Stromsperren

Wenn Stadtwerke den Hahn abdrehen

Auf Strom und Wasser sollte heute niemand verzichten müssen. Meint man. Doch die Versorger drehen immer häufiger säumigen Kunden den Hahn zu.
09.10.2014, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Wenn Stadtwerke den Hahn abdrehen
Von Antje Stürmann

Auf Strom und Wasser sollte heute niemand verzichten müssen. Meint man. Doch die Versorger drehen immer häufiger säumigen Kunden den Hahn zu.

Die Bürgerschaftsfraktion der Grünen hat gestern in großer Expertenrunde ausgelotet, wie Energiesperren verhindert werden könnten und ob es in Bremen künftig einen Härtefallfonds geben sollte. Nach Angaben der swb ist die Zahl der Stromsperren im Bundesland von 4302 im Jahr 2012 auf 5063 im Jahr 2013 angestiegen.

Die Anzahl der Wassersperren stieg im selben Zeitraum von 689 auf 847. Die Dauer variiert laut swb zwischen Tagen und Jahren. Von Strom- und Wassersperren betroffen sind oft einkommensschwache Haushalte. Aber nicht nur. Nach Angaben von swb-Sprecherin Angela Dittmers „vergessen manche einfach zu zahlen“, während andere vorsätzlich keine Abschläge überweisen würden. Einige Kunden geraten finanziell unter Druck, wenn der Versorger am Ende des Jahres eine satte Nachzahlung verlangt.

swb: Sperren als "letztes Mittel"

Der swb-Vorstandsvorsitzende Torsten Köhne betont, das Sperren eines Anschlusses werde äußerst ungern und stets als letztes Mittel in Erwägung gezogen, um einen säumigen Kunden zur Zahlung zu bewegen. Zuvor halte sich die swb an den gesetzlich vorgeschriebenen Ablauf: Wer eine Rechnung nicht bezahle, bekomme nach drei Tagen die erste Mahnung, in der die swb eine Sperre ankündige. Sind zehn Tage ohne Geldeingang verstrichen oder ist ein Betrag von über 100 Euro offen, verschärfe man den Ton und drohe mit einer Sperre. Im schlimmsten Fall müssen säumige swb-Stromkunden damit rechnen, dass ihnen das Wasser abgestellt wird – auch wenn sie die Abschläge dafür regelmäßig überwiesen haben. Laut Torsten Köhne arbeitet die swb jedoch daran, die Zahl der Sperren zu reduzieren.

Experten aus Hannover, Saarbrücken und Nordrhein-Westfalen präsentierten gestern in der Bürgerschaft Maßnahmen, mit denen sie Sperren verhindern. Im Verein „Enercity Härtefallfonds“ Hannover stellt der Energieversorger Enercity jedes Jahr 150 000 Euro bereit. Erste Anlaufstelle für die Betroffenen ist das Jobcenter. Das prüft, ob Hilfesuchenden Angebote der Stadt oder des Landes nutzen können. Wenn nicht, wird der Fall an den Fonds übermittelt. Wer Geld bekommt, ist in einem Kriterienkatalog geregelt. Vor allem Alte, Kranke, Alleinerziehende und Haushalte, in denen Kinder leben, haben Anspruch auf Erstattung der Stromkosten.

„4-Punkte-Modell“ in Saarbrücken: Kunden des Jobcenters können sich einverstanden erklären, dass der Versorger das Jobcenter bei einer drohenden Sperre frühzeitig informiert. Bei der Sperrankündigung erhalten die Kunden Infos zu Hilfemöglichkeiten. Sperrungen werden nur montags bis donnerstags vollzogen. Der Versorger verpflichtet sich, zeitig zu mahnen, damit die offenen Beträge möglichst klein sind.

Träger des Projekts „NRW bekämpft Energiearmut“ sind die Verbraucherzentralen (VZ) und acht Modellkommunen. Die VZ als Anlaufstellen erarbeiten mit den Betroffenen und dem Versorger einen leistbaren Ratenzahlungsplan. In anderen Fällen springt das Jobcenter mit einem Darlehen ein. Kunden sollen vor jeder Stromsperre eine Energie- und Rechtsberatung erhalten. Das Land stellt dafür 1,5 Millionen Euro zur Verfügung, auch die kommunalen Stadtwerke beteiligen sich.

Aspekte wie die Energie- und Rechtsberatung stießen in Bremen auf Interesse. Die Grünen wollen alle Anregungen nun fraktionsintern beraten. „Unsere Forderung nach einem Härtefallfonds erhalten wir aufrecht“, sagte die Abgeordnete Susanne Wendland, „wir wollen, dass die swb ihrer sozialen Verantwortung nachkommt.“ Torsten Köhne indes hatte angekündigt, ein Härtefonds komme für die swb nur dann infrage, wenn Behörden und andere sich finanziell und organisatorisch einbrächten.

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