Bremer Elternkreis bietet Hilfestellung

Wenn Kinder nicht mehr vernünftig essen

Wenn die Kinder nicht mehr vernünftigt essen, exzessiv Sport treiben und sich ihre Gedanken nur ums Kalorien zählen drehen, verzweifeln Eltern. Der Elternkreis essgestörter Töchter und Söhne Bremen bietet Hilfe an.
05.05.2019, 19:03
Lesedauer: 4 Min
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Wenn Kinder nicht mehr vernünftig essen
Von Ulrike Troue
Wenn Kinder nicht mehr vernünftig essen

Wenn Kinder zu wenig Nahrung zu sich nehmen, ständig ihr Gewicht kontrollieren und sich selbst als zu dick empfinden, sollten Eltern hellhörig werden und sich Hilfe holen.

Monique Wüstenhagen/DPA

Was habe ich nur falsch gemacht? Wenn Essen beim eigenen Kind zum Problem wird, treiben quälende Selbstvorwürfe, die Sorge um dessen Wohlergehen und die Ohnmacht der eigenen Hilflosigkeit viele Eltern selbst in eine Krise. Schließlich zählt die Nahrungsaufnahme zu den elementaren Grundbedürfnissen jedes Menschen. Darüber hinaus erleben Familien und Lebensgemeinschaften gemeinsame Mahlzeiten in der Regel als geselliges und kommunikatives Mitein­ander.

Wenn die Tochter sich dem aber plötzlich völlig entzieht, nichts mehr anrühren will, exzessiv Sport betreibt und alle Gedanken nur noch ums Kalorienzählen kreisen, steht nicht nur der Familienfriede auf dem Spiel. Vielmehr gefährdet das Mädchen durch sein zwanghaft süchtiges Hungern seine Gesundheit. Und die seiner Eltern.

"Auch den Eltern geht es schlecht"

Manche Mütter und Väter bedrückt eine Essstörung wie die zuvor beschriebene ­Magersucht, aber auch Ess-Brech-Sucht ­(Bulimie), die sich in Fressanfällen und ­anschließendem Erbrechen bemerkbar macht, so sehr, dass sie dieses Problem gar nicht ansprechen mögen, weiß ein betroffener Vater. Nicht einmal in der Familie. Andere Eltern haben durchaus ein Mitteilungsbedürfnis, aber ihnen fehlt das Gegenüber, das die belastenden Gefühle kennt, sie wirklich versteht, und an das sie sich vertrauensvoll wenden können.

„Auch den Eltern geht es schlecht, deshalb ist es wichtig, dass sie sich wahrnehmen, sich stärken und sich Hilfe holen, damit sie wiederum ihren Kindern helfen können“, betont der Mann aus Bremen-Nord, der dem Elternkreis essgestörter Töchter und Söhne Bremen seit einigen Jahren angehört und geblieben ist, weil er andere betroffene Eltern unterstützen will. „Wir stärken uns . . .“ ist denn auch das Credo der Eltern-Selbsthilfegruppe, die sich immer am 1. und 3. Montag im Monat von 20 bis 21.30 Uhr nach drei Standortwechseln nun wieder in den Räumen des Netzwerks Bremen in der Faulenstraße 31 trifft.

„Resilienz ist unser Hauptanliegen“, betont der Vertreter der Selbsthilfegruppe, die zurzeit vornehmlich von Eltern, vor allem Müttern besucht wird, deren Töchter zwanghaft hungern. Doch Essstörungen, wozu auch Fettleibigkeit (Adipositas) gehört, betreffen zusehends auch Jungen. „Das heißt nicht, dass man sich von den Kindern entfernt, sondern man sollte sein eigenes Leben weiterleben können, sonst geht es nicht“, berichtet der Vater aus eigenem Erleben. „Der Weg aus einer Essstörung heraus ist mühsam und kann Jahre dauern, mit Erfahrung kommt man damit irgendwann aber klar.“

Im gemeinsamen Gespräch voneinander lernen

Die Mitglieder des Elternkreises essgestörter Töchter und Söhne Bremen haben alle langjährige Erfahrung mit der Thematik dieser schweren psychischen Krankheit, die mit dem vorherrschenden Schlankheitsideal eng verbunden ist und weitgehend durch Belastungssituationen, Konflikte und Probleme ausgelöst wird. Eine Essstörung findet im Kopf statt, nicht im Magen oder Darm. Und: Eltern können ihr Kind nicht zur Einsicht zwingen.

„Im Netz finden wir heute viele Informationen zu dem Thema“, sagt der Nord-Bremer, „aber das ist nicht das Forum, in dem man darüber spricht und seine Ängste und Sorgen loswerden kann.“ Im Elternkreis essgestörter Töchter und Söhne indes säßen Mütter und Väter, die nachvollziehen könnten, welchen Belastungen die betroffenen Familien ausgesetzt seien. „Dort trifft man Eltern, die das gleiche Problem haben. Da sitzen keine Therapeuten, sondern Eltern, die über einen gewissen Erfahrungsschatz verfügen, über ihren Umgang mit der Essstörung ihrer Kinder berichten und Informationen weitergeben können“, fährt der betroffene Vater fort.

Im gemeinsamen Gespräch könnte man voneinander lernen, mit Töchtern und Söhnen, die konsequent kaum Nahrung zu sich nehmen, besser umzugehen, Fehlverhalten zu erkennen und zu korrigieren. Als Beispiel nennt der Vater die Gratwanderung zur Co-Abhängigkeit. Eigentlich wollen Eltern ihren Kindern helfen, aber können keine Grenzen setzen und befördern durch ihr Verhalten die Essstörung sogar noch.

„Wir haben keine Rezepte, jeder muss seinen eigenen Weg finden, wie er mit der Krankheit umgeht“, beteuert er. Vertraulichkeit sei oberstes Gebot, betont der Vertreter der Selbsthilfegruppe. Die Teilnahme an den 14-tägigen Treffen sei freiwillig und ohne jegliche Verpflichtung. „Wir wollen die Eltern abholen, denn das Problem ist massiv.“

Seit 27 Jahren gibt es den Elternkreis

Deshalb können sich Eltern zunächst einmal telefonisch informieren. Und beim ersten Besuch eines Treffens werden sie eingeladen, schon eine halbe Stunde vor dem regulären Beginn vor Ort zu sein. „Dann stellen wir uns vor, sie bekommen eine Elternmappe in die Hand, die allgemeine Informationen sowie eine Therapeutenliste enthält, und werden so in einem ersten Schritt informiert“, erklärt der Vater aus Bremen-Nord. Nach dem persönlichen Gespräch entscheiden Neuzugänge selbst, ob sie sich erst einmal alles anschauen, von ihren Problemen berichten oder sich in den Austausch einbringen möchten.

Den Elternkreis essgestörter Töchter und Söhne Bremen gibt es schon seit 27 Jahren. Sogar Eltern aus Nienburg oder Oldenburg waren zeitweise dabei. Sechs Mitglieder bilden den Verantwortlichenkreis, dem übrigens auch der Vater angehört, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Sie besuchen Supervisionen, moderieren die Gruppentreffen, kümmern sich um Organisatorisches und Inhaltliches, unter anderem die Homepage, die Planung von Elternseminaren oder laden Referenten zu bestimmten Themen ein. Außerdem sprechen sie mit Fachleuten, ehemals Erkrankten oder Eltern genesener Kinder und tragen themenbezogenes Material zusammen. Sogar eine Fachbibliothek ist vorhanden.

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Weitere Informationen

Wer Kontakt zum Elternkreis essgestörter Töchter und Söhne Bremen aufnehmen möchte, kann sich unter der Telefonnummer 58 39 34 melden. Die Selbsthilfegruppe kommt an jedem 1. und 3. Montag im Monat (außer in den Bremer Schulferien und an Feiertagen) von 20 bis 21.30 Uhr in der Faulenstraße 31 zusammen. Die Teilnahme ist kostenlos. Die nächsten Termine sind Montag, 6. und 20. Mai. Neue Eltern bekommen ab 19.30 Uhr eine individuelle Einführung. Mehr online unter www.elternkreis-essstoerung-bremen.de.

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