DGB-Report: Viele Bremer betroffen

Wenn die Rente nicht reicht

Fast jeder zweite Mann und drei von vier Frauen, die 2018 in Rente gegangen sind, erhalten weniger als 1035 Euro Rente im Monat. Diese Zahlen legte nun der Gewerkschaftsbund Bremen vor.
20.01.2020, 14:06
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Wenn die Rente nicht reicht
Von Carolin Henkenberens
Wenn die Rente nicht reicht

Wenn das Geld kaum zum Leben reicht: In Bremen erhielten viele Menschen, die 2018 in Rente gegangen sind, weniger als 1035 Euro Altersbezüge.

Marijan Murat/dpa

Immer mehr Rentnerinnen und Rentner in Bremen und Niedersachsen sind von Armut bedroht. Zu diesem Schluss kommt der Rentenreport 2020 des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), der am Montag in Bremen und Hannover vorgestellt worden ist und für beide Bundesländer zu ähnlichen Ergebnissen kommt.

Demnach bekamen drei Viertel der Bremerinnen und fast die Hälfte (47 Prozent) der Bremer, die 2018 erstmals Rente erhielten, eine Altersrente unterhalb der Armutsgefährdungsschwelle von 1035 Euro. "Unterhalb dieser Schwelle ist gesellschaftliche Teilhabe kaum möglich", heißt es in dem Report der Gewerkschaften. Niedrige Renten seien ein Problem für alle, die keine sonstigen Einnahmen im Alter oder kein Vermögen haben. Dem DGB zufolge stieg in keiner anderen Gesellschaftsgruppe in Bremen die Armutsgefährdungsquote so stark wie bei Rentnerinnen und Rentnern – in zehn Jahren um sechs Prozentpunkte auf 16,6 Prozent.

Frauen sind demnach besonders von Altersarmut betroffen. Jede fünfte Neurentnerin aus Bremen erhielt weniger als 300 Euro im Monat ausgezahlt. Das ist ein deutlich höherer Anteil als bei den Männern (13,5 Prozent). Im Land Bremen gab es im Juli 2018 gut 153 000 Rentnerinnen und Rentner, das waren 22,5 Prozent der Gesamtbevölkerung. Mit knapp 90.000 war die Mehrheit weiblich.

Hoher Abstand zwischen Geschlechtern

Wer 2018 in Bremen erstmals Rente bezogen hat, bekam im Schnitt 1066 (Männer) beziehungsweise 728 Euro (Frauen) im Monat. Die Rente von Frauen hat sich laut Report leicht erhöht. Neurentnerinnen erhielten im Schnitt 34 Euro mehr als Frauen, die vor 2018 in Rente gingen. Bei Männern sank die Rente: Wer vor 2018 in den Ruhestand gegangen ist, erhielt im Schnitt noch 110 Euro mehr.

Neurentnerinnen in Bremen erhielten im Schnitt also mehr als 300 Euro weniger als Neurentner. Bei denjenigen, die schon länger Rente beziehen, ist der Abstand zwischen den Geschlechtern noch größer. Als Gründe führt der DGB an, dass Frauen öfter in Teilzeit arbeiten, die von ihnen oft ausgeübten Berufe schlechter bezahlt werden und sie mehr unbezahlte Arbeit in der Familie übernehmen als Männer.

Immer mehr Menschen in Bremen und Niedersachsen sind im Alter von Armut bedroht.

Immer mehr Menschen in Bremen und Niedersachsen sind im Alter von Armut bedroht.

Foto: Grafik Weser Kurier

In Niedersachsen kommt der Gewerkschaftsbund zu einem ähnlichen Schluss: Die Zahl der Berufstätigen, denen im Alter Armut drohe, sei gestiegen. Mittlerweile bestehe für mehr als jeden siebten Beschäftigten im Land ein Armutsrisiko im Alter. Im Nachbarbundesland lebten im vorvergangenen Jahr 1,89 Millionen Ruheständler. Im Vergleich mit Bremen fällt auf: Die Renten in Niedersachsen lagen leicht über jenen im Stadtstaat, sowohl für die Neurentner (1127 Euro) als auch für die Bestandsrentner, die vor 2018 in den Ruhestand gegangen sind (1198 Euro). Ebenso war der Anteil der Neurentner, die mehr als 1200 Euro bekommen haben, in Niedersachsen höher: Während sich in Niedersachsen fast die Hälfte der Neurentner diese Summe erarbeitet hatte, waren es in Bremen 44,1 Prozent.

Die Altersbezüge von Frauen in Niedersachsen sind mit 646 Euro (Bestandsrentnerinnen) beziehungsweise 692 Euro (2018 in Rente gegangen) niedriger als in Bremen. Auch die Schere zwischen Männern und Frauen ist im Flächenland größer als in Bremen. Fast jede zweite Frau in Niedersachsen bekam nach ihrem Renteneintritt im vorvergangenen Jahr weniger als 600 Euro im Monat.

DGB fordert bessere betrieblichen Gesundheitsschutz

Der DGB, ein Zusammenschluss von Gewerkschaften wie IG Metall oder Verdi, beruft sich in seinem Report auf Daten des Statistischen Landes- und Bundesamtes sowie der Deutschen Rentenversicherung. Der Gewerkschaftsbund verbindet seine Studie mit politischen Forderungen. Er appelliert, dass mehr Unternehmen nach Tarif zahlen, dass das Rentenniveau von derzeit 48,2 Prozent stabil bleibt und in einem zweiten Schritt auf 50 Prozent steigt. Ebenso fordert der Gewerkschaftsbund besseren betrieblichen Gesundheitsschutz, weil immer mehr Menschen wegen gesundheitlicher Probleme früher aus dem Arbeitsleben ausschieden und Erwerbsminderungsrente bezögen. Unter Empfängern von Erwerbsminderungsrente ist der Anteil derjenigen, die weniger als 1035 Euro zum Leben haben, besonders groß. "Ein Kurswechsel in der Rentenpolitik ist dringend nötig", sagt Annette Düring, Bremer DGB-Vorsitzende.

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„Horrormeldungen, wonach es zu einem massiven sozialen Abstieg und drohender Altersarmut bis weit in die Mittelschicht komme, sind durch nichts belegt", sagt hingegen Cornelius Neumann-Redlin, Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände im Lande Bremen. Der Spitzenverband repräsentiert 21 Wirtschafts- und Arbeitgeberverbände aus Industrie, Handel, Versicherungen und anderen Bereichen. Derzeit seien nur etwa drei Prozent der Rentnerinnen und Rentner auf Grundsicherung angewiesen, sagt Neumann-Redlin. Es spreche viel dafür, dass das so bleibe. Allein aus der Höhe der gesetzlichen Rente könne man nicht auf Altersarmut schließen; es seien das tatsächliche Haushaltseinkommen und das Vermögen zu betrachten. "Auch wird häufig mit der gesetzlichen Rente nur die erste Säule der Alterssicherung betrachtet", sagt er. Stattdessen müsse man die Betriebsrenten so fördern, dass es sie umfassender gebe. Ebenso seien bessere Anreize für die private Altersvorsorge zu schaffen, statt diese schlecht zu reden.

Der FDP-Bürgerschaftsabgeordnete Magnus Buhlert spricht sich für Qualifizierungsoffensiven in Bremen aus. "Es rächt sich nun, dass dem Strukturwandel nicht entgegen getreten worden ist und wir eine permanent hohe Arbeitslosigkeit haben", sagt er. Es müsse für sozialversicherungspflichtige Jobs gesorgt werden, dann könnten die Menschen auch vorsorgen, etwa über Wohnbesitz. Die Bundestagsabgeordnete Doris Achelwilm (Linke) sagt, statt auf private Vorsorge zu verweisen, sollte die Bundesregierung das Rentenniveau anheben. Sie fordert eine steuerfinanzierte Mindestrente von 1050 Euro.

+++ Dieser Text wurde um 20.40 Uhr aktualisiert+++

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