Weit vor anderen Bundesländern

Bremen ist Unfallhochburg für Radfahrer

In keinem anderen Bundesland verunglücken so viele Radfahrer, wie in Bremen. Das geht es Zahlen des Statistischen Bundesamtes hervor. Die Gründe für die hohen Zahlen sind bekannt, Maßnahmen gibt es bisher kaum.
11.07.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Bremen ist Unfallhochburg für Radfahrer
Von Maurice Arndt
Bremen ist Unfallhochburg für Radfahrer

In Bremen sind im Jahr 2018 1401 Radfahrer verunglückt.

Maurizio Gambarini /dpa

Der Stern, der Brill, die Wilhelm-Kaisen-Brücke – in Bremen sind einige Unfallschwerpunkte für Radfahrer zu beklagen. Vergleicht man die Unfallstatistik Bremens mit der anderer Bundesländer, fällt auf: Der Zweistädte-Staat ist eine Unfallhochburg. 2018 registrierte die Polizei in Bremen 1401 verunglückte Radfahrer. In Nordrhein-Westfalen wurden 18.849 Unfallopfer registriert, in Berlin 5662 – im Verhältnis zur Einwohnerzahl leben Radfahrer in Bremen damit gefährlich.

Pro 100.000 Einwohner wurden in Bremen 206 verunglückte Fahrradfahrer registriert und damit fast doppelt so viele wie im Bundesschnitt (107). Das geht aus der Verkehrsunfallstatistik des Statistischen Bundesamtes hervor. Damit liegt Bremen vor allen anderen Bundesländern: Berlin folgt mit 157 Personen, Hamburg zählte 138 Vorfälle pro 100.000 Einwohner, 124 sind es in Niedersachsen. Mit einem Todesfall liegt Bremen unter dem Bundesschnitt von fünf Todesopfern pro einer Million Einwohner. „Wir nehmen die Zahl trotzdem sehr ernst“, heißt es im Innenressort.

Vergleicht man die Zahlen auf Stadtebene, zeigt sich ein besseres Bild für Bremen. Laut Unfallstatistik der Polizei kam es in Bremen zu 195 Unfällen mit Radfahrern pro 100 000 Einwohnern. In Leipzig waren es 219, während in der westfälischen Fahrradhauptstadt Münster 374 Unfälle gezählt wurden. Bilanzen aus der Notaufnahme zeigen, dass solche Unfälle nicht immer glimpflich ausgehen. „2017 hatten 12,5 Prozent aller Schwerst- und Schwerverletzten im Klinikum Bremen-Mitte einen Radunfall“, berichtet die geschäftsführende Oberärztin Judith Gal. In den meisten Fällen handele es sich um Kopfverletzungen.

Wie begründet sich die Bremer Statistik? „Bremen hat mit 25 Prozent einen sehr hohen Radverkehrsanteil, und es gibt neuerdings größere Fahrradtypen wie Lastenräder“, erklärt Pina Pohl vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC). In Leipzig liegt der Fahrradanteil bei 15 Prozent, Münster ist mit knapp 40 Prozent Spitzenreiter. Bei hoher Radfahrer-Dichte komme es automatisch zu mehr Kontakten zwischen Radfahrern. Laut Polizei kollidierten in Bremen im Jahr 2018 Radler 139-mal untereinander. Hinzu komme, dass in Bremen der Verkehrsraum eng sei, ergänzt Nils Linge vom ADAC. Auch E-Bikes und Pedelecs sind in Unfälle verwickelt. „Fahrräder mit E-Antrieb sind schnell, was noch nicht von jedem so eingeschätzt wird“, sagt Pina Pohl vom ADFC. „Mit dem Aufkommen der E-Bikes ab 2018 haben die Fahrradunfälle zugenommen“, stellt auch Judith Gal fest.

Zahlen schienen sich in Bremen positiv zu entwickeln

Das Problem mit Pedelecs ist nicht auf Bremen beschränkt: Im Jahr 2018 stiegen die Unfallzahlen bundesweit – womöglich auch aufgrund des heißen Sommers, vermuten Gal und Linge. Bis dahin schienen sich die Zahlen im Land Bremen positiv zu entwickeln: Von 2014 bis 2017 sank die Zahl der Radunfälle pro 100.000 Einwohner von 223 auf 192. 2016 wurden 189 Unfälle notiert.

Pina Pohl vom ADFC fordert, dass sich die Infrastruktur an „das Mobilitätsbild der Stadt anpasst“. In vielen Fällen müsse „Verkehrsraum geteilt werden“, meint ADAC-Vertreter Linge. Zahlen stützen die These: 2018 krachte es zwischen Rad- und Autofahrern 1062-mal, in 758 Fällen war nicht der Radfahrer der Verursacher. Laut Pina Pohl ist es wichtig, Lkw mit Abbiegeassistenten auszustatten. 2018 wurden 28 Unfälle registriert, bei denen Lkw mit Radfahrern kollidierten. Für neue Lang-Lkw – bestehend aus einem Zugfahrzeug und einem Anhänger – ist die Ausstattung mit einem elektronischen Abbiegeassistenten seit diesem Jahr Pflicht.

Lesen Sie auch

Das Verkehrsressort sucht nach Lösungen: Premiumradrouten und Protected Bike Lanes, also baulich abgetrennte Radstreifen, sind geplant. „Da helfen nur breitere Wege. Daher geht es um eine Umverteilung. Häufig haben wir vier Spuren für den Kfz-Verkehr, brauchen aber nur zwei“, sagt der Abteilungsleiter für Verkehr im Ressort, Gunnar Polzin. Für komplexe Kreuzungen mit Straßenbahnen, wie am Brill oder Stern, brauche es individuelle Lösungen.

Mehr Rücksicht aufeinander nehmen

„Was wir jetzt schon tun können, ist, dass wir unsere Herangehensweise an den Straßenverkehr ändern“, sagt Linge. Er appelliert, mehr Rücksicht aufeinander zu nehmen und nicht immer auf sein Recht zu pochen. Eine gemeinsame Initiative von ADFC, ADAC Weser-Ems sowie der Verkehrssenatorin namens „Auch wenn du Recht hast #fahrrunter“, die Anfang Juni startete, soll dazu beitragen. Auf zehn Großflächenplakaten, 100 City-­Light-Postern, 100 Stromkästen, Postkarten, Info-­Heften, Anzeigen sowie in Beiträgen in den sozialen Medien wurden entsprechende Motive verbreitet. Zudem sei „konsequentes polizeiliches Verfolgen von Verkehrsdelikten wie dem Parken auf dem Radweg“ unerlässlich, sagt Pohl.

Im Innenressort sieht man das ähnlich: „Das Klima in unserer Gesellschaft ist rauer geworden. Das spiegelt sich auch im Verkehr wider.“ Dagegen würden Kontrollen helfen. Eine solche bundesweite Aktion unter dem Motto „Radfahrer im Blick“ wurde pandemiebedingt in das Frühjahr 2021 verschoben.

Lesen Sie auch

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+