Bremer Vorstoß gegen sexistische Reklame

Weniger nackte Haut in der Werbung

Leicht bekleidete Personen als reiner Blickfang ohne Bezug zum Produkt: Solche Werbung soll es auf Bremens Straßen und Plätzen möglichst nicht mehr geben. Eine entsprechende Regelung wird vorbereitet.
10.03.2017, 21:28
Lesedauer: 3 Min
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Weniger nackte Haut in der Werbung
Von Jürgen Theiner

Leicht bekleidete Personen als reiner Blickfang ohne Bezug zum Produkt: Solche Werbung soll es auf Bremens Straßen und Plätzen möglichst nicht mehr geben. Eine entsprechende Regelung wird vorbereitet.

Sexistische Werbung soll in Bremen aus dem öffentlichen Raum verbannt werden. Der Senat wird voraussichtlich in Kürze die rechtlichen Grundlagen dafür schaffen, dass einschlägige Bildmotive von Plakatwänden und anderen Werbeträgern umgehend entfernt werden können, wenn berechtigte Beschwerden vorliegen. Für die Entscheidung, ob eine Reklame zu sehr auf die falschen optischen Reize setzt, ist bereits ein Leitfaden entwickelt worden.

Der neue, strikte Kurs geht auf einen drei Jahre alten Beschluss der Bürgerschaft zurück. Anfang 2014 hatte das Parlament die Landesregierung aufgefordert, dafür zu sorgen, „dass Werbung und Darstellungen, die die Grenzen zu sexistischer und/oder diskriminierender Werbung überschreiten“, auf öffentlichen Flächen unterbleiben. Betroffen wären von einer solchen Regelung in erster Linie die Deutsche Telekom und ihr örtlicher Partner für die Außenwerbung, die Unternehmensgruppe Ströer.

Die Telekom besitzt für Bremen bis 2025 das exklusive Recht, im öffentlichen Raum zu werben. Dafür zahlt sie jährlich fast vier Millionen Euro an die Hansestadt. Konkret ist nun daran gedacht, dass die Bremische Zentralstelle für die Verwirklichung der Gleichberechtigung der Frau (ZGF) im Einzelfall darüber befinden soll, ob die Werbewirtschaft mit sexualisierten Reklamebotschaften zu weit geht.

Was unzulässig wäre

„Wir können das“, sagt ZGF-Leiterin Ulrike Hauffe selbstbewusst. Ihr Haus verfüge über die nötige Expertise. Zudem sei ein Leitfaden für die Beurteilung entwickelt worden. Das Dokument liegt dem WESER-KURIER vor. Unzulässig wäre es demnach, wenn in Werbung „Personen oder Körperteile ohne Produktbezug in sexistischer Weise zu reinen Blickfangzwecken oder als reine Dekoration verwendet“ werden.

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Als Beispiel wird eine leicht bekleidete Frau zur Dekoration auf einem Auto oder als Werbemotiv für eine handwerkliche Leistung genannt. Allerdings könnten auch produktrelevante Abbildungen herabsetzend sein und einen Verstoß gegen den Leitfaden darstellen.

Der Ablauf einer Sanktion ist folgendermaßen gedacht: Sobald aus der Öffentlichkeit eine Beschwerde über sexualisierte Werbung eingeht, befasst sich die ZGF mit dem Vorgang und spricht eine Empfehlung aus. Auf dieser Grundlage entscheidet die zuständige senatorische Behörde – in der Regel wird es das Bau- oder das Wirtschaftsressort sein – über die Entfernung der Reklame.

Frauenbeauftragte will eine "Konkretion von Sittenwidrigkeit"

Firmen wie Ströer würden dann unverzüglich aufgefordert, dies umzusetzen. „Schnelles Handeln ist für ein effektives Vorgehen gegen sexistische und/oder diskriminierende Werbung erforderlich, da die Werbung häufig nur kurze Zeit auf den Werbeträgern hängt“, heißt es im Entwurf einer Beschlussvorlage für den Senat. Das Papier befindet sich zurzeit in der Abstimmung zwischen mehreren beteiligten Behörden.

Nicht alle sind damit gleichermaßen glücklich. Da und dort fällt der Begriff „Zensur“, allerdings nur hinter vorgehaltener Hand.Diesen Vorwurf lässt Ulrike Hauffe nicht gelten. Was die neue Regelung leisten soll, sei lediglich eine „Konkretion von Sittenwidrigkeit“, sagt die ZFG-Leiterin.

Und sittenwidrige Reklame sei schließlich ohnehin nicht statthaft. An diesen Konsens fühle sich auch die werbetreibende Wirtschaft gebunden. Hauffe tritt auch der Befürchtung entgegen, dass ihre Zentralstelle rigide gegen jedes Fitzelchen nackter Haut vorgeht, sollte der Senat die geplanten Richtlinien in Kraft setzen. Man werde das Instrument mit Augenmaß handhaben.

Zentralstelle erhält Anrufe

Wie oft kommt es schon jetzt vor, dass sich Bürger bei der ZGF über anstößige, mit Geschlechterstereotypen arbeitende Reklame beschweren? „Das lässt sich schwer beziffern“, sagt Ulrike Hauffe. „Mal erhalten wir zwei, drei Anrufe in einer Woche, und dann auch wieder eine ganze Weile gar nicht.“ Als besonders übles Beispiel aus jüngerer Zeit ist ihr ein Plakat der Band „Frei-Wild“ in Erinnerung.

Darauf ist eine nackte Frau abgebildet, die mit gespreizten Beinen posiert. Nur der Genitalbereich ist verdeckt. Was das mit dem eigentlichen Produkt – einer Tonträger-Box der Deutschrocker – zu tun haben soll, erschließt sich Hauffe nicht. Allerdings befand sich die Werbefläche auf privatem Gelände, und dieser Bereich wird sich auch künftig der Zuständigkeit der ZFG entziehen. Erfolgreich eingewirkt hat Hauffe nach eigener Darstellung auf die Modekette H&M. Die hatte auch in Bremen vor einiger Zeit mit weiblichen Models geworben, die erkennbar bestenfalls 14 Jahre alt waren.

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