Nach Frühchen-Tod in Bremen Werdende Mütter meiden Klinikum Mitte

Bremen. Der Skandal um die drei gestorbenen Frühchen und den Ausbruch eines gefährlichen Keims kostet das Klinikum Bremen-Mitte nicht nur einen großen Teil des Images, sondern führt auch zu wirtschaftlichen Einbußen.
22.11.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Werdende Mütter meiden Klinikum Mitte
Von Sabine Doll

Bremen. Der Skandal um die drei gestorbenen Frühchen und den Ausbruch eines gefährlichen Keims kostet das Klinikum Bremen-Mitte nicht nur einen großen Teil des Images. Wie andere Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit gezeigt haben, muss der Klinikverbund Gesundheit Nord (Geno) auch mit wirtschaftlichen Einbußen rechnen.

Bremen. Eine erste Bilanz kann schon gezogen werden: "Seit Anfang November ist die Zahl der Geburten - und da geht es um ganz normale Entbindungen - am Klinikum Mitte wenigstens um 50 Prozent zurückgegangen", bestätigte Geno-Sprecher Daniel Goerke gestern auf Nachfrage. "Noch größer sind die Einbußen bei Risiko-Schwangerschaften." Sprich: Wenn die Kinder deutlich früher als geplant entbunden werden und sie deshalb auf der Frühchen-Station versorgt werden müssen. Daniel Goerke: "Das spüren wir deutlich."

Seit Bekanntwerden des Keimausbruchs in der Frauenklinik machen werdende Eltern einen Bogen um das Krankenhaus an der St.-Jürgen-Straße. "Gab es vorher im Schnitt vier Geburten am Tag, ist es heute eine", sagte Goerke. Damit bleiben der Klinik nicht nur die Patienten weg, sie muss auch auf Einnahmen verzichten. Was der Keimausbruch und seine Folgen das Klinikum am Ende unterm Strich kosten werden, ist unklar. Goerke: "Das lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht absehen."

Nach Krankenkassenangaben erhalten die Kliniken für eine Entbindung und den entsprechenden Krankenhausaufenthalt rund 800 Euro. Die Entbindung und Betreuung eines Frühchens mit einem Geburtsgewicht unter 1000 Gramm seien bis zu 110.000 Euro teuer. Kommen noch komplizierte Eingriffe und Behandlungen hinzu, reiche dies nicht. Weitere Kosten verursachen das speziell ausgebildete Personal sowie die Anschaffung medizinischer Geräte, die je nach Größe der Frühgeborenen-Intensivstation besonders teuer sei.

Ende des Aufnahmestopps noch nicht absehbar

Die Frühchen-Abteilung im Klinikum Mitte, die seit Anfang November von der Gesundheitsbehörde mit einem Aufnahmestopp belegt wurde, verfügt laut Geno-Angaben über 16 Betten. Derzeit werden Level-1-Frühchen, Kinder mit einem Geburtsgewicht unter 1250 Gramm, im Klinikum Links der Weser (LdW) aufgenommen. Hier stehen zehn Plätze zur Verfügung. Wann der Aufnahmestopp für die "alte" Abteilung an der St.-Jürgen-Straße aufgehoben wird, steht noch nicht fest. Unterdessen gab es auch Spekulationen, ob sie nicht sogar ganz am LdW bleiben sollte (wir berichteten).

Wie schlimm es nach einem Hygiene-Skandal für ein Krankenhaus werden kann, zeigt ein Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit. In der ersten Hälfte dieses Jahres waren am Klinikum Fulda Hygienemängel um verschmutztes Operationsbesteck bekanntgeworden. Die Zentralsterilisation des Krankenhauses musste für mehrere Monate geschlossen werden, Eingriffe abgesagt und neues Gerät gekauft werden. Die entgangenen Einnahmen bezifferte die Klinik laut Medienberichten auf bis zu neun Millionen Euro. Weitere Konsequenz: Stellenabbau.

Dass es so hart für das Bremer Krankenhaus kommen könnte, damit rechnet Uwe Zimmer von der Bremer Krankenhausgesellschaft (HBKG) nicht. "Wahrscheinlich wird es in gewissen Bereichen weniger Erlöse geben. Allerdings glaube ich nicht, dass dies das Krankenhaus oder die gesamte Gesundheit Nord in ernste Schwierigkeiten bringt." Für den HBKG-Chef ist es "jetzt besonders wichtig, bei den Patienten das Vertrauen in die Klinik und ihre Leistungen wieder aufzubauen". Zimmer: "Alles andere wird sich dann zeigen, zum aktuellen Zeitpunkt kann man dazu noch keine aussagekräftigen Berechnungen anstellen."

Gerd Glaeske, Gesundheitsexperte der Universität Bremen, sieht den Imageverlust des Krankenhauses als vorrangig an. "Wenn Kinder, in diesem Fall Frühchen, sterben, bleibt das in der Öffentlichkeit besonders lange ein Thema, das wird nicht so schnell vergessen", ist sich der Uni-Professor sicher. "Die Geburtsmedizin ist ein sehr wichtiger Bereich für Krankenhäuser, um ein positives Image zu bekommen und um Patienten zu gewinnen."

"Unglückliche Art der Kommunikation"

Als "nicht sehr vorteilhaft" für das Ansehen des Klinikverbundes bezeichnet Gerd Glaeske die fristlose Entlassung des zuständigen Chefarztes Hans-Iko Huppertz, bevor abschließende Untersuchungsergebnisse der Vorfälle vorgelegen hätten. "Das war eine sehr unglückliche Art der Kommunikation nach außen."

Was während eines Skandals auf ein Krankenhaus einstürzt, hat im Sommer vergangenen Jahres auch die Mainzer Uniklinik erfahren, als drei Säuglinge an verunreinigten Infusionen starben. Wie sehr Kliniken in einer solchen Ausnahmesituation unter Druck geraten, wenn die Staatsanwaltschaft ermittelt, gleichzeitig Medien recherchieren und auch Dritte Ansprüche stellen, hat die Pressesprecherin der Uniklinik, Caroline Bahnemann, im März dieses Jahres auf einem Medizin-Management-Symposium in Hamburg betont. Ihre Empfehlung für die Image-Rettung: "Konsequente, initiative Offenheit ist das zentrale Element der Unternehmenskommunikation in der Krise."

Bei dem Keimausbruch am Klinikum Mitte sind seit April 23 Kinder mit dem gefährlichen ESBL-Erreger in Kontakt gekommen, neun erkrankten, drei Säuglinge starben. Ein Krisenteam des Berliner Robert-Koch-Instituts war nach Bekanntwerden zu Untersuchungen an die Bremer Klinik gekommen. Der abschließende Bericht der Experten für Infektionskrankheiten wird in dieser Woche erwartet. Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss soll zudem die Vorfälle klären, er hat sich am Freitag vergangener Woche konstituiert.

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