Altersarmut in Bremen

Wenn nur wenig bleibt

Wer unter Altersarmut leidet, möchte darüber meist nicht sprechen – das macht das Problem schwer fassbar. Wir haben uns in Bremen umgeschaut und mit armen Menschen gesprochen.
04.06.2017, 00:00
Lesedauer: 7 Min
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Wenn nur wenig bleibt
Von Lisa Boekhoff

Wer unter Altersarmut leidet, möchte darüber meist nicht sprechen – das macht das Problem schwer fassbar. Wir haben uns in Bremen umgeschaut und mit armen Menschen gesprochen.

Der Blick ist vergebens. Im Mülleimer kurz vor der Lloydpassage ist nichts zu holen. Das ältere Paar mit den Beuteln in den Händen zieht wortlos weiter. Die Frau und der Mann mit den grauen Haaren bewegen sich rasch und unauffällig – als wären sie am liebsten unsichtbar. Die beiden sammeln Pfand.

Darüber sprechen wolle er nicht, sagt der Mann und wendet sich schnell ab. Ob die Rente nicht reicht und die beiden auf das Geld angewiesen sind? In der Einkaufsmeile teilt sich das Paar auf. Jeder übernimmt eine Mülleimerreihe entlang der Schaufenster. Noch liegt die ganze Passage vor ihnen.

Geht es nach den Zahlen, droht immer mehr Menschen in Bremen die Altersarmut. Die sogenannte Armutsgefährdungsquote legte bei den über 65-Jährigen im Vergleich zu anderen Altersgruppen deutlich zu: Nach Angaben des Statistischen Landesamts stieg sie zwischen 2005 und 2015 von neun auf 15,3 Prozent.

Auf der Suche nach Altersarmut fällt immer wieder auf: Wer wenig Geld hat, möchte lieber nicht, dass es jemand erfährt. Das beobachtet auch Petra Wulf-Lengner. Sie leitet den „Anziehungspunkt“ der Inneren Mission in der Blumenthalstraße. Wer nicht viel hat, kann dort gegen einen Obolus Kleidung bekommen.

Doch die Älteren scheuten sich manchmal aus falscher Scham vor dem Besuch im „Anziehungspunkt“, davor, hier gesehen zu werden. „Das ist das Schlimmste für sie, dass andere mitbekommen: Ich bin arm dran.“ Deshalb kämen viele mit kleiner Rente lieber in den günstigen Secondhand-Laden „Bemerkenswert“. Er wird ebenfalls von der Inneren Mission betrieben, hat aber ein gemischtes Publikum.

Teils haben die Mitarbeiter im „Anziehungspunkt“ selbst eine kleine Rente. Das trifft auch auf eine Helferin zu, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. „Ich komme irgendwie klar. Muss ich.“ Doch auch sie sei froh, hier manchmal günstig ein gebrauchtes Kleidungsstück zu finden. Ihr Mann sei vor vielen Jahren gestorben. Damals habe sie sich dann sehr einschränken müssen.

"In unserer Gesellschaft gilt Altersarmut als Ausweis eines Scheiterns“

Geburtstagsgeschenke für die Enkelkinder, darauf müsse sie sparen. Ihr Freundeskreis kaufe auch schon mal eine Karte fürs Theater oder Kino für sie mit. Anfangs sei es nicht leicht gewesen, das anzunehmen.

Jeder fünfte Bundesbürger weiß nicht, ob er mit seiner Rente im Alter gut auskommen wird und hat Angst davor, in die Altersarmut zu rutschen. Das ergab kürzlich eine Umfrage der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PWC.

Während sich viele heute noch gut helfen können, gehen Experten davon aus, dass sich die Altersarmut in Zukunft verschärfen wird. Minijobber, Solo-Selbstständige, Teilzeitbeschäftigte, Langzeitarbeitslose – wer nur wenig oder gar nichts verdient, kann für die Rente kaum vorsorgen.

Petra Wulf-Lengner koordiniert für die Innere Mission auch die Begegnungsstätten und hat so viel Kontakt zu älteren Menschen. Oft merke man dort erst nach und nach, wenn jemand Geldsorgen habe. „Wir haben Schwierigkeiten, das herauszufinden.

Dann kommen die Besucher an Tagen, wo eine Veranstaltung dann doch etwas kostet, nicht in die Begegnungsstätte – auch wenn es nicht viel Geld ist. Die Menschen vereinsamen. Sie ziehen sich immer mehr zurück, damit andere nur ja nichts mitkriegen.“

Das Problem Altersarmut habe zugenommen, sagt sie. Das Rentenniveau sei gesunken, die Lebenskosten gestiegen. „Die Spanne wird immer größer.„ Einige verkniffen sich wegen der Zuzahlung sogar Medikamente, den Zahnersatz oder die Brille. “Und wenn die Waschmaschine kaputt ist, wird sie nicht mehr ersetzt.“

"Ich habe einen Monat nur von Flaschenpfand gelebt"

Im „Anziehungspunkt“ hilft auch Atze. Er möchte lieber nur seinen Spitznamen nennen. Er müsse ebenfalls sparen. „Man kommt hin mit dem Leben“, sagt der Frührentner. Früher habe er auch Pfand gesammelt. „Ich war mit dem Hund spazieren und sah die leeren Flaschen. Da dachte ich: Du bist doch doof! Warum nimmst du nicht eine Tüte mit?“ Doch zuerst hat ihn der Griff nach dem Pfand Überwindung gekostet.

Geld nicht auf der Straße liegen zu lassen und ein bisschen dazuzuverdienen – für ihn seien diese beiden Aspekte Gründe fürs Flaschensammeln gewesen. Doch Bekannte sollten ihn dabei nicht sehen. „Guckt auch keiner?“ Atze macht ein Pfeifgeräusch: „Dann rinn!“ Manchmal zog er nachts los, wenn er nicht schlafen konnte. Das Sammeln habe sich gelohnt. „Ich kann mich an einen Monat erinnern, da habe ich nur vom Flaschenpfand gelebt.“

Anteil der armen über 65-Jährigen ist gering, steigt aber

Wer seinen Lebensunterhalt nicht bestreiten kann, hat Anspruch auf die Grundsicherung. Die Zahl der Bezieher ist in Bremen zwischen 2010 und 2015 gestiegen: von 6995 auf 9076 Menschen. Der Anteil der über 65-Jährigen ist dabei gering.

Doch auch er legte von 4,9 auf 6,4 Prozent in dieser Alterskohorte zu. Eine Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft belegte jüngst, dass das Einkommen älterer Menschen im Schnitt stärker gestiegen ist als das von Jüngeren. Doch auch das Armutsrisiko im Ruhestand wachse, schreiben die Verfasser der Studie.

Magnus Brosig von der Bremer Arbeitnehmerkammer zufolge stocken vor allem Menschen auf, die in ihrem Lebenslauf von der Norm abweichen und deshalb nicht viel in die Rente eingezahlt haben. Doch Altersarmut betreffe in Zukunft eine wachsende Minderheit: „Gerade in den Großstädten, wo die Wohnungsnot größer ist.“

Zunehmend werde es mehr Menschen geben, die zwar Vollzeit gearbeitet, aber nicht genug verdient haben. „Das ist derzeit noch Kaffeesatzleserei, aber alle Daten deuten darauf hin.“ Brosig befürchtet, dass heute viele Rentner über ihre Bedürftigkeit nicht sprechen wollen: „In unserer Leistungsgesellschaft gilt Altersarmut als Ausweis eines Scheiterns.“

Die Verbraucherzentrale Bremen beobachtet ebenfalls, dass das Problem größer wird. Es gebe einen Anstieg von älteren Menschen mit finanziellen Problemen, sagt Vorständin Annabel Oelmann. „Nur schmale Rentenerhöhungen, steigende Energie-, Lebenshaltungs- und Gesundheitskosten – bei vielen Ruheständlern ist oder wird das Budget eng.“ Oelmann empfiehlt, die Rentenunterlagen rechtzeitig zu prüfen und sich unabhängig und bei vielen Anbietern beraten zu lassen. Frauen sollten sich zudem nicht auf ihren Partner verlassen.

12.30 Uhr in der Brauerstraße 13 in Hemelingen. In der großen Ausgabehalle der Bremer Tafel organisieren sich die Mitarbeiter. Uwe Schneider läuft durch die Hallen und hilft bei der Planung. Seit zwei Jahren ist er Vorstand des Vereins.

Hemelingen ist der größte der drei Standorte der Tafel. Er liegt versteckt hinter den Bahnschranken. „Wir müssen schauen, dass wir genug Platz haben und die Kunden nicht auf dem Präsentierteller sind. Sie wollen die Tafel lieber abseits haben, wo man nicht so gesehen wird.“ Das gelte besonders für Ältere. Schneider weiß: Teils kämen sie aus einem anderen Stadtteil her, damit ihre Nachbarn sie nicht sehen. „Wir haben sogar Leute aus Walle, die hierher fahren.“

"Das ist ein soziales Highlight"

Die Kunden der Tafel müssen bedürftig sein und das belegen. In einer Liste ist vermerkt, welchen Nachweis sie haben. Neben „Hartz IV“ steht auch immer wieder „Rente“ in der entsprechenden Spalte.

Bis zu 200 Menschen kommen jeden Tag zur Tafel in Hemelingen. Dafür zahlen sie eine kleine Eintrittsspende. Schneider erklärt: „Was nichts kostet, taugt nichts. Es muss alles einen gewissen Wert haben.“ Brot, Süßigkeiten, Dosenwaren, Blumen vom Discounter, Eisbergsalat, Pilze, Kartoffeln – die Auswahl ist hier groß.

Die Tafel sei für einige außerdem ein Treffpunkt. „Das ist ein soziales Highlight, das die Menschen nutzen, um sich zu begegnen. Andere huschen nur durch und wollen ganz schnell weg.“

Das Schamgefühl sei bei den älteren Kunden zunächst schon größer, sagt Vorstand Schneider. Einige müssten erst überzeugt werden: "Sie merken dann, dass es gar nicht schlimm ist, zur Tafel zu gehen und man hier nicht schief angeschaut wird."

Doch das kostet Überwindung. Die ehrenamtliche Mitarbeiterin der Inneren Mission weiß von Rentnern, die an den Lebensmitteln sparen, statt die Tafel in Anspruch zu nehmen. Brot mit Margarine – das müsse dann die ganze Woche reichen. "Sie ernähren sich sehr ungesund.“

"Die Älteren sind sehr bescheiden"

Im Winter sei der Weg zur Tafel für die Rentner natürlich beschwerlicher, sagt Mitarbeiterin Aida Mustafaeva. Die junge Frau kontrolliert am Eingang alle Kunden und sammelt den Eintritt ein. Manchmal organisierten sie sich deshalb Hilfe. Dann hole der Pflegedienst oder die Nachbarschaftshilfe etwas für sie ab.

„Die Älteren sind sehr bescheiden“, sagt Maria Baro, die ehrenamtlich bei der Tafel mithilft und selbst auch nicht viel Einkommen hat. Sie verteilt an ihrem Stand Kühlwaren: Joghurt, Käse, Milch. Sie mag ihre Aufgabe und den Plausch mit den Kunden gerne. Doch dafür bleibt oft keine Zeit. Viele Besucher beeilen sich mit ihrem Rundgang, packen rasch die Lebensmittel in ihre Einkaufstrolleys und Beutel und sind schon wieder raus. „Tschüss. Danke!“

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Die meisten älteren Menschen, die sich hier aufhalten, wollen gar nicht erst angesprochen werden. Die Geschichten derjenigen, die ein wenig von ihrer Situation erzählen wollen, sind dann aber ganz unterschiedlich. Ein Frührentner sagt, er habe einfach nichts zurückgelegt und kaum etwas eingezahlt. Deshalb sei das Geld knapp. Er könne wegen einer Verletzung am Fuß aber nicht mehr arbeiten. Obwohl er Probleme beim Laufen hat, macht er sich auf den Weg.

Denn seiner Frau sei es unangenehm, herzukommen. Ein anderer älterer Mann erzählt, er sei selbstständig gewesen und habe dann auf die falschen Aktien gesetzt. Jetzt komme er schon seit vielen Jahren her. „Ich bin hier Kunde der ersten Stunde. Ein großes ,Chapeau!' an die Mitarbeiter für ihr Engagement.“ Er packt zu seinem Malzbier Gemüse in die mitgebrachte Sporttasche und zieht weiter. Seinen Namen möchte er nicht nennen.

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