Die größten Energieverbraucher Bremens

Werders Rasensolarium steht in der Kritik

Bremen. Öko-Irrsinn ist es für die einen, eine ganz normale Anlage für die anderen: Der Sonnenstrom, den das Weserstadion mit seinem Photovoltaik-Mantel erzeugt, fließt fast vollständig in die Lichtanlage, die den Stadion-Rasen beleuchtet und zum Wachsen animiert.
02.05.2011, 05:00
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Von Arno Schupp
Werders Rasensolarium steht in der Kritik

Irrsinn oder sinnvoll? Das Rasensolarium des Weserstadions verbraucht im Jahr fast genau so viel Strom wie 300 Haushalte

Nordphoto

Bremen. Öko-Irrsinn ist es für die einen, eine ganz normal Anlage auf dem Stand der Technik für die anderen: Der Sonnenstrom, den das Weserstadion mit seinem Photovoltaik-Mantel erzeugt, fließt fast vollständig in die Lichtanlage, die den Stadion-Rasen beleuchtet.

Das Land diskutiert über eine Energiewende, über Klimawandel und CO2-Einsparungen. Dass vor diesem Hintergrund ein Rasensolarium installiert wird, sei ein absolut falsches Signal das massiv am positiven Image des ökologischen Vorzeigeprojekts "Weserstadion" kratzt, kritisiert Güldner. Ein Image übrigens, an dem viele andere Bremer Betriebe arbeiten.

Besonders bei den Großunternehmen ist Energieeffizienz ein Thema, sagt Michael Pelzl, Geschäftsführer der Energiekonsens GmbH, die Unternehmen, Institutionen und private Haushalte berät. "Die Großen haben schon länger erkannt, welche Einsparpotenziale es gibt und diese auch genutzt." Das beginnt bei Klimatechnik und endet wie bei Mercedes mit fortlaufenden Mitarbeiterschulungen. "Wir animieren unsere Mitarbeiter, sich selbst möglichst energiesparend zu verhalten und nach Stromfressern im Werk zu suchen", erklärt eine Unternehmenssprecherin.

Schon früh messbare Erfolge

Einer der ersten Betriebe in der Stadt, der sich in großem Stil mit seiner Energiebilanz beschäftigt hat, ist die Gesellschaft "Bremer Bäder". Ende 2004 wurde ein Modellprojekt gestartet, das ganz ohne beziehungsweise nur mit geringen Investitionen messbare Erfolge brachte: In einem ersten Schritt wurde die Warmwasserbereitung optimiert und Durchflussmenge bei den Duschen reduziert - was alleine schon eine Million Liter Wasser pro Jahr eingespart sparen sollte.

2007 schließlich engagierten die Bremer Bäder mit Unterstützung der Energiekonsens einen externen Dienstleister, der ein völlig neues Energiemanagement auf die Beine stellte. Dieser Dienstleister investierte im Rahmen eines Energiespar-Contractings 1,6 Millionen Euro in die Technik der Kombibäder Aqualand und Schlossparkbad sowie in das Hallenbad Huchting. Folge: In den Bädern werden seitdem zusammengerechnet 270.000 Euro pro Jahr gespart - Geld, mit dem die Investition refinanziert werden kann. Die Bremer Bäder sind nur ein Beispiel von vielen, aber eines, das Schule machen sollte, findet Energiekonsens-Geschäftsführer Pelzl. Denn das Energiespar-Potenzial in der Hansestadt ist nach wie vor groß. "Besonders Kleinbetriebe und den Mittelstand müssen wir erreichen", ist er sicher. 20 Prozent der Energiekosten könnten diese Betriebe im Durchschnitt sparen, wenn sie sich beraten ließen und in neue Technik investieren. Auch bei der Wohnungswirtschaft sieht Pelzl noch Potenzial. "70 Prozent aller Heizsystem in Bremen sind total überaltert. Sie sind 15 Jahre und älter. Deswegen hätte ich mir auch lieber eine Abwarckprämie für Heizanlagen als für Autos gewünscht. Das hätte etwas gebracht." Und noch einen Bereich gibt es, in dem einiges im Argen liegt, sagt der Energie-Experte: Den Bereich der Privathaushalte.

Mehr als fünf Milliarden Kilowattstunden Strom hat der Energieversorger swb im vorigen Jahr verkauft, davon etwa 750Millionen an die Privathaushalte. "Und im Durchschnitt könnte jeder dieser Haushalte seine Energiekosten um rund 30 Prozent, also um 200 bis 250 Euro senken", sagt Frank Neubauer, Energieberater der swb. Standby-Schaltungen, alte Leuchtmittel und Haushaltsgeräte seien die großen Stromfresser, sagt der Experte.

Wie groß die Sparpotenziale aber auch bei manchen Großbetrieb noch sind, zeigt ein Blick zu den Stahlwerken. Die riesigen Walzen und Maschinen benötigen jede Menge Energie, nicht umsonst sind die Stahlwerke Bremens größter Stromverbraucher. Deswegen wird auch im Stahlwerk an der Energiebilanz gearbeitet. Am Freitag wird eine neue Anlage in Betrieb genommen, die Konverter-Gas auffangen soll, sagt Unternehmenssprecher Dirk Helm. Dieses Gas ist bisher einfach abgefackelt worden, mit der neuen Anlage soll es genutzt werden, um die Stahlbrammen zu erwärmen, in dem Werk gewalzt werden. 51 Millionen Euro hat ArcelorMittal in die Anlage investiert, weitere Investition in die Energie-Optimierung seien geplant.

Enormes Sparpotenzial gibt es in Bremen auch beim kommunalen Immobilienbestand, der von der stadteigenen Gesellschaft "Immobilien Bremen" verwaltet wird. Pro Jahr fließen über das Senatsbauprogramm rund 28 Millionen in die Sanierung dieses Bestandes, sagt Peter Schulz, Sprecher der Immobiliengesellschaft. Welche Effekte das haben kann, zeigt das Beispiel zweier Schulen. Die Schule "In der Vahr" und an der Curiestraße wurden auf den neuesten Stand gebracht, Fenster, Fassaden, das Dach wurden saniert, und die Heizung wurde auf Fernwärme umgestellt. "Die Energieeinsparung liegt im Bereich von 277 Megawatt." Das entspricht 22000 Euro weniger Kosten und 47 Tonnen weniger CO2-Emissionen. Bei der Schule an der Curiestraße hat die Sanierung die Energiekosten um 10000 Euro reduziert.

Zu den großen Verbrauchern der Stadt gehört auch die Bremer Straßenbahn AG. Auf 33 Millionen Kilowatt beziffert das Unternehmen den Strombedarf, entsprechend groß ist also auch hier das Sparpotenzial. Die Beleuchtung, Computer, Monitore, sonstige elektrische Geräte, Fahrzeuge - wo immer es geht, wird auf neue und energiesparende Varianten umgerüstet. Im Bus- und Bahnbetrieb wurden die Mitarbeitern im energiesparenden Fahren geschult, darüber hinaus setzt das Unternehmen mit der neuen Bahn-Generation auf Energie-Rückgewinnung: Bei jedem Bremsvorgang wird Energie erzeugt. Ein Teil davon fließt in den Betrieb der Bahn und senkt den Verbrauch. Doch die BSAG will mehr. Künftig soll der von den Fahrzeugen selbst erzeugte Strom in Energiespeichern gesammelt werden, die an einzelnen Stellen des Streckennetzes entstehen werden. Passiert dann eine Bahn einen dieser Speicher, "fließt der gespeicherte Strom zurück ins Netz", sagt BSAG-Sprecher Jens-Christian Meyer.

Immer mehr Betriebe setzen auf neue Technik, um die Energiekosten zu senken, oder - wie bei der Klinik-Gesellschaft Gesundheit Nord (Geno) - sie wenigstens auf einem konstanten Niveau zu halten, obwohl in der Medizin immer mehr Geräte eingesetzt werden, wie Geno-Sprecherin Karen Matiszick erklärt. Wie es im Stadion mit dem Rasensolarium weitergeht, ist noch in diesem Monat Thema im Aufsichtsrat, kündigte Güldner an. Die eine Hälfte des Gremiums besteht aus Vertretern des Vereins, die andere Hälfte setzt sich aus Regierungsvertretern zusammen. "Und diese Hälfte ist sich in ihrer Einschätzung einig", sagt Güldner: "Das geht so nicht."

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