Fotografieren für Ahnenforschung

Wenn Grabsteine im Netz auftauchen

Als sie ein Foto vom Bremer Grabstein für einige Familienangehörige im Internet sieht, ist Gabi Lemke empört. Das Bild wurde von einem Verein für Ahnenforschung gemacht. Lemke will das Bild gelöscht sehen.
23.02.2019, 19:48
Lesedauer: 3 Min
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Von Elke Hoesmann
Wenn Grabsteine im Netz auftauchen

Familien- und Ahnenforscher dokumentieren die Grabsteine.

Gerbracht

Im Internet hat Gabi Lemke das Foto eines ihr sehr vertrauten Grabsteins entdeckt. Abgebildet ist dort das Grabmal für Angehörige von Lemkes Familie auf dem Riensberger Friedhof. Lemke macht dies wütend. Sie finde es „ungeheuerlich“, dass der Stein mit Daten der Toten weltweit zu sehen sei. „Ich hätte vorher gefragt werden müssen und nicht zugestimmt“, sagt die Frau aus Osterholz-Scharmbeck.

Rechtlich gesehen, steht sie auf verlorenem Posten. Datenschutzgesetze gelten bis auf wenige Ausnahmen nicht für Verstorbene. Die Erlaubnis der Angehörigen muss nur eingeholt werden, wenn es um die Nutzung von Fotos von Verstorbenen geht. Zehn Jahre nach dem Tod der Abgebildeten gilt auch das nicht mehr.

Die meisten Reaktionen sind positiv

Grabstein-Fotos tauchen immer häufiger im Internet auf. Es sind Vereine von Ahnen- und Familienforschern, die dort aktiv werden. Seit etlichen Jahren fotografieren ihre Mitglieder bundesweit Grabmäler für Datenbanken der Vereine. Manche Hinterbliebene fallen aus allen Wolken, wenn sie zufällig im Netz auf die Abbildungen stoßen.

„Wir sind schon massiv beschimpft und verunglimpft worden“, sagt Helga Scabell vom Verein für Computergenealogie. Die Vereinigung mit Sitz in Lünen (Nordrhein-Westfalen) erfasst auch in Bremen akribisch Grabsteine und Inschriften in einer zugänglichen Datenbank. Die meisten Reaktionen auf ihre Arbeit seien aber positiv, betont Scabell. So bedankten sich oft Menschen in den USA und Australien für die Informationen über Vorfahren in Deutschland.

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Bremens Datenschützer bekommen aber auch „immer mal wieder Eingaben und Beschwerden“ zu Grabstein-Bildern, sagt Imke Sommer, die Landesbeauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit. Sie könne verstehen, dass Hinterbliebene betroffen auf Veröffentlichungen reagierten und Persönlichkeitsrechte verletzt sähen. Aber das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung gelte nur für Lebende. Anders sehe es aus, wenn Informationen über Verstorbene die Persönlichkeitsrechte von Hinterbliebenen verletzten.

Gabi Lemke will sich jetzt an den Verein für Computergenealogie wenden. Sie möchte erreichen, dass er das Grabstein-Foto löscht. „Dritte sollten nicht darüber bestimmen, was über meine Eltern im Netz steht“, findet Lemke. Der Verein hält dagegen, betont die Rechtmäßigkeit der Veröffentlichungen, signalisiert aber Entgegenkommen in bestimmten Fällen. „Rausnehmen müssen wir gar nichts“, sagt Helga Scabell, die zweite Vereinsvorsitzende aus Bremen. Kritiker könnten jedoch an die jeweilige Projektadresse schreiben; der Verein prüfe dann, ob gelöscht wird. Freiwillig verzichte man bereits auf Grabstein-Bilder von Menschen, die erst ein bis zwei Jahre tot sind. „Ist das aber schon zehn Jahre her, sehen wir keine Pietätsgründe mehr.“ Es sei denn, es gäbe ein anderes begründetes Interesse.

Viele Anfragen aus dem Ausland

Grabsteine seien ein Kulturgut, sagt Scabell. Viele Gräber würden abgeräumt; ohne die Arbeit des Vereins gingen alte Grabmalanlagen verloren. Der Verein archiviere also einen Teil der heutigen Bestattungskultur für nachfolgende Generationen. Selbst Friedhofsverwaltungen wüssten diese Dokumentation zu schätzen, heißt es auf der Internetseite des Vereins. Tatsächlich verweist auch die Riensberger Friedhofsverwaltung auf ein weitgehend positives Echo. „Wir haben hier öfter Nachkommen stehen, viele aus dem Ausland und mit einem Grabstein-Bild aus dem Internet in der Hand, die die Grabstelle sehen möchten“, erzählt eine Mitarbeiterin. Von Beschwerden sei nur einmal die Rede gewesen.

Beim Umweltbetrieb, zuständig für Bremens Friedhöfe, landen ebenfalls viele Anfragen aus dem Ausland nach alten Grabstellen: „Aber meistens nicht wegen der Bilder im Internet“, betont Sprecherin Kerstin Doty. Sie interessiert, sagt sie, wie der Verein mit Grabsteinen umgeht, die mit Bildern der Verstorbenen geschmückt sind. Besonders Grabmäler für Menschen aus Osteuropa würden häufig mit persönlichen Bildern versehen. Der Verein für Computergenealogie hat darauf eine Antwort, die mit der Rechtslage konform geht: Solche Grabsteine würden für zehn Jahre ab Sterbedatum für Veröffentlichungen gesperrt, heißt es.

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Friedhöfe und Grabstellen sind öffentlich zugänglich, und Angehörige wie Besucher dürfen dort fotografieren – dieses Argument überzeugt Gabi Lemke nicht restlos. Es sei doch ein Unterschied, sagt sie, ob jemand über den Riensberger Friedhof geht und den Grabstein sieht oder ihn US-Bürger im Internet betrachten. In der Rechtsprechung wird das anders gesehen. Mit der bloßen Dokumentation des Grabsteins und der Daten würden keine Rechte verletzt, heißt es etwa in einem überregional beachteten Urteil des Amtsgerichts Mettmann von 2015. Die Klägerin sei zwar Eigentümerin des Grabsteins, das Fotografieren des Steins schränke aber weder ihr Eigentumsrecht ein, noch werde die Nutzung des Grabsteins dadurch beeinträchtigt. Die Klage wurde abgewiesen.

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