Strategien gegen Starkregen Wenn der Kanal voll ist

Süd- und Ostdeutschland kämpfen gegen die Folgen der Regenfälle. Extremes Wetter gilt als eine der schlimmsten Folgen des Klimawandels. Bremen bereitet sich darauf vor – mit einer Klima-Anpassungsstrategie (Klas).
05.06.2013, 05:00
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Wenn der Kanal voll ist
Von Patricia Brandt

Süd- und Ostdeutschland kämpfen gegen die Folgen der Regenfälle. Extremes Wetter gilt als eine der schlimmsten Folgen des Klimawandels. Bremen bereitet sich darauf vor – mit einer Klima-Anpassungsstrategie (Klas).

Bremen-Nord. Der Starkregen am 16. Mai dieses Jahres hat die Schwachstelle des Nordbremer Kanalnetzes aufgezeigt. Es ist die Unterführung an der Hermann-Fortmann-Straße, in der bei Regen immer wieder Autos versinken. Auch diesmal hatte es einen Autofahrer erwischt. Die Unterführung ist eines der Probleme, die die Projektteilnehmer von Klas beschäftigen. Sie entwickeln im Auftrag der Stadt eine Klima-Anpassungsstrategie an extreme Regenereignisse für Bremen.

Hintergrund und Anlass ist der fortschreitende Klimawandel. Spätestens im August 2011 war die Problematik augenfällig geworden. Damals waren über Deutschland und angrenzende Länder zahlreiche von heftigen Regenfällen begleitete Unwetter hinweggezogen, die hohe Sachschäden und sogar Verletzte und Tote zur Folge hatten. In Bremen gab es am 4. und 18. August 2011 zahlreiche nasse Keller mit zum Teil hohen Sachschäden. Es kam zur zeitweiligen Überflutung von Unterführungen und Straßen. In der Umweltdeputation war daraufhin von Strategien zum Umgang mit Starkregen die Rede.

2012 startete unter Leitung des Umweltbetriebs und des Umweltsenators das Projekt Klas. "Das Projekt Klas macht sich auf den Weg, eine Klimaanpassungsstrategie in Bezug auf extreme Regenereignisse zu entwickeln, um Bremen an das Risiko solcher Regenfälle anzupassen und damit langfristig auf die Zukunft vorzubereiten", heißt es im Internet. Projektpartner ist zum Beispiel die Feuerwehr. Mit am Tisch sitzt auch Hansewasser. Das Abwasserunternehmen ist für das 2300 Kilometer lange Bremer Kanalnetz zuständig.

Ein erstes Ergebnis der Arbeitsgruppe betrifft die Fachleute der Stadtentwässerung: "Das System fängt am Tiefpunkt an zu versagen. Wir müssen uns aber von der Vorstellung verabschieden, dass wir die Unterführungen von Überflutungen frei halten können", sagt Dietmar Gatke, bei Hansewasser für Fragen der Regenstatistik und hydraulische Berechnungen zuständig. Beispiel Bremen-Nord am 16. Mai dieses Jahres: Ein Auto steht bis zu den Scheiben im Wasser in der Unterführung an der Hermann-Fortmann-Straße.

"Das Radarbild vom besagten Tag, 8 Uhr, zeigt, dass 35 bis 40 Liter Regen pro Stunde und Quadratmeter heruntergekommen sind", erläutert Gatke. Zum Vergleich: Normalerweise fielen in Bremen im gesamten Monat 60 Liter pro Quadratmeter. "Der Starkregen führte dazu, dass viel Regen im Schmutzwasserkanal landete", berichtet Dietmar Gatke. Zum Hintergrund: In Vegesack und Blumenthal seien einige Bereiche noch mischentwässert. Heißt übersetzt: Der Kanal leitet sowohl Regen- als auch Schmutzwasser zur Kläranlage nach Farge. Am 16. Mai drang laut Gatke viel Regenwasser durch die Löcher in den Kanaldeckeln ein, die eigentlich der Belüftung des Systems dienen sollen. Das Wasser im Netz stieg deshalb "verbotenerweise, aber nicht verhinderbar" (Gatke) bis zur Oberkante an. Der Kanal war überlastet. Die Menge konnte auch nicht vom Vegesacker Pumpwerk bewältigt werden. Obwohl dieses Gatke zufolge durchaus leistungsstark sei: "Das Pumpwerk kann bei Regen die zehnfache Menge fördern."

Extremregen alle fünf Jahre

Derzeit rechnen Experten laut Hansewasser mit Extremregen-Ereignissen in fünf Jahres-Abständen. Die Fachwelt gehe aber davon aus, dass Bremen künftig noch häufiger mit Unwettern zu kämpfen hat. "Starkregen hat für uns Priorität 1a", sagt Werner Heilemann, Leiter der Kundenbetreuung bei Hansewasser. Doch es sei technisch und finanziell nicht darstellbar, die Anlage großvolumiger auszulegen. Heilemann nennt das Beispiel Autobahn: "Die können Sie auch dreispurig auslegen und an Pfingsten wird es Stau geben." Das Projekt Klas richte seinen Fokus auf eine andere Fragestellung. "Wie lassen sich Schäden an der Oberfläche vermeiden?", nennt Gatke eine Aufgabe.

Klas will zunächst bis Herbst 2014 Maßnahmen entwickeln, die helfen, mit dem Phänomen umzugehen. "Denkbar ist eine Art Frühwarnsystem, damit Menschen und Fahrzeuge gar nicht erst in überflutete Unterführungen hineingeraten, damit Folgeschäden ausgeschlossen werden können", meint Gatke. In Bremen-Nord könnte schon ein Hinweisschild an der Hermann-Fortmann-Straße helfen: "Bei Überflutung nicht benutzen." Die Unterführung sei für Auswärtige deshalb tückisch, weil die Fahrbahn deutlich tiefer liegt als der Fußgängerüberweg.

Maßnahmen im öffentlichen Bereich sind das eine. Klas fordert auf der anderen Seite auch Grundstückseigentümer auf, ihre Häuser gegen Wasser von oben und unten zu schützen. Hansewasser wirbt etwa für Anlagen zum Schutz vor einem Rückstau aus dem Kanal. Im August 2011 waren auch Überlastungen zum Beispiel durch defekte Regenrinnen als Ursache für Sachschäden ausgemacht worden. In einigen Fällen floss dem damaligen Bericht der Verwaltung zufolge auch Regenwasser von gepflasterten Hofflächen in Richtung Gebäude. Grund dafür waren falsche Gefälleverhältnisse.

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