Dritte Geschlechtsangabe

Wenige Bremer als divers eingetragen

Seit einem Jahr können sich Menschen in Deutschland nicht nur als männlich oder weiblich registrieren lassen, sondern auch als divers. Betroffene sehen aber noch Verbesserungsbedarf.
18.12.2019, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Wenige Bremer als divers eingetragen
Von Carolin Henkenberens

Bisher nutzen nur wenige Menschen in Bremen den Geschlechtseintrag divers im Geburtenregister. Dies ergab eine Anfrage beim Innenressort. Seit einem Jahr gibt es diese Möglichkeit, die Änderung des Personenstandsgesetzes trat am 22. Dezember 2018 in Kraft. Zwei gebürtige Bremer haben laut Innenbehörde den Eintrag divers. Hinzu kommt eine dritte Person, die den Antrag in Bremen stellte, aber anderswo geboren ist. Das Bremer Standesamt nimmt solche Fälle nur für die Standesämter des Geburtsortes entgegen. Ob die drei Menschen aktuell in Bremen leben, geht aus der Statistik nicht hervor. Alle reichten die Änderung beim Standesamt Bremen-Mitte ein. Noch kein Neugeborenes wurde als divers registriert.

Auch in anderen Städten der Region wird der Eintrag bislang nicht oft verwendet. In Hannover ist einem Sprecher der Stadt zufolge niemand mit diesem Geschlechtseintrag verzeichnet, in Oldenburg ist es eine „kleine, einstellige Zahl“, wie ein Sprecher sagte. In Hamburg haben bisher acht Menschen von dem Geschlechtseintrag Gebrauch gemacht. Die Gesetzesänderung folgte auf einen Beschluss des Bundesverfassungsgerichts.

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Die Richter erklärten im Oktober 2017, es verstoße gegen das allgemeine Persönlichkeitsrecht und das Diskriminierungsverbot, dass es neben männlich und weiblich lediglich die Möglichkeit gab, den Geschlechtseintrag offen zulassen. Die Richter befanden, es müsse eine dritte Option oder eine andere Lösung geben. Vorgebracht hatte die Verfassungsbeschwerde eine intergeschlechtliche Person. So werden Menschen bezeichnet, bei denen körperlich sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsmerkmale vorliegen. Das kann beispielsweise bedeuten, dass jemand sowohl einen Penis als auch eine Gebärmutter hat. Einige Personen sehen äußerlich aus wie eine Frau, haben zusätzlich innen liegende Hoden.

„Es geht um eine Anerkennung der Menschenrechte"

Die Beschwerde mitformuliert hatte die Bremer Rechtswissenschaftlerin Konstanze Plett. Sie sagt: „Es geht um eine Anerkennung der Menschenrechte für bisher Diskriminierte.“ Doch Plett ist nicht wirklich zufrieden mit der aktuellen Gesetzeslage. Das Recht werde zu eng ausgelegt. Transsexuelle seien von der aktuellen Regel nicht erfasst. Diese weisen zwar die körperlichen Merkmale ihres zugeschriebenen Geschlechts auf, identifizieren sich aber nicht damit.

Betroffene kritisieren zudem, dass für die Änderung des Geschlechtseintrags – abgesehen von Ausnahmen – eine ärztliche Bescheinigung vorgelegt werden muss. Dorothea Giesche-von Rüden aus der Nähe von Oldenburg ist intergeschlechtlich. Das spiegele sich in ihrem Hormonhaushalt . „Ich habe immer damit gekämpft, dass mich Kinder gefragt haben: Bist du ein Mann oder eine Frau?“, erzählt Giesche-von Rüden. Die Inter-Person sagt, sie werde als krank definiert und kritisiert: „Wenn es ein gleichberechtigtes drittes Geschlecht geben soll, dann kann es nicht sein, dass Inter-Personen ein Gutachten vorlegen müssen.“ Giesche-von Rüden bereitet nach eigener Aussage mit einer Bielefelder Anwältin eine Klage vor und will notfalls bis vor das Verfassungsgericht ziehen.

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Die Bremer Bundestagsabgeordnete Doris Achelwilm (Linke) sagt, die dritte Geschlechtsoption stehe nach wie vor unter Rechtfertigungsdruck, wie man beispielsweise auch an Karnevalswitzen wie dem von CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer merke. „Es gibt zudem noch zu wenige fachkundige Ansprechpartner, die Unsicherheit nehmen, für Eltern und Hebammen zum Beispiel“, sagt Achelwilm, Sprecherin ihrer Fraktion für Queerpolitik – also für Belange nicht-heterosexueller Menschen. Sina Dertwinkel, gleichstellungspolitische Sprecherin der CDU-Bürgerschaftsfraktion, sieht Bremen bei der Einbindung der queeren Gemeinschaft im Vergleich zu anderen Bundesländern gut aufgestellt. Zugleich kann sich Dertwinkel vorstellen, den Ausschuss für die Gleichstellung der Frau breiter auszurichten und in Gleichstellungsausschuss umzubenennen.

Die Bremische Bürgerschaft will Diskriminierungen von homo-, bi-, inter- und transsexuellen Menschen abbauen. Dazu hat das Parlament 2014 einen Landesaktionsplan erstellt. Künftig wird es auch einen queerpolitischen Beirat geben, in dem Verbände, Organisationen und die Fraktionen vertreten sind. Die erste Sitzung findet am 21. Februar 2020 statt.

Was die Zahlen sagen:

Die Möglichkeit, sein Geschlecht mit divers anzugeben, ist in Bremen bisher nicht weit verbreitet. Allerdings zeigen Daten der Innenbehörde, dass ein Wechsel des Geschlechtseintrags im Land Bremen durchaus keine Seltenheit ist.

Am häufigsten ist die Änderung von weiblich zu männlich: 22 Bremerinnen ließen ihr Geschlecht nachträglich als männlich registrieren, 18 von ihnen sind gebürtig aus Bremen. Auffällig ist, dass die Mehrheit der Änderungen im Standesamt Bremen-Mitte verzeichnet wurde. Eine Änderung von männlich zu weiblich gab es bisher elf Mal. Zwei davon beim Standesamt Bremen-Nord, alle anderen in Bremen-Mitte. Sieben der elf Personen sind gebürtig aus Bremen.

Seit 2013 besteht zudem die Möglichkeit, den Geschlechtseintrag offen zu lassen. Dies geschah bislang bei einem Bremer Neugeborenen direkt nach der Geburt und bei vier zunächst als weiblich registrierten Bremern nachträglich. Drei der vier Personen sind gebürtig aus der Hansestadt. Ob sie noch in Bremen leben, geht aus der Statistik nicht hervor.

Wie viele Intersexuelle es in Deutschland gibt, ist unklar. Die Schätzungen gehen auseinander. Das Bundesverfassungsgericht erwähnte in seinem Beschluss von 2017 eine Häufigkeit von 1:500. Einige Betroffene werden nach der Geburt operiert und leben bis zur Pubertät in dem Glauben, ein Mädchen oder Junge zu sein. Durch die Operationen müssen einige Hormone schlucken. Die Erscheinungsformen von Intergeschlechtlichkeit sind höchst unterschiedlich. So gibt es Menschen, die bei der Geburt äußerlich aussehen wie ein Mädchen, aber einen männlichen Chromosomensatz haben.

Transsexuell sind Personen, die sich nicht mit ihrem körperlichen Geschlecht identifizieren. Das empfundene Geschlechts ist also ein anderes als das biologische. Diese Menschen sind Experten zufolge von Depression und Selbstmord bedroht. Dem Bremer Verein Trans-Recht zufolge sinkt das Alter, in dem Jugendliche ihr Coming-Out haben. „Die Transberatung ist völlig überlastet, eine Inter-Beratung gibt es nicht“, moniert Vereinsmitglied Freyja Pe von Rüden.

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