Fußballer als Vorbild Werder-Profis besuchen Flüchtlingsunterkunft

Einige Werder-Profis haben am Dienstag eine Unterkunft für minderjährige Flüchtlinge in Walle besucht – der Verein finanziert dort die Stelle eines Sportkoordinators.
30.08.2016, 19:19
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Werder-Profis besuchen Flüchtlingsunterkunft
Von Alice Echtermann

Einige Werder-Profis haben am Dienstag eine Unterkunft für minderjährige Flüchtlinge in Walle besucht – der Verein finanziert dort die Stelle eines Sportkoordinators.

Auf das Foto dürfen nur die ­Jugendlichen mit den schwarzen T-Shirts. Ungerecht finden das die anderen; sie diskutieren mit Mansur Faqiryar, aber am Ende gehen sie aus dem Bild. Faqiryar hebt ­lächelnd die Achseln. Seine Jungs seien ziemlich „mediengeil“ und verstünden nicht, dass nur diejenigen fotografiert werden dürfen, für die es eine Erlaubnis des Vormunds gibt. Schließlich sind die Bewohner der Flüchtlingsunterkunft alle minderjährig. Aber für die Jugendlichen zählt nur eins: Sie wollen sich in der Aufmerksamkeit sonnen, die natürlich auch auf sie fällt, wenn drei Profi-Spieler und der Präsident von Werder Bremen zu Gast sind.

Hubertus Hess-Grunewald, Kapitän Clemens Fritz und seine Spielerkollegen Felix Wiedwald und Janek Sternberg sind gekommen, um sich ein Bild von Mansur Faqiryars Arbeit zu machen. Seit Mitte Juni arbeitet der 30-Jährige als Sportkoordinator in der Unterkunft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Walle – dank der Vermittlung durch Werder Bremen.

Bereits vor einem Jahr habe sich in der Mannschaft das Bedürfnis entwickelt, zu helfen, sagt Präsident Hess-Grunewald. „Wir wollten nicht nur Geld oder T-Shirts spenden“, erklärt Torhüter Felix Wiedwald. Was die Werder-Profis stattdessen geben wollten, war Zeit. Und zwar die eines Sportbeauftragten, der den Jugendlichen Zugang zu verschiedenen Sportangeboten ermöglicht. Werders Wahl fiel auf Mansur Faqiryar, ehemaliger Torhüter beim VfB Oldenburg und der ­afghanischen Nationalmannschaft, der sich bereits seit Jahren sozial engagiert, unter anderem mit einer eigenen Stiftung für Kinder in Bremen und Afghanistan.

Werder finanziert die Stelle für ein Jahr

Faqiryar ist in Bremen aufgewachsen, er spricht die Sprache der Jugendlichen, ist Fußballer und hat eine positive Ausstrahlung – er ist das perfekte Vorbild. Ein Jahr lang finanziert Werder Bremen seine Stelle, die er zehn Stunden pro Woche ausübt. Weitere zehn Stunden bezahlt der Träger der Unterkunft, die Bremer Kinder- und Jugendhilfe. Damit Faqiryar nicht nur als Sportkoordinator, sondern auch als Ansprechpartner da ist, den Kontakt zu Sportvereinen suchen kann und vieles mehr. Nach einem Jahr übernimmt die Stadt Bremen die Kosten für Faqiryars Stelle. „Es ging uns darum, den Anschub zu geben“, sagt Hess-Grunewald. Nachhaltigkeit sei dem Verein sehr wichtig.

„Sport ist für die Jungs ein Riesenthema“, sagt Friederice Kley, Geschäftsführerin der Reisenden Werkschule Scholen, die Ende 2015 gemeinsam mit der AfJ Kinder- und Jugendhilfe und Kriz, dem Bremer Zentrum für Jugend- und Erwachsenenhilfe, die Bremer Kinder- und Jugendhilfe gründete. Im Mai sind die Jugendlichen in die Unterkunft im Alten Zollamt eingezogen, vorher lebten sie zum Teil in der Luxemburger Straße, zum Teil in Notunterkünften.

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„Wir sind die erste Unterkunft in Bremen mit einem fest ­installierten Sportkoordinator“, sagt Kley. Sie wünsche allen eine solche Möglichkeit. „Mansur ist der Hit“, freut sich auch AfJ-Geschäftsführer Gerd Ziegler. Er habe sofort das Vertrauen der Bewohner gewonnen. Selbst die Jugendlichen mit schweren Problemen gingen bei ihm pünktlich zu Terminen und hielten sich an Regeln.

Fitnessraum mit nagelneuen Geräten

Viele der Jungs hätten schwere Traumata erlitten, sagt Faqiryar. Als er seine Stelle antrat, führte er zunächst Einzelgespräche mit ihnen. „Jeder musste einen Nutzungsvertrag für den Fitnessraum unterschreiben und hat im Gegenzug ein Handtuch bekommen, mit dem er trainieren soll“, sagt der 30-Jährige. Den Fitnessraum mit den nagelneuen Geräten hat er eingerichtet, ebenso einen Raum mit Kicker und Tischtennis­platte.

Rashid und seine Freunde Mobin, Shahab und Mohamad trainieren einmal pro Woche im Kraftraum. Sie sind außerdem Mitglieder des Fußballteams der Unterkunft. Das Fußballtraining bei Werder Sports in der Überseestadt könnte, wenn es nach Rashid ginge, gern zweimal pro Woche stattfinden. Stolz präsentieren die Jugendlichen den goldenen Pokal, den das „Team BKJH“ bei einem Spiel gegen andere minderjährige Flüchtlinge gewonnen hat.

Disziplin und Zusammenhalt

„Mansur ist eine große Hilfe“, sagt Nesrin Manduz, die als Betreuerin im Alten Zollamt arbeitet. „Wenn die Jungs rumstressen oder etwas nicht verstehen, ist es immer etwas anderes, wenn er mit ihnen redet.“ Denn Faqiryar ist nicht nur Sportkoordinator. In seiner öffentlichen Sprechstunde hört er sich alles an, was die jungen Männer auf dem Herzen haben. Er findet es wichtig, dass die Werder-Spieler persönlich vorbeikommen.

Es zeige den Jugendlichen, dass sich die Leute für sie interessieren. Sie seien sonst oft nur eine Nummer im System. Ohne Hilfe würden sie bei Drogen und Selbstverletzung enden, der Sport vermittele ihnen Disziplin und Zusammenhalt. Es müsse auch nicht immer Fußball sein, sagt Faqiryar, aber: „Wenn es zum Fußball geht, stehen alle pünktlich auf – für die Schule müssen wir fünfmal an ihre Türen klopfen.“

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