Der Standpunkt zur Lage von Werder Bremen

Anfangsverdacht der Selbsttäuschung

Nach dem Abstiegskrimi 2020 verzichtete Werder bewusst auf echte Veränderungen. Das könnte sich nun rächen. Werder braucht etwas anderes. Noch so ein Jahr kann man den Fans nicht antun, meint Jean-Julien Beer.
22.04.2021, 20:12
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Anfangsverdacht der Selbsttäuschung
Von Jean-Julien Beer
Anfangsverdacht der Selbsttäuschung

Tschüss Bundesliga? Die Anzeigetafel im Weserstadion nach der sechsten Niederlage in Folge.

gumzmedia

Man muss es so deutlich sagen: Bei Werder Bremen stellt sich die Frage der Wettbewerbsfähigkeit. Gegen Mainz kassierte die Mannschaft die sechste Niederlage in Folge, ein Negativrekord für diesen traditionsreichen Verein. Ob Werder noch gut genug ist für die Bundesliga, wird bald geklärt sein. Schlimmstenfalls durch den Abstieg.

Klar ist schon jetzt: Nur mit Worten wird Werder den Klassenerhalt nicht schaffen. Man muss die Aussagen von Trainer Florian Kohfeldt und Sportchef Frank Baumann nach der jüngsten Niederlage deshalb stark hinterfragen. War Werder wirklich die bessere Mannschaft? Muss Werder tatsächlich „auch mal weniger anspruchsvoll spielen“, um Tore zu erzielen? Muss Werder wirklich nur „einfach so weiterspielen“ wie gegen Mainz, um die rettenden Punkte zu holen? In allen Fällen lautet die Antwort: nein.

Mit solchen Aussagen erwecken Trainer und Sportchef den Anfangsverdacht der Selbsttäuschung. Der Trend ist eindeutig: Spielt Werder so weiter, steigt der Klub ab. Es ist möglich, dass sie die Fans nur beruhigen wollen, schließlich könnte im Idealfall ein Sieg in den verbleibenden vier Spielen genügen, um den Klassenerhalt zu schaffen. Aber dieser Sieg gelingt seit Wochen nicht.

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Kohfeldt kündigte an, nur Spieler aufzustellen, die solche Drucksituationen aushalten. Herauskam die nächste Niederlage. Wie schon im Vorjahr oft erlebt, konnten die Spieler den Worten ihres Trainers keine Taten folgen lassen. Was zwei Schlüsse zulässt: Entweder setzt Kohfeldt auf die falschen Spieler, dann müsste Werder ihn jetzt entlassen. Oder die Spieler können es nicht besser, dann könnte kein Trainer der Welt den Bremern jetzt noch helfen.

Letzteres ist nicht so unwahrscheinlich, wie es klingt. Gegen Mainz standen nur Spieler in Werders Anfangself, die schon vergangene Saison fast abgestiegen wären. Sie sind alle Wiederholungstäter. Wie übrigens auch ihr Trainer und ihr Sportchef. Nach dem äußerst glücklichen Klassenerhalt verzichtete Werder im vergangenen Sommer bewusst auf echte Veränderungen. Das könnte sich nun rächen.

Seit sieben Partien nur ein Tor pro Spiel

Natürlich darf man sich darüber ärgern, dass der Schiedsrichter gegen Mainz den Treffer zum 1:1 nicht anerkannte, ein Foulspiel war nicht zu erkennen. Aber auch dieses Tor hätte nicht zum Sieg gereicht. Ein zweites Tor in einem Spiel – das ist Fakt – gelang Werder schon seit sieben Partien nicht mehr.

Irgendwas ist halt immer, wenn Werder ein Spiel verliert. Mal ist der Schiedsrichter zu schwach, mal der Gegner zu stark. Mal war der Spielverlauf unglücklich, mal schoss man sich die Bälle selbst rein. Ausreden, das sagte Kohfeldt vor dem Schlüsselspiel gegen Mainz, wolle er nicht mehr hören. In der Tat: Werder muss die Spiele schon selbst gewinnen, ganz egal, unter welchen Umständen. Werder bräuchte dafür aber Tore, gewonnene Zweikämpfe, gute Pässe und einen leidenschaftlichen Auftritt. Schöne Worte helfen nicht.

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Im Gegenteil: Werders Schönfärberei ist für viele Fans inzwischen unerträglich. Ungeschönt und richtig ist, dass Werder mehr Athletik und Robustheit braucht, mehr Willen und Cleverness, und das in allen Mannschaftsteilen. Es gehört zur Verantwortung des Trainers, wie seine Mannschaft auftritt. Kohfeldt ist bei Werder ein enorm wichtiger Mitarbeiter, er lebt und liebt diesen Verein. Viel zu sehr ist er aber Fan dieser Mannschaft. Er verteidigt und lobt seine Spieler, auch wenn sie keinen Grund dafür liefern. Er greift nicht hart genug durch. Man kann nicht behaupten, dass Kohfeldts Verhältnis zur Mannschaft nicht stimmen würde, was ein sofortiger Trennungsgrund wäre. Das Verhältnis ist so wie immer: Kohfeldt findet seine Spieler gut. Und die spielen schlecht.

Das aber ist keine Basis für Erfolg. Werder vertraut nur wieder dem Prinzip Hoffnung: Ein paar andere werden am Ende schon schlechter sein. Im Vorjahr tat Fortuna Düsseldorf den Bremern am letzten Spieltag diesen Gefallen. Wenn sich in Werders Spiel nicht schnell etwas ändert, könnte es diesmal schwierig werden, genügend Schlechtere zu finden.

Perspektivisch helfen Werder nur erkennbare Veränderungen weiter: ein neuer Sportchef, ein neuer Trainer oder ein tiefgreifender Umbau dieser schwachen Mannschaft. Ein „Weiter so“ kann Werder den Fans nicht noch ein Jahr antun.

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