Klimastreik in Bremen

Wenn selbst die Lehrer streiken

Mehrere Tausend Schüler wollen am Freitag in Bremen und Bremerhaven für Klimaschutz demonstrieren. Die Schulen reagieren unterschiedlich auf die Proteste, die Bildungssenatorin vermeidet eine klare Postion.
15.03.2019, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Nico Schnurr Marc Hagedorn
Wenn selbst die Lehrer streiken

„Es wirkt schon sehr willkürlich.“ Nona Reinke organisiert den Klimastreik in Bremen und kritisiert die Bildungsbehörde.

Vasil Dinev

Wenn sie an diesem Freitagmorgen um kurz vor acht Uhr in einem leeren Klassenraum stehen sollte, will Frauke Schwagereit auf ihr Bauchgefühl hören. Bleibt sie an der Gesamtschule Mitte, wo ihre Schüler eigentlich sein sollten? Oder macht sich die Schulleiterin auf den Weg zum Bahnhofsvorplatz, dahin, wo ihre Schüler sein werden?

Eigentlich würde Schwagereit das Lernbüro leiten. Unterricht, in dem selbstständig gearbeitet wird. Aber sie ahnt, dass viele ihrer Schüler am Freitag einem anderen Projekt nachgehen. Sie werden für besseren Klimaschutz streiken. Zusammen mit vielen anderen Jugendlichen, auf der bislang größten Bremer Demonstration der weltweiten Bewegung, die sich „Fridays for Future“ nennt.

„Wir wollen die Schüler nicht ermutigen, aber sie auch nicht hindern“

Erst zwei Tage ist es her, als der Unterricht an der Gesamtschule Mitte schon einmal für eine Weile pausierte. Am Mittwochvormittag kamen die Schüler und Lehrer zusammen. In Absprache mit Schwagereit hatten die Schülervertreter geladen. Sie riefen ihre Mitschüler dazu auf, am Freitag nicht zur Schule zu gehen, sondern zur Demonstration, die vom Hauptbahnhof über den Herdentorsteinweg führen wird, hin zum Marktplatz. Schwagereit glaubt, dass viele dem Aufruf folgen werden. Nicht nur die Schüler, auch einige Lehrer. Was macht man da als Schulleitung? Hinterher, auch auf die Straße?

„Ich bin mir unsicher“, sagt Schwagereit. „Wie das am Freitag läuft, ist eine völlig offene Geschichte.“ Noch vor ein paar Wochen wies sie die Eltern in einer Rundmail darauf hin, dass Schüler unentschuldigt fehlen, wenn sie streiken. Und jetzt will sie selbst dabei sein? „Ich werde das am Freitag intuitiv entscheiden, wenn die Klasse leer ist.“ Die Klimastreiks seien eine Schülersache, sagt Schwagereit.

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„Und ich weiß nicht, ob es wirklich förderlich ist, wenn dort mehr Erwachsene als Kinder auftauchen.“ Schwagereit ist unentschlossen. Auch, weil sie den Protest wichtig findet. Wenn sich Schüler für den Klimaschutz einsetzen, „dann können Mathe, Physik und Deutsch ruhig mal hinten anstehen“. Wer nachweisen kann, dass er tatsächlich protestiert hat, muss bei ihr keine Konsequenzen befürchten. „Wir wollen die Schüler nicht ermutigen, aber sie auch nicht hindern“, sagt sie.

Einige Schulen in Bremen und der Umgebung gehen deutlich strikter mit den Streiks um. Nach Informationen des WESER-KURIER wird den Schülern an einem Bremer Gymnasium mit Verweisen gedroht. Am Domgymnasium Verden bekommen Schüler eine Sechs, wenn sie in Bremen protestieren und deshalb Klausuren verpassen. Inge Kerlinski kann das nicht verstehen. Es würde den Unterrichtsinhalten zuwider laufen, wenn man die Schüler für ihr klimapolitisches Engagement bestraft, sagt die Leiterin der IGS Osterholz-Scharmbeck.

Bogedan weist auf Konsequenzen hin

Kerlinski glaubt, dass es den Schülern bei ihrem Protest um die Sache geht, nicht darum, ein paar Stunden frei zu haben. „Die Schüler sind glaubwürdig. Das sind keine Unterrichtsflüchtlinge.“ Auch Hans-Martin Utz nimmt seinen Schülern ab, dass es ihnen ernst ist mit ihrem Anliegen. Der Leiter der Gesamtschule Ost wünscht sich aber, dass sich die Jugendlichen auch in der Schule stärker für den Klimaschutz einsetzen. Dass sie darüber diskutieren, ob man für eine Klassenfahrt wirklich ins Ausland fliegen muss. Oder ob es nicht reicht, mit dem Rad in der Region unterwegs zu sein. „Da fehlen uns bislang kritische Gedanken der Schüler.“

Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD) bekundet zwar ihre Sympathie für die Bewegung, betont aber auch, dass die Streikenden bereit sein müssen, „eventuelle Konsequenzen zu tragen. Denn es herrscht Schulpflicht.“ Eine Empfehlung an die Bremer Schulleiter gibt es von ihr nicht. Lieber lobt Bogedan die Proteste in Bremerhaven, wo die Demonstration nicht als Streik gilt, sondern als Ausflug zu einem außerschulischen Lernort.

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Die Klassen entscheiden, ob sie zum Unterricht oder mit ihren Lehrern zur Kundgebung gehen. Wer in Bremerhaven demonstriert, muss daher nicht die möglichen Konsequenzen fürchten. Nona Reinke würde sich wünschen, dass auch Bremen eine einheitliche Regelung findet. Die 17-Jährige organisiert die Bremer Proteste mit. Sie sagt: „Es wirkt schon sehr willkürlich, dass man für die gleiche Sache an einer Schule unterstützt wird und an einer anderen einen Verweis angedroht bekommt.“

Claudia Dreyer unterstützt den Protest. Die Schulleiterin am Gymnasium Hamburger Straße sagt aber auch: „Natürlich sind das unentschuldigte Fehlstunden. Ein Streik ist ein Streik. Und wer bereit ist, dort mitzumachen, der muss auch mit den Konsequenzen leben.“ Man solle nun nicht anfangen, die Schulpflicht am Freitag aufzuheben. Damit würde man auch der Bewegung schaden.

„Ich will nicht werden, was mein Alter ist“

Weder Eltern noch Lehrer sollten sich dem Protest anschließen, eine Initiative wie „Parents for Future“ sieht Dreyer kritisch. „Sie nehmen den Schülern etwas weg“, sagt Dreyer. „Wenn alle Beifall klatschen, dann hat der Widerstand weniger Macht.“ Schließlich richteten sich die Schüler gerade gegen die Erwachsenen und ihren sorglosen Umgang mit der Umwelt.

Gerade haben Schüler an Dreyers Gymnasium ein Theaterstück eingeübt. Das Plakat zur Aufführung zeigt IWF-Chefin Christine Lagarde, die der 16-jährigen Klimaaktivistin Greta Thunberg die Hand reicht. In dem Stück geht es um jugendlichen Protest, auch um die Schulstreiks. Der Titel ist angelehnt an einen Song der Band Ton Steine Scherben. Das Theaterstück heißt: „Ich will nicht werden, was mein Alter ist.“

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