Funde aus dem Zweiten Weltkrieg Weitere Bunker unter den Wallanlagen

Bremen. Sind die Wallanlagen gespickt mit Bunkern? Und wie viele liegen noch unentdeckt unter der Erde begraben? Seit vor einigen Wochen vor dem alten Polizeihaus einer der Bunker geöffnet wurde, reißen die Spekulationen darüber nicht ab.
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Weitere Bunker unter den Wallanlagen
Von Jürgen Hinrichs

Bremen. Sind die Wallanlagen gespickt mit Bunkern? Und wie viele liegen noch unentdeckt unter der Erde begraben? Seit vor einigen Wochen vor dem alten Polizeihaus einer der Bunker geöffnet wurde, reißen die Spekulationen darüber nicht ab. Sicher ist, dass es in der denkmalgeschützten Anlage drei weitere Erdbunker gibt. Höchstwahrscheinlich sind es im Ganzen aber sogar sechs, mindestens.

Fast 70 Jahre lang Dunkelheit und Stille. Kein Mensch in der ganzen Zeit, der sich in die Katakomben verirrte, doch das ist zuletzt anders gewesen. Der Erdbunker in den Wallanlagen hat viel Besuch bekommen. Einmal auch die Landesarchäologin, die unter die Lupe nahm, was in dem Bunker hinterlassen wurde: Schriften, Zeichnungen, Flaschen und Büchsen, zum Beispiel. Unklar ist weiterhin, was mit dem wiederentdeckten Bunker geschieht, der Statiker prüft noch die Stabilität.

Als bekannt wurde, dass unter dem Rasen vor dem alten Polizeihaus der Eingang zu einem lange vergessenen Erdbunker freigelegt wird, waren es zunächst mal Medienvertreter, die sich diese Chance nicht entgehen lassen wollten. Sie stiegen hinab in die feuchte Gruft, mussten Gummistiefel anziehen, weil das Wasser knöchelhoch stand und hatten Taschenlampen dabei und eine Stirnlampe, sonst wär's nicht gegangen. Wie bei einer Expedition, der Ausgang offen, denn klar war nur, dass im Bunker kein Sprengstoff liegt, das hatten zuvor die Männer vom Kampfmittelräumdienst abgeklärt.

Uta Halle, die Landesarchäologin, war ein paar Tage später drin. So ein Bunker, sagt sie - und es nicht der erste, den die Wissenschaftlerin in Augenschein genommen hat - ist ein Zeugnis zeitgeschichtlicher Archäologie. Etwas, was dokumentiert werden muss, und so geschah es dann auch. Uta Halle hat fotografiert und erste Schlüsse gezogen.

Archäologin findet Texte im Bunker

Wie die anderen Besucher im Bunker nahm sie sich dabei vor allem eine gut erhaltene Zeichnung vor, eine Landkarte. Die Ortsnamen darauf reichen von Stettin im Osten bis Emden im Westen, von Kiel im Norden bis Kassel im Süden. Es ist der Rhein eingezeichnet, die Ems, Weser, Elbe und Oder, ohne die Flüsse allerdings jedes Mal auch zu beschriften. "Vielleicht eine stumme Karte", sagt Halle. Unterricht für die Kinder im Bunker, Erdkunde. Ganz präzise wären die Lehrer dann allerdings nicht gewesen: "Leipzig und Dresden liegen auf der Karte zu weit nördlich."

Auf der Karte, die mit dem Datum 20. April 1944 versehen ist, ist mitten hindurch eine Linie gezogen. "Datum und Linie sind mit demselben Stift gezeichnet", erklärt Uta Halle. Möglich, meint die Archäologin, dass dies erst im Nachhinein geschehen ist. Jahre später? Sie weiß es nicht. "Die Linie könnte der Verlauf der deutsch-deutschen Grenze sein."

Noch ein Fund. Ein längerer Text mit kyrillischen Buchstaben. Halle hat ihn übersetzen lassen, "und ich sage Ihnen besser nicht, was dort steht, das wollen Sie sicher nicht in der Zeitung haben". Jemand saß damals im Bunker, der seinen sexuellen Fantasien freien Lauf gelassen hat.

Was tun mit dem entdeckten Erdbunker? Zuständig ist der Bausenator, und von dort abgeleitet ist es der Umweltbetrieb Bremen. "Der Statiker prüft noch", sagt Chef-Gärtner Günter Brandewiede. Bei Einsturzgefahr müsse natürlich etwas unternommen werden. Sollten sich die dicken Mauern und Decken aber als immer noch stabil erweisen, wovon Brandewiede ausgeht, kommt über die Öffnung wie vorher schon eine Stahlplatte, und das war's dann. "Den Bunker mit Erde zu verfüllen, wäre ein Riesenaufwand."

Brandewiede weiß von weiteren Erdbunkern in den Wallanlagen, zwei am Herdentor und einer unter dem sogenannten Theaterberg in der Nähe der Bischofsnadel. An der Stelle gab es tief unten in den Katakomben früher mal eine Kunst-Krypta, eine Galerie, in der zwischen 1949 und 1962 Kunstkeramik gezeigt wurde.

Eine Vermutung zunächst nur, dass es im Krieg auch am Altenwall einen Schutzraum unter der Erde gab. Wie die SWB jetzt auf Anfrage mitteilte, liegen dort tatsächlich noch Stromkabel, die eindeutig auf einen Bunker hinweisen. Weniger klar ist die Situation nach Angaben des Energieversorgers bei einem Kabel, das zwischen Abbentorswallstraße und Bürgermeister-Smidt-Straße liegt und nicht mehr in Gebrauch ist. Just für diesen Bereich in den Wallanlagen hatte sich bei unserer Zeitung eine Zeitzeugin gemeldet, die versicherte, dass es dort einen Erdbunker gegeben habe. Neben den bereits bekannten Erdbunkern wird es in den Wallanlagen also mindestens noch zwei weitere geben. Ein vergessenes Stück Zeitgeschichte, zumal es bei der Stadt darüber nach Angaben der Behörden keine Unterlagen gibt.

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