Herbstserie

Weiter Blick, herrliche Natur

Stille. Weite. Ganz viel Natur. Und ein atemraubender Ausblick erwartet den Besucher des Hohen Berges in Gessel – oder Ristedt.
19.10.2018, 20:13
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Von Dagmar Voss
Weiter Blick, herrliche Natur

Toller Blick: Vom Hohen Berg kann man bei guter Sicht bis nach Bremen schauen.

Janina Rahn

Stille. Weite. Ganz viel Natur. Und ein atemraubender Ausblick erwartet den Besucher des Hohen Berges in Gessel – oder Ristedt. Da wird es etwas zweifelhaft mit der Zugehörigkeit zwischen den beiden Syker Ortsteilen. Macht nichts, denn den Hohen Berg ficht das nicht an. Er ist da und bleibt da und ist die höchste Erhebung zwischen Steinhuder Meer und Nordsee mit seinen 58,2 Metern. „Jedenfalls, wenn man eine gerade Linie zieht“, schmunzelt Harald Witt, der sich gern als Entdecker dieser Erhebung bezeichnet. Denn bis zu seiner „Entdeckung“ 1997 galt eigentlich der Weyerberg bei Worpswede als der höchste Hügel weit und breit.

Damals, vor 21 Jahren, traf Witt per Zufall beim Radwandern vom Ristedter Moor nach Syke auf diesen Ort, war begeistert von dem unglaublich weiten Rundumblick und wandte sich an den damaligen Bürgermeister: „Ich habe angeregt, hier eine Schutzhütte aufzustellen, einen Spielplatz anzulegen und außerdem eine Aussichtsplattform – und heute gibt es das alles hier“, so der Autor verschiedener Wanderführer wie „Die schönsten Wanderungen rund um Bremen“. Noch mehr, denn der Hohe Berg bietet dank eines zwölf Meter hohen Aussichtsturms mit 72 Stufen die Chance, noch viel weiter ins Land zu blicken.

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Laut Infotafel sind es 36 Kilometer Fernsicht, die sich rundum ausbreiten. Über das weite Urstromtal der Weser, über die Geestlandschaft bis nach Delmenhorst, Bremen und Achim; es lassen sich die Niederungsbereiche der Hache und weiter entfernt benachbart gelegene Landschaftsschutzgebiete erkennen. Jede Himmelsrichtung bietet einen anderen Hingucker.

Im Jahr 2004 erwarb die Stadt Syke das Grundstück. Mit Unterstützung von EU-Mitteln wurde das Projekt „Kulturlandschaft der Geest„ entwickelt. Die Stadt wirbt heute mit der Information: „Über die einzigartige Endmoränenlandschaft der Geest als auch auf die im Konversionsprozess neu geschaffenen Biotopstrukturen“ könne man blicken. “Der Naturerlebnisturm ist ein Alleinstellungsmerkmal für die Region durch seine besondere Lage am Geestrand und bietet den Besuchern ein in Norddeutschland einzigartiges Landschaftserlebnis.“

Artenvielfalt wird bereichert

Dieses Naturerlebnis wird bereichert durch etliche Besonderheiten. In den vergangenen Jahren wurden auf dem Gelände die verschiedensten Biotope und Kleinstlebensräume neu geschaffen – einige davon sind nur nach vorheriger Anmeldung beim Naturschutzbund (Nabu) begehbar. Streuobstwiesen alter traditioneller Sorten wurden sowohl im eingezäunten Bereich als auch im frei zugänglichen Bereich angelegt.

Sie sind ideale Jagdreviere für Fledermäuse, Nahrungsquelle für verschiedene Insektenarten und mit zunehmendem Alter der Bäume ideale Brutreviere für Steinkäuze. Wer mag, kann die verschiedenen Früchte der Obstbäume probieren. Im Norden und Osten des Geländes bieten die Heckennetze Säugetieren und Tieren der offenen Feldflur Nahrung und Unterschlupf.

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So nutzen Vogelarten, die in besagten Hecken brüten, sie als Heim und Nahrungsquelle; Schmetterlinge, Käfer und Heuschrecken lieben die Krautsäume vor den Hecken. Verschiedene Wildkräuter haben sich durch die extensive Nutzung großer Areale des Geländes wieder angesiedelt. Dazu zählen der Hopfenklee, Rainfarn und Wiesenmargerite, Schafgarbe, Wiesenkerbel und viele andere Kräuter, die die Artenvielfalt bereichern.

Ein richtiges Vogelparadies ist hier zu finden. Eine vielfältige Vogel- und Insektenfauna hat sich eingestellt. In den Bäumen und Sträuchern halten sich Zaunkönige, Grün- und Buntspechte und Schafstelzen auf, aber auch solch seltene Vertreter wie Bluthänfling, Gartenrotschwanz oder Goldammer. Rebhühner und Fasane nutzen das Samenangebot der verschiedenen Gräser und Kräuter.

Ideale Jagdreviere

Als Durchzügler wurden die Vogelarten Braunkehlchen und Steinschmätzer beobachtet, die hier entsprechende Lebensraumverhältnisse vorfinden. Turmfalken und Mäusebussarde benutzen die Hohen Bäume und Gebäude als Ansitzwarten für die Jagd. Wildkräuter und Gräser ziehen eine Vielzahl Schmetterlinge und Heuschrecken an. Zitronenfalter, Aurorafalter, Admiral, Distelfalter und weitere Arten finden genügend geeignete Orte zur Eiablage.

Die Teiche und Obstwiesen sind ideale Jagdreviere der Fledermäuse. Eine Vielfalt an Wiesen- und Wegeseitenrandkräutern hat sich entwickelt, mehr als 30 Arten. Darunter sind der Storchschnabel, Feld- und Hasenklee, Rainfarn, Hahnenfuß, Beifuss und mehrere Distelarten. Südlich des Hohen Berges verläuft das rund 250 Hektar große Hachetal mit dem kleinen Flüsschen Hache und ausgedehnten naturnahen Erlenbrüchen und Eschenwäldern.

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Südwestlich vom Hohen Berg, am Fahrenhorster Weg, befindet sich das Kammmolch-Biotop „Südlich Sörhausen", ein Mosaik, bestehend aus Grünlandbereichen, Waldflächen und nährstoffreichen Kleingewässern. Das Gelände dient vorrangig der Sicherung der Lebensräume des Kammmolches. In den nährstoffreichen Stillgewässern kommen Laichkraut- und Froschbissgesellschaften vor.

Zur Geschichte: Dort, zwischen Gessel und Ristedt, wo bis 1994 noch Wachtürme und Stacheldraht standen, spielen heute Kinder und Hunde. Nun ja, nicht ganz, denn an einer Seite stehen noch einige alte, hässliche Gebäude, manche hinter Zäunen, die teils zur Flüchtlingsunterbringung dienen oder als Lager für ein Sozialkaufhaus in Barrien. Renate Brüning, aktiv im Verein Erlebnis Ristedt, kann sich aber noch daran erinnern, als regelmäßig Laster mit Sprengköpfen an ihr vorbeifuhren. „Aus dem extrem bewachten Gebiet Hoher Berg ist heute ein Kinderspielplatz mit Grillhütte geworden. Ein Platz für jedermann“, sagt sie.

Hobbyastronomen beobachten den Himmel

Auf dem 4,8 Hektar großen Gelände wurde Mitte der 1970er-Jahre, zur Zeit des Kalten Krieges, von den US-Streitkräften eine Flugabwehr-Raketenstation errichtet. Auf dem höchsten noch vorhandenen Wall standen auf den Betonplatten Radarkugeln, die „den Feind" orten sollten. Mitte der 80er-Jahre verließen erst die amerikanischen und 1987 die deutschen Soldaten die Stellung. In den Folgejahren wurde das ehemalige Militärgelände landwirtschaftlich genutzt.

Herbststimmung auf dem Aussichtspunkt Hoher Berg in Syke

Höchster Punkt rund um Bremen.

Foto: Janina Rahn

Blickt man noch viel weiter zurück in die Zeit der Germanen, da wurde eine Thingstätte dortselbst in die Überlieferung eingebaut. Und etwas später kann man den „Hogenberg auf dem Ristedter Feld“ schon auf einer Kurhannoverschen Landesaufnahme aus dem Jahre 1773 verzeichnet sehen. Heutzutage stehen immer wieder zu späterer Stunde Hobbyastronomen dort, die sich hier regelmäßig zur Himmelsbeobachtung treffen. Beste Bedingungen mit wenig Lichtverschmutzung garantiert.

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