Mein erstes Mal

Wenn der Kollege stirbt

Tanja Brinkmann erzählt von ihrem ersten Fall als Trauerbegleiterin in einem Unternehmen.
16.02.2020, 22:20
Lesedauer: 3 Min
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Wenn der Kollege stirbt
Von Elena Matera
Wenn der Kollege stirbt

Eine Trauerschleife mit der Aufschrift "Letzter Gruß" auf einem Grab.

Patrick Pleul/ dpa

Meistens fängt es mit einem Anruf an. So war es auch in meinem ersten Fall als Trauerbegleiterin in einer Firma. Am Telefon war ein aufgelöster Chef eines kleinen, recht jungen Unternehmens. In einem der Teams war plötzlich eine Kollegin gestorben. Der Chef sagte mir: „Die Mitarbeiter sind nicht mehr richtig arbeitsfähig, ich kann das alleine nicht schaffen, können Sie mir helfen?“.

Als ich kurz darauf die Firma besucht habe, erkannte ich die Tragik: Mit der verstorbenen Kollegin hatte es zuvor starke Reibereien und Konflikte gegeben. Sie hatte sich krank gemeldet, wenige Tage später kam der Anruf der Familie, dass sie an einem Herzinfarkt gestorben sei. Die Familie gab der Firma die Schuld an dem Tod, weil die Verstorbene so viel Stress bei der Arbeit gehabt hatte. Den Kollegen wurde verboten, zur Trauerfeier zu gehen. Und so standen die Mitarbeiter da. Sie hatten eine Kollegin verloren, während sie in einem Konflikt mit ihr standen. Es gab keine Chance, sich zu verabschieden.

Ich habe ihnen erst einmal die Möglichkeit gegeben, dass sie ihren Gedanken und Gefühlen Raum geben konnten. Da waren Fassungslosigkeit, Trauer und Vorwürfe. Es wurde mit der Zeit deutlich, dass dem Team vor allem der Abschied fehlte. Der Tod kam abrupt. Die Kollegin war jung.

Ich habe die Idee eingebracht, dass wir eine eigene Trauerfeier machen könnten. Sie stimmten ein, wollten diesen Abschied aber Brückenfeier nennen, um eine Brücke zu der Verstorbenen aufzubauen. Bei den Vorbereitungen war das Team sehr kreativ. Anderthalb Wochen später fand die Feier im Unternehmen statt. Es war eine der verrücktesten Trauerfeiern, die ich je miterlebt habe. Am Anfang erzählte jeder Mitarbeiter Erinnerungen und Anekdoten von der verstorbenen Kollegin. Sie schrieben Vorwürfe und Gedanken auf Zettel und verbrannten sie in einem Feuerkorb im Garten.

Außerdem pflanzten sie eine Magnolie. Das Team wollte eine sichtbare symbolische Brücke zur toten Kollegin bauen. Der schöne Baum erinnert auch heute noch an die Verstorbene. Es war eine feuchtfröhliche Brückenfeier. Die Verstorbene hatte unglaublich gerne Jägermeister getrunken. Deswegen musste jeder auf der Feier auch welchen trinken. Zum Schluss gab es ihr Lieblingsessen: Mousse au Chocolat. Für mich war das so schön zu erleben, wie die Mitarbeiter ihren Frieden mit der Situation gefunden haben. Die Trauer war auch nach der Feier noch da, aber der Schock, die Aufgelöstheit waren weg. Dieser erste Fall war vor sechs Jahren. Ich habe viel aus dem Erlebnis mitgenommen und seitdem viele Unternehmen begleitet. Trauer ist oft noch ein Tabu in der Arbeitswelt. Sie wird einfach weggesperrt. Ganz nach dem Motto: Das ist die Arbeit, trauern ist Privatsache. So funktionieren wir Menschen aber nicht.

Das fand ich an dem ersten Unternehmen so eindrucksvoll. Der Chef hat die Situation richtig eingeschätzt und erkannt, dass Trauern kein Problem ist, sondern die Lösung und so Platz zum Trauern gegeben. Jedes Unternehmen und jeder Fall ist anders. In manchen Firmen wird nur gesiezt, es gibt ein distanziertes Verhältnis. Da ist es schwieriger, ins Gespräch zu kommen. Andere Unternehmen sind jung, kommunikativ. Da ist es einfacher.

Wenn der Tod plötzlich und dramatisch kommt, ist es etwas anderes, als wenn er nach einer langwährenden Krankheit eintritt. Was für Unternehmen besonders schwierig ist: der unerwartete Tod. Es gab einen Fall, da hatte der Chef einen Herzinfarkt bei der Arbeit in einem Meeting. Das Team versuchte, ihn zu reanimieren – vergeblich. Nach einer solchen Situation gibt es besonders viel Redebedarf.

Ich begleite nicht nur Unternehmen, sondern auch Einzelfälle. Ich habe bei meiner Arbeit gelernt, dass jeder anders trauert, einige reden weniger, andere werden sehr emotional oder arbeiten viel. Alles ist okay. Das ist das Bild von Trauer, das ich versuche zu vermitteln. Mich berührt die Arbeit nach wie vor sehr, sonst könnte ich sie auch nicht gut machen. Einige Fälle belasten mich mehr als andere. Ich habe die letzten Jahre viel an der professionellen Nähe gearbeitet und Strategien entwickelt, möglichst unbeschwert in den Feierabend zu gehen. Viele fragen mich, wie ich diese Arbeit machen kann. Mir gibt es viel, Menschen in solchen Grenzsituationen des Lebens zur Seite zu stehen. Während man sonst im Alltag mit verschiedenen Masken unterwegs ist, mag ich an meiner Arbeit, dass mir die Menschen maskenlos begegnen und es um Wesentliches geht.

Aufgezeichnet von Elena Matera.

Info

Zur Person

Tanja M. Brinkmann

ist Krankenschwester und arbeitete mehrere Jahre auf der Krebsstation einer Bremer Klinik. Mit Ende zwanzig startete sie ihr Studium, arbeitete mehrere Jahre in der Wissenschaft und promovierte in Soziologie. Seit sieben Jahren wohnt die 46-Jährige in Bremen. Sie ist hauptberuflich als Trauerbegleiterin tätig. Neben individueller Trauerbegleitung berät sie Unternehmen. Brinkmann gibt außerdem Seminare und Trainings.

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