Beamte schreiben, um ihre Erlebnisse zu verarbeiten

Wenn Polizisten zu Poeten werden

Bremen. Schreiben, um Erlebtes besser zu verarbeiten – aber auch, um der Öffentlichkeit ein realistisches Bild vom eigenen Beruf zu vermitteln: Das ist das Ziel der Polizeipoeten. Gegründet wurde der Verein vor über zehn Jahren. Etwa 200 Polizisten zählen bundesweit zu den Autoren, darunter auch die Bremer Michael Birkhan und Marcus Potyka.
02.09.2013, 00:00
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Von Gesa Wicke
Wenn Polizisten zu Poeten werden

Zwei Polizeibeamte, die als Autoren ihre beruflichen Erlebnisse verarbeiten (v.l.): Michael Birkhan und Marcus Potyka.FOTO: KUHAUPT

Christina Kuhaupt

Schreiben, um Erlebtes besser zu verarbeiten – aber auch, um der Öffentlichkeit ein realistisches Bild vom eigenen Beruf zu vermitteln: Das ist das Ziel der Polizeipoeten. Gegründet wurde der Verein vor über zehn Jahren. Etwa 200 Polizisten zählen bundesweit zu den Autoren, darunter auch die Bremer Michael Birkhan und Marcus Potyka.

Bremen. Selbstmord, Misshandlung, Vergewaltigung – es sind oft düstere Themen, mit denen sich die Polizeipoeten in ihren Texten befassen. „Die Bilder solcher Einsätze trägt man oft wochenlang mit sich herum“, sagt Michael Birkhan. Der Hauptkommissar aus Bremen-Nord ist seit über 30 Jahren bei der Polizei. Seine beruflichen Erfahrungen verarbeitet er regelmäßig in Kurzgeschichten. Veröffentlicht werden diese auf der Internetseite des Vereins und in Sammelbänden. „Ich habe irgendwann gemerkt, wie gut das Schreiben tut“, sagt Birkhan. „Das ist wie ein Ventil, wie eine Art Therapie, die einem hilft, das Erlebte besser zu verarbeiten.“

Ähnlich sieht das sein Kollege Marcus Potyka, Schutzpolizist und ebenfalls Autor des Vereins. „Der Einsatz läuft wie ein Film vor meinen Augen ab. Zwei Szenen wiederholen sich wechselseitig. Es sind die weit aufgerissenen, nach Hilfe suchenden Augen von Ali und die unbändige Trauer der Familie“, heißt es in seiner Erzählung „Machtlos.“ Offen und mit einfachen Worten berichtet Potyka darin von seinem bisher belastendsten Einsatz: Es ist eine frostige Novembernacht, als er und seine Kollegen zu einem Streit auf der Bremer Diskomeile gerufen werden. Ein Streit, der für einen der beteiligten Männer tödlich endet – der 18-Jährige verblutet in den Armen des jungen Polizisten Marcus Potyka.

„Der Vorfall hat mich lange beschäftigt“, sagt Potyka rückblickend. Vor allem, weil die Ereignisse der Nacht von Medien und Öffentlichkeit breit diskutiert werden. „Die Dinge aus meiner Sicht aufzuschreiben, hat mir geholfen, damit fertig zu werden“, sagt der Polizist. „Und auch, das eigene Handeln reflektierter zu sehen.“ Keinen Nobelpreis will er mit seinen Texten gewinnen, sagt er, stilistisch perfekt müssten sie deshalb nicht sein. Wichtig sei ihm vor allem, sich die Belastung von der Seele zu schreiben. „Und es geht mir darum, der Öffentlichkeit ein realistisches Bild der Polizeiarbeit zu vermitteln“, sagt Potyka. „Denn mit der Darstellung in Krimis und Fernsehserien hat unser Alltag oft wenig zu tun.“

Ein realistisches Bild des eigenen Berufes zu vermitteln, daran ist auch Michael Birkhan gelegen. Polizist zu werden, das war schon als kleiner Junge sein Traum: Menschen helfen, für andere da sein, im Streitfall vermitteln und schlichten, das sei ihm schon immer ein Bedürfnis gewesen. „Leider werden Polizisten in der Öffentlichkeit oft nur als funktionierende Maschinen wahrgenommen“, sagt er. „Dass in der Uniform auch ein Mensch steckt, der Angst hat und Emotionen, das vergessen die meisten.“

Angst und Unsicherheit thematisiert der Hauptkommissar auch in seinen Geschichten. „Polizisten sind ganz normale Menschen, mit Schwächen wie jeder andere auch“, sagt er. „Wenn ich mit Leid und Elend konfrontiert werde, berührt mich das, es lässt mich nicht einfach kalt.“

Doch nicht nur Tragisches ist bei den Polizeipoeten zu finden. Auch lustige und skurrile Momente enthalten die Erzählungen: Von misslungenen Einbrüchen ist dort mitunter die Rede, von verrückten Trickdiebversuche oder entlaufenen Tieren. Vier Sammelbände mit unterschiedlichsten Texten hat der Verein in den vergangenen Jahren veröffentlicht – erschienen sind sie allesamt im Piper-Verlag. Auch Lesungen oder Schreib-Workshops in ganz Deutschland bietet der Verein regelmäßig an.

Für Michael Birkhan und Marcus Potyka steht fest: Sie wollen auch in Zukunft weiter über ihre Erfahrungen bei der Polizei berichten. „Wer weiß, vielleicht schreibe ich, wenn ich in Pension gehe, eine Art Einsatztagebuch, mit allen wichtigen Erlebnissen in meiner Laufbahn“, sagt Marcus Potyka. Bis es so weit ist, wird es zwar noch eine Weile dauern. Doch Material für sein geplantes Buch sammelt der Schutzpolizist schon heute.

Mehr Infos zum Verein und zu den Büchern der Polizeipoeten unter www.polizei-poeten.de

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