Ein Stimmungsbild aus Bremen

Wenn der Wolf kommt

Die Meinungen über das Auftreten von Wölfen und den Umgang mit ihnen sind zwiegespalten. Das Thema Wolf wird in Bremen heiß diskutiert.
31.01.2017, 21:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Sara Sundermann und Pascal Faltermann
Wenn der Wolf kommt

Weil immer mehr Wölfe gesichtet werden, gibt es zahlreiche Diskussionen über den Umgang mit dem Raubtier.

dpa

Die Meinungen über das Auftreten von Wölfen und den Umgang mit ihnen sind zwiegespalten. Nicht nur Bauern und Tierschützer haben dazu unterschiedliche Meinungen, das Thema Wolf wird in Bremen heiß diskutiert.

Zwischen Begeisterung und Angst, zwischen Vorsicht und Hysterie – die Meinungen über das Auftreten von Wölfen und den Umgang mit dem Raubtier sind zwiegespalten. Nicht nur Bauern und Tierschützer haben dazu unterschiedliche Meinungen: In den Kommentarspalten, Leserbriefen und den sozialen Netzwerken wird das Thema Wolf heiß diskutiert.

Jetzt soll der Wolf auch in Bremen angekommen sein. Zwei Anwohner hatten ein Tier am Sonnabend gegen 8.20 Uhr in der Nähe ihrer Wohnungen am Rande von Borgfeld nördlich des Lehester Deiches fotografiert. Während die Landesjägerschaft Bremen und der Wolfsbeauftragte der Landesjägerschaft Niedersachsen dies als nachgewiesenes Auftreten eines Wolfes in Bremen sehen, bleibt die Bremer Umweltbehörde noch vorsichtig, ohne den Jägern zu widersprechen.

„Unsere Experten gehen zwar davon aus, dass es sich um einen Wolf handelt“, sagt Behördensprecher Jens Tittmann. Allerdings gebe der Fotonachweis noch keine 100-prozentige Sicherheit. Ein Stimmungsbild aus Bremen.

Landwirtschaftsverband: In Schach halten

Dass der Wolf kommt, war abzusehen“, sagt Hilmer Garbade, Präsident des Bremischen Landwirtschaftsverbandes. Garbade und die Mitglieder sehen die steigende Population der Raubtiere und das Annähern an die Stadt mit einiger Sorge. „Niemand will den Wolf ausrotten, aber er muss in Schach gehalten werden“, sagt Garbade. Die Scheu des Raubtieres vor menschlichen Gebieten müsse wieder hergestellt werden.

In Niedersachsen klagten Landwirte darüber, dass zunehmend Nutztiere wie Schafe oder Lämmer von Wölfen gerissen werden. „Der Wolf wird unterschätzt, teilweise sogar als Kuscheltier verniedlicht“, betont Garbade. Bislang seien die Landwirte die Leidtragenden. Große Bedenken hätten sie wegen der Weidetierhaltung, die es in Bremen meist ohne Zäune gebe.

Wenn der Wolf um die Ställe von Rindern oder Kühen laufe, könnten die Tiere dadurch in Panik geraten. Mit der Folge, dass sie ausbrechen oder sich verletzen. Vor allem Schafe und Rinder seien einfache Beute für die Raubtiere. Die Gefahr durch den Wolf sieht der Landwirt in fast allen Bereichen in Bremen, die Anschluss an ländliche Gebiete haben.

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Naturschutzbund: Bremen nicht gut vorbereitet

Hysterie in die eine oder andere Richtung sei beim Thema Wolf nicht angebracht, stellt Sönke Hofmann, Geschäftsführer des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) in Bremen, klar. „Wir brauchen beim Beurteilen der Situation Fakten von beiden Seiten statt postfaktischen Handelns“, sagt er. Es stelle sich die Frage, wie Behörden, Jäger, Tier- und Naturschützer reagieren, wenn die Raubtiere potenziell gefährlich würden. Denn Bremen sei auf den Wolf nicht gut vorbereitet, weil das Thema für eine Stadt auch Neuland bedeute.

Allerdings sei die erste Sichtung eines Wolfes absehbar gewesen, in den vergangenen Jahren seien bereits tote Tiere im Bremer Umland gefunden worden. „Sie sind unglaublich mobil, vor allem junge Wölfe sind derzeit unterwegs und laufen lange Strecken“, so Hofmann. Wölfe legten normalerweise eine Strecke von 60 bis 80 Kilometern am Tag zurück, auf der Suche nach einem Revier könnten es auch 120 Kilometer werden.

Mehr als 100 Jahre lang habe es in Deutschland keine Wölfe gegeben, erst seit Beginn des neuen Jahrtausends werde der Canis Lupus wieder heimisch. Hofmann: „Es ist eine Erfolgsgeschichte für Natur- und Tierschutz, dass wir wieder so weit sind.“ Man müsse sich aber noch daran gewöhnen, dass die Wölfe wiederkommen.

Wolfcenter Dörverden: Auf keinen Fall füttern

Der Wolf, der in Bremen gesichtet wurde, ist wahrscheinlich ein Jungtier“, sagt Frank Faß, Inhaber des Wolfcenters in Dörverden. „Er ist vermutlich auf der Suche nach einem eigenen Gebiet oder hat sich für einen größeren Ausflug vom Territorium seiner Eltern entfernt.“ Die statistische Wahrscheinlichkeit, dass von einem Wolf Gefahr für Menschen ausgehe, sei sehr gering, betont Faß. „Der Schutz von Schafen und Ziegen ist aber geboten.“ Einfache Maschendrahtzäune würden Wölfe nicht aufhalten. „Elektronetz-Zäune sind gut geeignet.“

Faß warnt eindringlich davor, den Wolf zu füttern: „Wölfe, die angefüttert werden, können dreist und untragbar werden.“ Frank Faß und seine Frau leben von der Faszination Wolf. Das Wolfcenter verzeichnet seit Jahren steigende Besucherzahlen und lockte 2016 mehr als 40.000 Menschen an. „Der Wolf ist der Stammvater aller Hunde, und der Hund schafft es als eines von wenigen Haustieren ins Ehebett“, sagt Faß. „Auch die Tatsache, dass der Wolfein Großraubtier ist, fasziniert viele.“

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Kindergärten: Kein Grund zur Hysterie

Erwachsenen Menschen wird der Wolf wohl ausweichen – aber tut er das auch, wenn er einem Kind begegnet? Erzieherinnen in Kindergärten bleiben gelassen. „Ich hoffe, dass der Wolf den Weg zurück in den Wald findet und nicht hier durch Borgfeld Mitte saust“, sagt Anke Grünewald von den Borgfelder Butjers. „Bei uns im Zen­trum wird der Wolfwohl kaum auftauchen, da müsste er ja schon beim Supermarkt nebenan unterwegs sein – wenn noch ein paar Instinkte funktionieren, wird er den Ortskern meiden.“

Eltern, die direkt am Stadtrand wohnen, würden sich aber vielleicht schon um ihre Kinder sorgen, meint Grünewald. Doch sie sieht keinen Grund für Hysterie. Auch im Landkindergarten Timmersloh ist Erzieherin Lina Helmke unbesorgt. „Unser Gelände ist eingezäunt, die Kinder sind immer beaufsichtigt.“ Der Landkindergarten will das Thema Wölfe aber aufgreifen: „Wir werden das thematisieren, weil wir das Verständnis der Kinder für die Hintergründe fördern und ihr Interesse wecken wollen.“

Behörde und Politik: Vorsichtige Bewertung

Nur sehr vorsichtig bewerten die Vertreter der Bremer Umweltbehörde die Fotoaufnahmen, die laut Marcus Henke von der Landesjägerschaft Bremen und Raoul Reding, dem Wolfsbeauftragten der Landesjägerschaft Niedersachsen in Hannover, einen Wolf zeigen. Anwohner hatten am Sonnabend in Borgfeld nördlich des Lehester Deiches die Bilder gemacht.

Erst wenn es einen genetischen Nachweis durch eine DNA-Probe oder eine Ortung eines Wolfs durch ein Senderhalsband gebe, könne man 100-prozentig von einem Wolf ausgehen, sagte Behördensprecher Jens Tittmann am Dienstag. Deswegen würden die Experten der Umweltbehörde die Fotos nur als sogenannten C3 Nachweis bewerten, also als Wolfs-Beobachtung. Zu dem Thema gebe es einen engen Austausch mit Kollegen in Niedersachsen und dem Bund, sagte Tittmann.

Der vermeintliche Wolf ruft zudem auch die Politiker auf den Plan. Die CDU-Fraktion aus Borgfeld will das Thema auf die nächste Sitzung des Beirats am Dienstag, 21. Februar, setzen. Bei einer ganzen Reihe von Borgfeldern habe die Meldung große Unruhe ausgelöst und Fragen aufgeworfen. Zum Beispiel, wie stark Personen und besonders Kinder durch Wölfe gefährdet seien, so die CDU.

Bürger und Anwohner: „Endlich aufwachen“

Nervös seien die Rehe gewesen, die am Sonnabend auf der Wiese hinter dem Lehester Deich grasten. Gerald Hodel wohnt am Johann-Brand-Weg in der Nähe und ist sich sicher, dass er einen Wolf gesehen hat, der die Tiere verunsichert habe. Seine Meinung ist gespalten. Allerdings sagt er auch, dass man den Wolf irgendwann jagen müsse, wenn dessen Population weiter steige.

Wolfgang Trillhase sieht die steigende Zahl der Tiere dagegen als normal an. Er weiß, dass viele Menschen Angst haben. Dennoch sagt er: „Lasst den Wolf leben“. Bettina Wolpmann-Macion fordert: „Bitte, ihr sogenannten Volksvertreter, wacht aus eurem Dornröschenschlaf endlich auf, es sind schon zu viele Tiere gerissen worden. Wartet ihr auf den ersten Menschen?“

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