Bremen fällt im Ranking zurück

Weniger Gründer in Bremen

Die Zahl der Gründer nimmt weiter ab – und Bremen spürt das besonders. Im Gründungsmonitor fiel das Bundesland im Ranking erneut zurück. Niedersachsen steigt dagegen in die Spitzengruppe auf.
29.05.2018, 20:27
Lesedauer: 4 Min
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Weniger Gründer in Bremen
Von Lisa Boekhoff

Der Trend setzt sich unaufhaltsam und rasant fort. Die Zahl der Gründer ist im vergangenen Jahr bundesweit erneut zurückgegangen. Nur noch 557.000 Menschen machten sich selbstständig und damit 115.000 oder 17 Prozent weniger als im Vorjahr. Die Zahlen gehen aus dem aktuellen Gründungsmonitor der Bankengruppe KfW hervor. In Bremen macht sich die Entwicklung verstärkt bemerkbar: Das kleinste Bundesland fiel im Vergleich mit im Schnitt 126 Gründern pro 10.000 Erwerbsfähigen in den Jahren 2015 bis 2017 auf den siebten Platz zurück.

Niedersachsen widersteht dem Rückgang dagegen mit Abstand am besten: Die Zahl der Gründer sank hier kaum. Im Ranking belegt das Flächenland nun einen Podiumsplatz hinter Hamburg und Berlin an der Spitze. In der Vergangenheit positionierte sich Bremen noch bei den Stadtstaaten.

„Bremen ist in der Gründungsintensität im Ländervergleich deutlicher zurückgefallen“, konstatiert Jörg Freiling, Wirtschaftswissenschaftler der Universität Bremen. Doch wenngleich man mit den Zahlen nicht unbedingt hochzufrieden sein müsse, gebe es keinen Grund zur Sorge. In Städten gebe es meist stärkere Schwankungen – zumal im Bundesland Bremen.

Hier kommt dem In­haber des Lehrstuhls für Mittelstand, Existenzgründung und Entrepreneurship zufolge die im Vergleich kleine Bevölkerungszahl hinzu. Deutliche Ausschläge nach oben wie unten seien deshalb leichter möglich. Bremen liege ohnehin in Reichweite von Niedersachsen, Bayern, Nordrhein-Westfalen und Hessen.

Wirtschaftswissenschaftler: Kein Grund zur Sorge

Die Ursache für die insgesamt schrumpfende Gründerquote ist an sich erfreulich. Denn weil Arbeitnehmer immer leichter eine gute Beschäftigung finden, machen sich weniger Menschen aus der Arbeitslosigkeit heraus oder im Nebenerwerb selbstständig. „Das ist bei einer derartigen wirtschaftlichen Entwicklung mit Engpässen im Arbeitsmarkt und attraktiven Lohn- und Gehaltsstrukturen absolut üblich“, sagt Freiling.

Selten sei der Arbeitsmarkt dabei so dynamisch und absorbierend gewesen wie zurzeit. Dieser Boom bremst auch das Interesse an der Existenzgründung. Die Hälfte der Neugründer mit Mitarbeitern hatte der Untersuchung zufolge selbst Probleme, Stellen zu besetzen.

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Während die absolute Zahl sinkt, steigt dagegen die Qualität der Gründungen: Digitaler, wachstumsorientierter und wesentlich innovativer sind sie laut dem Monitor. Freiling bezeichnet dies als verheißungsvoll: „Vor allem durch solche Initiativen wird die wirtschaftliche Erneuerung getragen.“ Der Anteil an Chancengründern lag bei 60 Prozent. Im Gegensatz zu Notgründungen aus Mangel an Alternativen sind diese vielversprechender.

Bremens Abschneiden stimmt Piet de Boer dennoch etwas betrübt. „Die Zahlen freuen uns natürlich nicht“, kommentiert der Experte für das Thema Gründung der Handelskammer Bremen und Bremerhaven das Ranking. Die Stärke als Wirtschafts- und Industriestandort sei vielleicht ein Hindernis für Bremen: „Es gibt hier besonders attraktive Arbeitsplätze für Arbeitnehmer.“

Wirtschafts- und Industriestandort als Hindernis

Diese Alternativen könnten den Rückgang verstärken. Das Phänomen sei leider nicht neu. „Wir sind aber bemüht, an dem Trend zu negativen Gründerzahlen etwas zu ändern.“ Bremen biete dabei gute Voraussetzungen mit einer vitalen Gründerszene.

Jörg Freiling ist ebenfalls überzeugt vom Standort: „Schaut man sich Start-ups wie Blackout Technologies, Myenso, Valispace oder Homevoice an, sieht man, dass in der Region die Dynamik in Sachen Start-up-Nachwuchs intakt ist.“ An den Hochschulen wachse das Interesse der Studenten am Thema Gründung.

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Nur an der Wahrnehmbarkeit des Standorts könnte sich laut de Boer noch etwas verbessern. Viel verspricht er sich hier von der Neuaufstellung des Gründerangebots in Bremen: „Ich bin sehr optimistisch. Die Kräfte werden gebündelt. Daraus ergeben sich Chancen.“ Unter der Überschrift „Start-Haus“ läuft die Initiative des Bremer Senats bereits seit einigen Monaten.

Die Federführung hat die Bremer Aufbau-Bank. „Wir schauen, was der Markt braucht und gehen – wie ein Gründer – nicht mit einem fertigen Konzept raus. Es ist ein permanenter Prozess, Dinge auszuprobieren, um bestmöglich auf die Nachfrage der Gründer zu reagieren“, sagt Ralf Stapp, Geschäftsführer der Förderbank. Es soll neu gedacht werden und das Angebot abgestimmt sein auf die Bedürfnisse der unterschiedlichen Gründungstypen: die selbstständige Handwerkerin, den Nachfolger oder das neue Start-up-Team.

Start-Haus soll Wandel bringen

In genau einem Jahr soll es in der Innenstadt am Domshof auch ein Zuhause für das Start-Haus geben. „Es soll dort eine ganz neue Welt entstehen“, sagt Stapp. Und die soll sehr anders aussehen als die Förderbank bisher – zum Beispiel mit Platz für Co-Working. Derzeit arbeitet ein Team an der Gestaltung der Räume.

Zeitgleich werden erste Kooperationen mit privaten und öffentlichen Akteuren angebahnt. „Wir stehen nicht im Wettbewerb, sondern wollen uns gegenseitig stärken.“ Es dauere noch, bis die Menschen verstünden, was sich hinter dem Start-Haus verberge. „Der Trend ist aber schon richtig. Das zeigen die Anfragen.“

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Doch es entsteht durchaus Konkurrenz im Norden gerade um junge, innovative Gründer: Hannover warb in der Vergangenheit für sich als Start-up-City mit Plakaten, um Gründer anzulocken – in Berlin aber auch Bremen. In Niedersachsen sind zudem bereits acht Start-up-Zentren entstanden. Bis das Start-Haus in Bremen als Treffpunkt für Gründer etabliert ist, dauert es noch.

Die Initiative befindet sich laut Piet de Boer derzeit noch in der Übergangsphase. Heute sei es ein Problem, dass Fachkräfte sich nach der Uni ins Umland, nach Berlin oder Hamburg aufmachten, sagt de Boer: Diesen Braindrain, der Begriff bezeichnet eigentlich die Abwanderung von Wissenschaftlern ins Ausland, gelte es einzudämmen. Stapp will die Gründungintensität in ­Bremen bereits in diesem Jahr weiter ­hochfahren. Im Gründungsmonitor 2019 wird sich womöglich zeigen, ob das auch geglückt ist.

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