Fehltage wegen psychischer Erkankungen

Wenn Arbeit krank macht

Gesundheitsreporte von Krankenkassen zeigen in den vergangenen Jahren vor allem einen Trend: Krankschreibungen und Fehltage wegen psychischer Erkrankungen steigen. Bremen liegt sogar noch über dem Bundestrend.
14.08.2017, 08:44
Lesedauer: 4 Min
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Wenn Arbeit krank macht
Von Sabine Doll
Wenn Arbeit krank macht

Beruflicher Stress und private Konflikte können die Ursachen für psychosomatische Beschwerden wie Migräne oder Rückenschmerzen sein.

dpa

Sie nehmen einen der oberen Plätze in der Statistik ein. Die Krankenkasse DAK etwa meldete in diesem Jahr sogar einen Rekord: „Noch nie gab es so viele Ausfalltage im Job wegen psychischer Erkrankungen. Mit rund 246 Fehltagen je 100 Versicherte waren sie 2016 auf dem Höchststand.“ Die Zahl der Fehltage von Erwerbstätigen habe sich in den vergangenen 20 Jahren damit mehr als verdreifacht, 1997 seien es noch 77 Ausfalltage je 100 Versicherte gewesen.

Bremen liegt sogar noch über dem Bundestrend, wie die Kassenstatistik zeigt: Im kleinsten Bundesland entfiel der größte Anteil der Fehlzeiten mit 313 Ausfalltagen auf Muskel-Skelett-Erkrankungen, wie etwa Rückenschmerzen. Danach folgen bereits psychische Erkrankungen mit 269 Fehltagen je 100 Versicherte – besonders häufig trifft es danach Beschäftigte der öffentlichen Verwaltung mit 377 Tagen.

Immer wieder krankgeschrieben

Henning Faulenbach kennt die Menschen hinter diesen Zahlen. Er ist Chefarzt des Zentrums für seelische Gesundheit, das vor fast genau zwei Jahren in Bremen eröffnet hat. Das Zentrum gehört zur Dr. Becker Klinikgruppe mit Sitz in Köln und verfolgt einen besonderen Ansatz: Es bietet den Patienten eine medizinische und berufliche Rehabilitation gleichermaßen an, Kooperationspartner des von der Deutschen Rentenversicherung (DRV) initiierten Konzepts ist das Berufsförderungswerk Weser-Ems. „Unser Angebot ist darauf ausgerichtet, die Patienten konsequent und frühzeitig bei der Wiedereingliederung in den Beruf oder bei einer beruflichen Neuorientierung, etwa durch Umschulungen, unterstützen. Und zwar mit ganz konkreten Hilfestellungen. Im Vordergrund steht aber zunächst die Behandlung der psychosomatischen Erkrankungen“, betont Faulenbach.

Wenn dauerhafte Belastungen im Rahmen von beruflichen und privaten Konflikten sich in körperlichen Beschwerden ausdrücken, wird von psychosomatischen Erkrankungen gesprochen. „Sehr häufig sind dies Rückenschmerzen, Migräne, Magen-Darm-Beschwerden oder Ohrgeräusche durch Tinnitus. Organische Ursachen werden dafür nicht gefunden, was dazu führt, dass die Betroffenen oft mehrere Jahre mit den Symptomen leben“, erklärt Faulenbach.

Für die Gesundheitsseite: Seit einem Jahr gibt es das Zentrum für seelische Gesundheit in Bremen - vl. Chefarzt Psychosomatik Henning Faulenbach und

Henning Faulenbach und Katja Rübsam vom Zentrum für seelische Gesundheit.

Foto: Frank Thomas Koch

Und nicht nur das: Weil die zugrunde liegenden Konflikte nicht gelöst würden, verschlimmere sich die Situation meist: „Die Betroffenen kommen beispielsweise nicht aus dem Kreislauf von Krankschreibung und sozialem Rückzug heraus, ganz im Gegenteil. Teilweise dauert es bis zu zehn Jahre, bis eine psychosomatische Erkrankung behandelt wird. Je länger eine psychische oder psychische Erkrankung besteht, desto größer ist das Risiko, dass sie chronisch wird.“ Deshalb sei es besonders wichtig, dass frühzeitig bei entsprechenden Konflikten und Beschwerden an eine psychosomatische Erkrankung gedacht werde.

Das Bremer Zentrum für seelische Gesundheit ist eine ganztägige ambulante Reha-Einrichtung. Das heißt: Die Patienten kommen morgens, am Abend fahren sie wieder nach Hause. 36 Plätze bietet die Einrichtung derzeit an, die Patienten kommen aus einem Umkreis von etwa 45 Minuten bis zu einer Stunde Fahrtzeit. Die Reha wird in der Regel bei der Deutschen Rentenversicherung beantragt. „Bei der Rehabilitation verfolgen wir einen ganzheitlichen Ansatz, der sich unter anderem in einem sogenannten multiprofessionellen Team aus Ärzten, Psychotherapeuten, Physio- und Ergotherapeuten, Ernährungsberatern, Sozialarbeitern und Sporttherapeuten ausdrückt. Sport spielt eine sehr wichtige Rolle“, betont Faulenbach. Für jeden Patienten gebe es einen auf ihn und seine psychosomatischen Beschwerden maßgeschneiderten Therapieplan. Im Schnitt dauere eine ambulante Reha fünf Wochen – oder auch länger.

Rückkehr an den Arbeitsplatz

Der Therapieplan beinhalte vor allem auch, dass frühzeitig die berufliche Wiedereingliederung oder Neuorientierung angegangen werden könne. „Manchmal reichen aber auch ganz konkrete Veränderungen am Arbeitsplatz aus, um krank machende Konflikte oder Belastungen zu vermeiden“, so Faulenbach. Das könne etwa ein anderes Schichtmodell sein, der Wechsel in einen anderen Bereich, wo beispielsweise weniger Lärm sei oder andere Einflüsse, die die Beschwerden verstärken könnten. „Dafür kann frühzeitig mit dem Arbeitgeber Kontakt aufgenommen werden, das erleichtert das Prozedere, nimmt aber auch Belastung von den Patienten, wenn dies gemeinsam angegangen wird. Der Kontakt zum Arbeitgeber während der Reha wird natürlich aber nur dann aufgenommen, wenn die Patienten das auch wollen.“

Bei etwa 60 Prozent der Reha-Patienten seien Probleme am Arbeitsplatz die Ursache für die psychosomatischen Beschwerden. Faulenbach: „Ganz klar geht es aber zuerst um die Behandlung der psychischen Beschwerden, das seien Depressionen, chronische Schmerzsyndrome und Angststörungen und um die sozialmedizinische Beurteilung, ob und in welcher Form die Rückkehr an den Arbeitsplatz möglich ist.“

Sei eine Rückkehr in den ursprünglichen Beruf nicht mehr denkbar, könne ebenfalls frühzeitig mit Arbeitspädagogen eine Umschulung oder Weiterqualifizierung in Angriff genommen werden. „Die Kooperation mit dem Berufsförderungswerk ist deshalb sehr vorteilhaft, weil Zeit und Wege kürzer sind“, sagt Katja Rübsam, Verwaltungsleiterin des Zentrums. Im Anschluss an die ambulante Rehabilitation könnten die Patienten an einem sechsmonatigen ambulanten Nachsorgeprogramm teilnehmen.

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