Schwere Vorwürfe, aber nur ein Zeuge

Nach Hetzjagd auf Polizisten: Werder-Ultra vor Gericht

Ein Polizist erhebt schwere Vorwürfe gegen einen Werder-Ultra. Doch der will es nicht gewesen sein. Weitere Zeugen für die Tat gibt es nicht, vor Gericht steht Aussage gegen Aussage.
20.08.2020, 05:00
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Nach Hetzjagd auf Polizisten: Werder-Ultra vor Gericht
Von Ralf Michel
Nach Hetzjagd auf Polizisten: Werder-Ultra vor Gericht

Bei Fußballspielen wie hier am Weserstadion begleiten Polizisten regelmäßig die Fans beider Mannschaften. Im Dezember 2018 soll es dabei zu einem Übergriff auf einen Beamten gekommen sein.

Christian Charisius /dpa

Angst habe er gehabt, sagt der Polizist. Allein, mit dem Rücken zur Wand. Am Ende einer Verfolgungsjagd umringt von einer Gruppe aufgebrachter Werder-Ultras. Jetzt bloß nicht zu Boden gehen, habe er gedacht und sich vor Tritten gegen den Kopf gefürchtet. Was würde man dann seinen Kindern sagen? „Der Papa liegt im Koma“? Diese Gedanken seien ihm durch den Kopf gegangen, kurz bevor er seine Pistole zog, erzählt der 42-Jährige als Zeuge vor Gericht. Heute beschäftigt ihn vor allem die Frage, ob es überhaupt so weit hatte kommen müssen.

Angeklagt wegen Landfriedensbruch, Widerstand und Beleidigung ist am Mittwochmorgen vor dem Amtsgericht ein 25-jähriger Werder-Ultra. Er soll am 19. Dezember 2018 im Viertel der Rädelsführer bei einer Hetzjagd auf den Polizisten gewesen sein.

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Dabei hatte die Polizei einen ruhigen Einsatz erwartet. Ein Mittwochabend kurz vor Weihnachten, Werder Bremen spielte gegen Hoffenheim. „Eigentlich passiert da nichts. Hoffenheim ist kein attraktiver Gegner für die Fanszene.“ Doch nach dem Abpfiff filmte ein Jugendlicher vom Straßenrand aus den Fanmarsch mit seinem Handy, berichtet der Polizist. Er selbst begleitete die Fans an diesem Abend als einer von vier sogenannten szenekundigen Beamten. Bei solchen Aufnahmen seien die Ultras sehr empfindlich. Einer von ihnen sei auf den Jugendlichen los und habe ihm einen Zahn ausgeschlagen.

Die Polizei griff sofort ein, der Schläger wurde festgenommen und die Szene schien bereinigt. Trotzdem habe er einen ihm bekannten Ultra angesprochen, den er am Straßenrand entdeckte und von dem er wusste, dass dieser innerhalb der Fanszene eine Führungsposition inne habe, erzählt der Polizist. „Ich wollte ihm erklären, dass wenn jetzt alle ruhig blieben, die ganze Sache in einer halben Stunde erledigt wäre.“

Einen Döner an den Rücken geworfen

In diesem Moment habe ihm dann jemand von hinten einen Döner an den Rücken geworfen. „Als ich mich umdrehte, ist der Werfer weggerannt.“ Aus heutiger Sicht wäre es wohl besser gewesen, ihn laufen zu lassen, räumt der Zeuge ein. Aber wohl aus einem Polizeiinstinkt heraus habe er den Mann verfolgt. Woraufhin aus dem Fanmarsch der Ultras heraus wiederum eine etwa 15-köpfige Gruppe ihm hinterhergejagt sei. „Lautstark und sehr aufgebracht.“

In vorderster Reihe der Mann, der nun vor Gericht steht. Den kenne er seit Jahren, so gut wie kein Spieltag von Werder, an dem er ihm nicht auffalle, sagt der Polizist. Zu „150 Prozent“ habe er ihn identifiziert und sich auch völlig auf ihn konzentriert. „Er war in gewohnter Weise aggressiv. Nahe am Kontrollverlust. So exzessiv, dass man sich fragt, was mit dem jungen Mann eigentlich los ist.“

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„Der Hund ist alleine“, habe der Mann die Verfolger aufgewiegelt. Er selbst habe zu diesem Zeitpunkt an einer Hauswand gestanden und nicht mehr weitergekonnt, berichtet der Polizist. „Das war eine Verfolgungsjagd, wie sie im Buche stand und bei der am Ende die Beute eingekreist wird.“ Die Gruppe hätte sich in einem lockeren Halbkreis aufgestellt und ihm jeden Fluchtweg abgeschnitten. „Voller Adrenalin, voller Wut. Das war die Vorstufe zu einer Auseinandersetzung.“

Auf den Boden gerichtet

In dieser Situation habe er seine Dienstwaffe gezogen. In Sicherungshaltung, auf den Boden gerichtet, „um die Waffe zu zeigen“. Die Hälfte seiner Verfolger habe sich daraufhin aus dem Staub gemacht. Nicht so der Angeklagte. Der habe im Gegenteil noch einmal nachgesetzt und „Die Fotze hat die Waffe gezogen“ gebrüllt. Laut Anklageschrift, um ein weiteres Mal eine Solidarisierung der Gruppe gegen den Polizisten zu erreichen.

Dann jedoch löste das Eintreffen weiterer mit Martinshorn und Blaulicht anrückenden Einsatzkräfte die Situation auf. Die Verfolger zogen sich Richtung Sielwall zurück. Unerkannt mit Ausnahme des Mannes, den der verfolgte Polizist einwandfrei identifiziert haben will. Der aber bestreitet über seine Anwältin vor Gericht alle Vorwürfe und äußert sich selbst mit keinem Wort dazu. "Die Vorwürfe basieren allein auf der Aussage eines Beamten, der meint, meinen Mandanten erkannt zu haben", erklärt die Verteidigerin. "Weitere Indizien gibt es nicht. Nur diesen einen Zeugen, der sich bedroht und beleidigt fühlt.

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Was sich im weiteren Verhandlungsverlauf bestätigen soll. Es gibt Videoaufzeichnungen der Polizei vom Fanmarsch, doch auf denen ist die Verfolgungsjagd ebenso wenig zu sehen wie der Angeklagte. Zwei Zeugen sagen aus. Zum einen eine Staatsanwältin, die die szenekundigen Beamten an diesem Abend als Rechtsberaterin begleitete. Die hat zwar den Dönerwurf gesehen, kann aber zu der geschilderten Verfolgung keine Angaben machen. Zum anderen der Ultra, den der Polizist vor dem Vorfall angesprochen hat. Der jedoch will entweder nichts mitbekommen haben oder macht keine Angaben, weil die Gefahr besteht, dass er sich durch seine Aussage selbst belasten könnte.

Ein weiterer Zeuge ist ein Kollege des 42-Jährigen, der an dem Abend mit ihm ein Team bildete. Der jedoch konnte am Mittwoch krankheitsbedingt nicht vor Gericht erscheinen. Die Sitzung wurde deshalb unterbrochen und wird am Mittwoch, 26. August, um 9 Uhr fortgesetzt.

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