Expertin im Interview

Welche Auswirkungen der Klimawandel auf Bremen hat

Für die meisten Bewohner Bremen-Nords besteht keine Bedrohung durch Überschwemmungen. In anderen Teilen Bremens sieht das anders aus. Warum das so ist, erklärt Annegret Reinecke von der Umweltorganisation Robin Wood.
18.02.2018, 19:11
Lesedauer: 3 Min
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Von Jörn Hildebrandt
Welche Auswirkungen der Klimawandel auf Bremen hat

Unwetter nehmen in Folge des Klimawandels zu. Diese Bild stammt aus dem Herbst 2017, als Sturm Xavier über Norddeutschland fegte.

Frank Thomas Koch

Frau Reinecke, bei dem Namen Robin Wood denkt man zunächst an Wald. Wieweit beschäftigt sich die Umweltorganisation mit dem Klimawandel?

Annegret Reinecke: Wir sind ein Verband, der breit aufgestellt ist und vor allem durch Aktionen in Erscheinung tritt. Eine kon­krete neue Aktion ist in diesem Jahr eine ­Floß-Tour auf der Weser, die über etwa drei Wochen gehen soll. Dabei wird Robin Wood direkt an den Ufern der Weser auf ­aktuelle Probleme von Umwelt- oder Tierschutz hinweisen, sei es bei der Pro­duktion von Tierfutter aus Soja oder der ­Verarbeitung von Kohle zur Stromerzeugung.

Und welche Aktionen macht Robin Wood zum Thema Wald?

Robin Wood ist in der Tat aus dem Engagement für Wälder entstanden: Wir engagieren uns seit Jahrzehnten für den Erhalt des Tropischen Regenwalds und für eine ­naturnahe Bewirtschaftung der heimischen ­Wälder. Zum Thema Wald gehören zum ­Beispiel die Weihnachtsbäume. Wir plädieren für den Kauf aus ökologisch nachhaltiger Waldwirtschaft und nicht aus Plantagen, die mit Pestiziden gespritzt werden. Klimawandel ist ein derart breites Themenfeld, das er praktisch alle Bereiche unserer ­Umwelt und auch der Wirtschaft betrifft: In unseren Wäldern ändert sich die Artenzusammensetzung der Bäume und der Tierwelt infolge höherer Durchschnittstemperaturen. Zum Thema Klima gehört aber auch der Stromverbrauch in den Privathaus­halten, die durch Energiesparen für weniger Ausstoß von Kohlendioxid sorgen können.

Schlechtes Wetter in Bremen

Wasserladung von oben: Die Niederschlagsmengen in der Region Bremen nehmen zu.

Foto: Christina Kuhaupt

Wenn vom Klimawandel die Rede ist, dann ist in Norddeutschland der Meeresspiegelanstieg das Hauptthema. Bremen-Nord liegt an Weser und Lesum – welche Auswirkungen hat der Klimawandel für diese Region?

Die Bevölkerung von Bremen-Nord ist in der glücklichen Lage, überwiegend auf der Geest zu wohnen. Dort besteht keine Bedrohung durch Überschwemmungen. Das sieht in den Marschen und auf den flachen Dünenrücken, auf denen die Stadt Bremen gebaut ist, ganz anders aus. Aber im Nordwesten Deutschlands bringt der Klimawandel nicht nur den Anstieg des Meeresspiegels mit sich, auch Starkregen-Ereignisse nehmen zu. Nach den Prognosen geht man von erhöhten Niederschlagsmengen um 20 bis 30 Prozent in den Wintermonaten aus.

Mehr Niederschläge verstärken wiederum noch die Hochwassergefahr...

Wir müssen uns die Frage stellen: Wo ­bleiben wir in der Stadt mit dem vielen Wasser? Um die anfallenden größeren Niederschlagsmengen zu bewältigen, brauchen wir Rückhaltebecken oder unbebaute naturnahe Flächen, die große Mengen Wasser speichern können.

Mehr Flächen für den Hochwasserschutz? Das kollidiert doch mit den Interessen der Bremer Wirtschaft, neue Gewerbegebiete auszuweisen. Hat Bremen denn nicht genügend Geld in die Erhöhung seiner Schutzdeiche investiert? In Bremen-Nord sind zum Beispiel die Deiche im Bereich Farge/Rekum bereits so weit erhöht, dass der Klimawandel einkalkuliert ist.

Das ist vor allem der vorausschauenden Arbeit des Bremer Deichverbandes zu verdanken, die mit Deichhauptmann Michael Schirmer einen Experten hat, der sich jahrelang als Gewässerkundler an der Uni Bremen mit dem Klimawandel befasst hat.

Was kann denn der Einzelne gegen den Klimawandel tun? Sollte man sich politisch engagieren?

Wenn man sich die Politik der Länder in der Welt anschaut, kommen leicht Jammern oder Frustration auf. Ich halte es für wichtig, dass jeder Einzelne etwas macht, zum Beispiel keinen Torf im Garten zu verwenden, weil damit der Raubbau an den Mooren gefördert wird. Und in der eigenen Wohnung weniger Energie zu verbrauchen, indem man zum Beispiel nur kurz durchlüftet und auf gute Isolation der Häuserwände achtet. Indem man möglichst wenig Auto fährt und auch keine Kreuzfahrten macht. Denn die großen Schiffe verbrauchen besonders viel Energie und vergeuden Lebensmittel en masse.

Damit formulieren Sie Forderungen, die ­viele Bürger als Eingriff in ihre private Lebensführung empfinden, nach dem Motto: Die Umweltschützer wollen mir mal wieder vorschreiben, wie ich leben soll.

Wenn Menschen etwas dagegen haben, ist das okay. Wir geben ja nur Ratschläge und Hinweise und wollen niemanden bevormunden.

Annegret Reinecke von der Umweltorganisation Robin Wood

Annegret Reinecke von der Umweltorganisation Robin Wood

Foto: Roland Scheitz

Bekanntlich hat Bremen seine Klimaziele für 2020 nicht erreicht, und für ganz Deutschland sieht es auch nicht viel besser aus. Gibt es aus Ihrer Sicht überhaupt noch Hoffnung, dass der Klimawandel zumindest gebremst werden kann?

Ich selber werde das wohl nicht mehr erleben, und auch bis zum nächsten Jahrhundert halte ich das für unwahrscheinlich. Aber wir in Norddeutschland haben es ja gut und werden die Folgen verkraften. Ganz anders sieht es für Menschen in armen Ländern aus, die in Flussdeltas leben, wo kein Geld für Deiche da ist, oder auch für die Inselbewohner in Ozeanien, die durch den Meeresspiegelanstieg ihre Heimat verlieren.

Das Interview führte Jörn Hildebrandt.

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