Wettkämpfe im Pfeifenlangsamrauchen

Wenn Rauchen zum Sport wird

Am Sonnabend wird Rauchen zum Sport: Dann werden zwei Meisterschaften im Pfeifenlangsamrauchen ausgetragen. Die 43. Deutsche Meisterschaft und die 35. Norddeutsche Meisterschaft – beide in Hemmoor.
01.09.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Wenn Rauchen zum Sport wird
Von Hauke Hirsinger

Gemütlich, gediegen und vielleicht ein wenig altmodisch – so würden wohl viele Menschen den typischen Pfeifenraucher beschreiben. Das Adjektiv sportlich käme dabei vermutlich nicht vor. Doch das ist ein Fehler. Pfeifenraucher sind unter Umständen nicht nur sportlich. Das Pfeifenrauchen als solches ist ein Sport. Zumindest manchmal. Beispielsweise am Sonnabend, 5. September. Dann werden zwei Meisterschaften im Pfeifenlangsamrauchen ausgetragen: die 43. Deutsche Meisterschaft und die 35. Norddeutsche Meisterschaft – beide in Hemmoor an der B 73 zwischen Cuxhaven und Stade.

Einer der dann mitraucht, ist Rüdiger Opitz. Der Schriftführer des Vereins „Bremer Pfeifenrunde“ hält die offizielle Pfeife der vergangenen Weltmeisterschaft in Händen und stopft sie mit einer Ladung „Club Tabak Gelb-Aromatic“. Die Mischung wurde eigens für die anstehenden Meisterschaften kreiert und soll laut Etikett goldgelben Virginia, tiefschwarzen Cavendisch und schokoladigen Burley enthalten. Alles Zutaten, die bei Nicht-Pfeifenrauchern Fragezeichen in den Köpfen entstehen lassen, für Opitz und seine Vereinskollegen aber zum Allgemeinwissen zählen. „Hier, das ist goldgelber Virginia“, erläutert Brigitta Bokelmann und zeigt auf ein paar Tabak-Krümel. Sie war 1978 mit von der Partie, als die Pfeifenrunde gegründet wurde. Auch wenn sie heute nur noch für Fotos raucht, war sie früher einmal eine echte Ausnahmeraucherin. Bei den Weltmeisterschaften im Jahr 1982 auf Mallorca paffte sie sich bis auf Platz vier.

Aber wie funktioniert dieser geheimnisvolle Sport überhaupt? Die Regeln sind schnell erklärt. Alle Teilnehmer erhalten drei Gramm desselben Tabaks und identische Wettkampf-Pfeifen. Sie haben fünf Minuten Zeit, ihre Pfeife zu stopfen. Nach dem martialisch klingenden Kommando „Feuer frei“ bleibt eine weitere Minute, um die Pfeife zu entzünden. Dafür stehen zwei Streichhölzer zur Verfügung. Anschließend ist im Prinzip alles ganz einfach: Wer am längsten raucht, gewinnt.

„Das ist natürlich überhaupt nicht einfach“, berichtet Thorsten Arneke. Der zweite Vorsitzende der Pfeifenrunde schmunzelt. „Das fängt bereits beim Stopfen an. Bevor der Tabak in die Pfeife kommt, wird er von den echten Profis gründlichst bearbeitet.“ Bei einer Weltmeisterschaft habe er mal einige Schweizer dabei beobachtet, wie sie ihre drei Gramm fast die gesamten fünf Minuten lang zwischen ihren Händen in kleinste Partikel zerrieben. Gründungsmitglied Peter Meyer ist sicher: „Dabei wird Feuchtigkeit der Hände an den Tabak abgegeben. Die kleinen Krümel brennen anschließend von alleine.“

Das ist offenbar entscheidend. Beim sportlichen „Pfeifen“ wird nur wenig an der Pfeife gezogen. Vielmehr versuchen die Tabak-Athleten, ein möglichst schwaches Glimmen zu erhalten, indem sie immer und immer wieder mit dem Ballen des Daumens einen Unterdruck an der großen Pfeifenöffnung zu erzeugen. Um das Glimmen im Innern der Pfeife richtig erkennen zu können, tragen sie Filzhüte mit großen Krempen. Einige von ihnen erinnern deshalb an so berühmte Pfeifenraucher wie den Zauberer Gandalf aus „Der Hobbit“.

So werden Rauchzeiten von etwa vier Stunden möglich. „Das hat dann aber nur noch wenig mit Genuss zu tun“, sagt Opitz. Bei solchen Zeiten sei das, was am Ende in der Pfeife noch geraucht werde, nicht mehr besonders lecker.

Überhaupt treibt das sportliche Rauchen recht bizarre Blüten. So seien einige der besten Pfeifenlangsamraucher der Geschichte eigentlich Nichtraucher gewesen, sagt Bokelmann. Die hätten lediglich die beste Technik gehabt.

Professionelle Pfeifenraucher gibt es auf der gesamten Erde. Bei Weltmeisterschaften treffen unter anderem Japaner auf Franzosen, Spanier und natürlich Deutsche. Die Bremer Pfeifenrunde kann auch noch auf weitere Titel als den von Bokelmann verweisen. Opitz war beispielsweise schon Dritter bei der Deutschen Meisterschaft. Außerdem erreichte die Pfeifenrunde den Sieg in der Mannschaftswertung einer Norddeutschen Meisterschaft und den zweiten Platz einer Deutschen Meisterschaft. „Oft sind wir nicht die Besten, aber die Fröhlichsten“, verrät Meyer mit einem Schmunzeln. „Mir ist eigentlich nur wichtig, dass ich Rüdiger Opitz schlage“, frotzelt Oliver Otwiaska, ebenfalls langjähriges Mitglied in der Pfeifenrunde.

Zumindest das mit der Fröhlichkeit glaubt man der 38-köpfigen Pfeifenrunde ohne Weiteres. An jedem zweiten Dienstag im Monat treffen sie sich zum Training im Bremer Presse-Club. Es gibt aber auch Grillabende, Whisky-Verkostungen und Städtereisen zu Tabak-Manufakturen. Dabei wird auch deutlich, dass das Pfeifenrauchen mehr ist als der kleinste gemeinsame Nenner. Die Pfeife ist ein großer Gleichmacher, der Historiker, Polizisten, Politiker, Kfz-Sachverständige und Pensionäre auf einer Altersskala von 25 bis 84 Jahren an einen Tisch bringt. „Wir frönen der Pfeife und der Gemütlichkeit“, sagt Opitz.

Genau wie beim Tabak ist auch die Wahl der Pfeife eine Frage des Geschmacks. Neben Wurzelholz können sie unter anderem auch aus Ton oder Meerschaum – einem seltenem Magnesiumsilikat – hergestellt werden. „Es gibt kein richtig oder falsch. Entscheidend ist, was einem gefällt“, ist der Pfeifenrunden-Schriftführer überzeugt. Man könne mit einer Pfeife für 400 Euro genauso unglücklich werden wie mit einer für 40 Euro glücklich. Opitz mag besonders Pfeifen, in die viel Tabak passt. Zehn Gramm zum Beispiel. Da habe man richtig etwas in der Hand. Selbstverständlich gebe es auch Pfeifen, die echte Kunstwerke seien. Aus erlesenem Holz in akribischer Handarbeit gefertigt. Da seien auch Preise von mehreren Tausend Euro möglich.

Grundsätzlich könne man sich als Pfeifenraucher in Bremen nicht über Akzeptanzprobleme beklagen, sind sich die Mitglieder der Pfeifenrunde einig. Vielmehr sei es so, dass den Pfeifenrauchern das Wort „Genuss“ eher geglaubt werde als den Konsumenten von Glimmstängeln. Werner Garmhausen, mit 84 Jahren der älteste, registrierte Pfeifer der Hansestadt, kann sich trotz seiner bereits Jahrzehnte zählenden Paff-Karriere vornehmlich an positive Reaktionen erinnern: „Man wird höchstens mal auf den Geruch angesprochen. Den finden viele angenehm.“

Wie hoch die Akzeptanz der Bremer für das sportliche Pfeifenrauchen tatsächlich ist, dürfte sich spätestens 2016 zeigen. Dann ist die Bremer Pfeifenrunde Ausrichter der Deutschen und Norddeutschen Meisterschaft im Pfeifenlangsamrauchen.

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