WK-Volontärin bei "Deutschland spricht"

Wenn eine 27-Jährige mit einem 77-Jährigen diskutiert

Kim Torster aus der Redaktion hat beschlossen, selbst an "Deutschland spricht" teilzunehmen, statt nur darüber zu berichten. Hier schreibt sie, wie es ist, auf einen 50 Jahre älteren Gesprächspartner zu treffen.
30.10.2019, 16:42
Lesedauer: 2 Min
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Wenn eine 27-Jährige mit einem 77-Jährigen diskutiert
Von Kim Torster
Wenn eine 27-Jährige mit einem 77-Jährigen diskutiert

Auch WK-Volontärin Kim Torster hat bei "Deutschland spricht" mitdebattiert.

Frank Thomas Koch

Meine genervte Familie wird es sicher bestätigen: Ich diskutiere gerne. Aber als ich an diesem Morgen im Badezimmer stehe, mir die Zähne putze und daran denke, dass ich gleich mit einem wildfremden und dazu noch 50 Jahre älteren Mann über Gott und die Welt streiten soll, werde ich schlagartig sehr, sehr müde. Denn: Diskutieren ist anstrengend. Aus meiner Erfahrung entstehen Diskussionen außerdem oft aus einem Impuls heraus. Kann die Diskussion überhaupt echt sein, wenn sie, wie bei Deutschland spricht, fast künstlich herbeigeführt wird? Aber von vorn.

Mein Name ist Kim Torster, ich bin 27 Jahre alt und Volontärin beim WESER-KURIER. Für die Berichterstattung über "Deutschland spricht" habe ich beschlossen, einfach selbst daran teilzunehmen. Dies ist also ein rein subjektiver Erfahrungsbericht.

Weltbild des anderen schon vor dem Gespräch bekannt

Mein Gesprächspartner an diesem Tag ist ein 77-jähriger Mann mit Professoren-Titel. Schon vor dem Gespräch weiß ich, dass er vermutlich mein Weltbild teilt. Für die Teilnahme an "Deutschland spricht" mussten wir beide sieben Fragen beantworten, in drei Punkten waren wir uns einig. Zuerst finde ich das fast ein bisschen schade. Insgeheim hatte ich gehofft, mich ein bisschen streiten, vielleicht sogar jemanden von meiner Meinung überzeugen zu können. Das wird mir übrigens erst klar, als ich an diesem Text sitze – vielleicht gehört auch das zu meinen großen Erkenntnissen dieses Tages.

Das Gespräch mit meinem Gegenüber verläuft erst einmal schleppend. Oft höre ich mich „sehe ich auch so“ sagen. So hatte ich mir "Deutschland spricht" eigentlich nicht vorgestellt. Aber dann sagt mein Gegenüber immer mehr Dinge, die ich anders sehe. Häufig sind es nur Nebensätze, die mit dem eigentlichen Thema gar nichts zu tun haben. In meinem Kopf rattert es, ich möchte widersprechen – und schon sind wir beim nächsten Thema. Ein bisschen bin ich stolz, dass ich meinen Gesprächspartner nicht dauernd unterbreche, wie ich es sonst gerne tue. Eine Eigenschaft, die ich an anderen, aber auch an mir selbst nicht besonders schätze.

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Und langsam merke ich, dass diese Diskussion anders ist. Zum einen ist mein Gesprächspartner deutlich älter als ich und erwähnt dauernd Beispiele, die teilweise vor meiner Geburt oder zumindest vor der Zeit meines politischen Bewusstseins stattgefunden haben und die mir das Gefühl geben, dass ich besser schweigen sollte. Andererseits ist es auch die Situation an sich, die mich mäßigt. Wir sind zwei Menschen, die sich freiwillig zum Diskutieren getroffen haben. Keiner von uns ist in diese Situation hineingeraten, von Anfang an hören wir uns gegenseitig zu und gehen aufeinander ein. Das macht alles viel entspannter.

Einig beim Klimaschutz, uneinig bei der Umsetzung

In unserem knapp dreistündigen Gespräch diskutieren wir letztendlich vor allem über Nuancen: So sind wir beispielsweise beide für den Klimaschutz, sind uns aber uneinig darüber, wie er umgesetzt werden sollte. Auch die Presse ist ein Thema: Mein Gesprächspartner sagt zu Recht, er ärgere sich über Berichte die Meinungen enthalten. Am Ende unseres Gesprächs wird er aber auch sagen, dass er nun mehr Verständnis für Journalisten habe. Und ich werde gelernt haben, dass einige Debatten in den Medien zu kurz kommen – und in Zukunft versuchen das zu ändern.

Mein persönliches Fazit: Ja diskutieren ist anstrengend, selbst wenn man beinahe der gleichen Meinung ist. Dennoch würde ich immer wieder an einer Aktion wie dieser teilnehmen. Es lohnt sich.

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