Fachtag Glücksspiel Wenn der Gewinn ausbleibt

Bremen. Wohin springen die Gedanken beim Wort „Sucht“? Richtig: Alkohol, Drogen, Substanzmissbrauch aller Art.
29.09.2016, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Lisa-Maria Röhling

Bremen. Wohin springen die Gedanken beim Wort „Sucht“? Richtig: Alkohol, Drogen, Substanzmissbrauch aller Art. Dass eine Sucht aber noch wesentlich mehr Formen haben kann, die genauso krankhaft sind, wird oft vergessen. Wie zum Beispiel bei der Glücksspielsucht, von der in Deutschland Tausende betroffen sind. Deswegen fand anlässlich des bundesweiten Aktionstages zur Glücksspielsucht der erste Fachtag zu diesem Thema in Bremen im Gesundheitstreffpunkt West statt.

„Das klassische Casino verliert“, fasste Diplom-Psychologe Tim Brosowski die aktuelle Glücksspielsituation in Bremen zusammen. Sieben bis acht von zehn betroffenen Süchtigen sind inzwischen in Sportwettbüros oder an Spielautomaten zu finden. Meist sind Menschen aus einem sozial schwächeren Umfeld betroffen, in dem auch viele Jugendliche schon früh einen leichten Zugang zu Spielautomaten haben. Online-Spiele haben zudem ein völlig neues Problemfeld eröffnet, das staatlich fast gar nicht zu kontrollieren ist.

Kai Sender weiß, wie gefährlich Glücksspiel sein kann. Er ist Suchtexperte aus eigener Erfahrung: Er ist seit 22 Jahren trockener Alkoholiker, verlagerte irgendwann seine nicht richtig aufgearbeitete Alkoholsucht – und begann zu spielen. „Ich war trocken und nicht nüchtern.“ Dreieinhalb Jahre lang spielte er Onlinepoker, machte immense Schulden. Sender hat die Sucht mithilfe seiner Frau Gisela aufgearbeitet, hat die verdrängten Gefühle wahrgenommen, sie angenommen, darüber geredet und sie gezeigt. Vier wichtige Schritte, wie er betont, um gegen seine Sucht zu kämpfen. Heute leiten die beiden den Verein „Gemeinsam gegen Glücksspielsucht“, der in Selbsthilfegruppen Glücksspielsüchtige und ihre Angehörigen unterstützt. Dass die Glücksspielsucht so oft unterschätzt wird, liegt laut Sender an zwei Dingen: Glücksspiel ist zum einen nicht stoffgebunden wie Drogen- oder Alkoholsüchte. Zum anderen trauten sich viele nicht, damit an die Öffentlichkeit zu gehen.

Die Bremer Fachstelle Glückssucht veranstaltete den Fachtag in Kooperation mit dem Landesinstitut für Schule, dem Gesundheitstreffpunkt West und der Wilden Bühne Bremen. In Vorträgen aus den Bereichen Forschung, Betroffene, Beratung und Prävention und in szenischen Darstellungen nahmen sich die Teilnehmenden der Thematik an. Am Ende diskutierten die Interessierten an Thementischen, um Ideen und Initiativen zur Glücksspielsucht zu erarbeiten. Ein erster Schritt, um eine unterschätzte Sucht mehr in den Fokus zu rücken.

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