Nach Angaben von Taubert bleibt die Störung oft ein Leben lang unentdeckt, und Betroffene werden zwischen Jugend- und Behindertenhilfe hin und her geschoben (siehe Bericht rechts). "FASD wird in Deutschland erst nach und nach ein Thema bei sozialen Trägern und Ärzten", sagt Taubert. Viele Erwachsene, die an der Störung leiden, bräuchten Unterstützungen, die von den bestehenden Angeboten nicht abgedeckt werden können. Um hier den ersten Grundstein zu legen, gründete Taubert 2012 den Bremer Verein "faspektiven e.V." zur Unterstützung junger Menschen mit FASD. Marco ist der erste Betroffene, den der Verein mit Hilfe von Mitarbeitern eines freien Trägers betreut. Mittlerweile wird auch eine junge Frau begleitet.

Viele, die durch den Alkoholkonsum ihrer Mutter während der Schwangerschaft geschädigt wurden, schaffen nie einen Einstieg in den ersten Arbeitsmarkt. Marco Peters hat jedoch im Rahmen einer Ausbildung zur Fachkraft für Lagerlogistik seinen Realschulabschluss machen können. Momentan arbeitet er einmal wöchentlich in einem Baumarkt. "Ich hoffe, dass ich irgendwann eine feste, langfristige Arbeit mit guter Bezahlung finde", erzählt er.

Kontakt zu seiner Mutter will der 23-Jährige nicht aufbauen."Ich bin wütend und frage mich immer wieder, warum sie getrunken hat", sagt er. "Die Folgen, unter denen ich leide, wären zu 100 Prozent vermeidbar gewesen."

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