Serie Bremer Institutionen: Teil 8 Werkstatt Bremen: Fördern und teilhaben

Menschen mit Behinderung haben schlechtere Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt. Der Martinshof Bremen betreibt daher Werkstätten. Während es früher um Fürsorge ging, steht heute Selbstbestimmung im Fokus.
25.05.2020, 05:00
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Werkstatt Bremen: Fördern und teilhaben
Von Carolin Henkenberens

Das gleiche Recht auf Arbeit. Keine Diskriminierung bei der Einstellung oder bei Beschäftigungsbedingungen. Möglichkeiten des beruflichen Aufstiegs und des Unternehmertums. Angemessene Vorkehrungen am Arbeitsplatz. All das und noch einiges mehr schreibt die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen für Menschen mit geistiger, körperlicher oder psychischer Beeinträchtigung in Artikel 27 fest. Auch Deutschland hat diese Vereinbarung unterzeichnet.

So weit zur Theorie. Die Realität sieht anders aus. Menschen, die von Geburt an beeinträchtigt sind, haben nur selten die gleichen Möglichkeiten wie Menschen ohne Handicap, sich beruflich frei zu entfalten. Sei es, weil Unternehmen keine passenden Arbeitsplätze bieten, sei es, weil einige Behinderte einen schulischen Nachteil haben. Oder weil einige Menschen aufgrund ihrer Beeinträchtigungen als nicht erwerbsfähig gelten, also nicht mindestens drei Stunden pro Tag arbeiten können.

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Damit all jene, die arbeiten können und eine „wesentliche Behinderung“ haben, einen Ort finden, an dem sie berufliche Teilhabe erfahren, gibt es die Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Den meisten Bremerinnen und Bremern sind sie unter dem Namen „Martinshof“ bekannt. Das zugehörige Unternehmen heißt jedoch Werkstatt Bremen und ist seit 1993 als städtischer Eigenbetrieb im Besitz der öffentlichen Hand. Der Hauptsitz ist in der Hoffmannstraße in der Neustadt.

Die Idee, für Menschen mit Behinderung einen geschützten Raum zu schaffen, entstand weitaus früher, 1923. Die Werkstätten wurden nach ihrer Auflösung durch die Nationalsozialisten ab 1953 als „Martinshof“ neu gegründet. Der Name hat bis heute überlebt. Das markante M auf blauem Grund ist längst zur Marke geworden. Während früher Fürsorge im Fokus stand, ist es heute Selbstbestimmung. 2004 ist zudem der Schwesterbetrieb Werkstatt Nord gGmbH gegründet worden, der auch Arbeitsplätze im niedersächsischen Umland anbietet. Als bremischer Eigenbetrieb darf die Werkstatt Bremen dies nämlich nicht.

Sieben verschiedene Arbeitsbereiche

„Die Werkstatt Bremen gibt es eigentlich gar nicht“, betont Günter Oelscher, Interims-Geschäftsführer der Werkstatt Bremen. Dafür sei das Spektrum der Arbeitsmöglichkeiten zu vielfältig. Sieben verschiedene Arbeitsbereiche gibt es, erklärt Oelscher. Menschen mit Behinderung sind beispielsweise beschäftigt in einer Fahrradwerkstatt in Hemelingen, in einer Gärtnerei, in der Tee-Abfüllung, in der Produktion der Senatskonfitüre oder im Martinshof-Shop am Flughafen, in einem Lager für Rollstühle und andere medizinische Hilfsmittel der AOK oder in der Fahrzeugpflege bei der Polizei. Einige Beschäftigte digitalisieren Behördenakten.

Eine der bekanntesten Tätigkeiten dürfte die Arbeit für das Bremer Mercedes-Werk sein, wo Oelscher zufolge ungefähr 400 bis 500 Menschen beschäftigt sind. Dort werden Teile für die Autoproduktion vormontiert.

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Neben den Werkstätten bietet der Eigenbetrieb aber auch Ausbildungen und sogenannte Außenarbeitsplätze in Unternehmen. Wer neu eingestellt wird, durchläuft zunächst ein dreimonatiges Eingangsverfahren, berichtet Oelscher. Das bedeutet, die Person findet heraus, was ihre Neigungen sind, und die Werkstatt-Mitarbeiter schauen, für welche Tätigkeiten die Person aufgrund ihrer Beeinträchtigungen infrage kommt. Danach wird eine Förderplanung für zwei Jahre aufgestellt, erläutert Oelscher. Im ersten Jahr werden Grundlagen vermittelt, auch in schulischer Form. Im zweiten Jahr wird verstärkt in den Blick genommen, wo die Person nach der Ausbildungszeit arbeiten könnte.

Auch ein Praktikum auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt sei möglich, das begleite ein Jobcoach. Das Ziel sei dann, die Kooperation langfristig weiterzuführen, als sogenannten Außenarbeitsplatz. Das bedeutet, das Unternehmen beschäftigt die Person, zahlt das Gehalt jedoch an die Werkstatt Bremen, bei der die Beschäftigten angestellt sind. Die Werkstatt Bremen übernimmt die Betreuung durch Besuche am Arbeitsort. Mit diesem Angebot entsteht eine Zwischenstufe zwischen der Tätigkeit in einer Werkstatt und einer Stelle auf dem regulären Arbeitsmarkt, es soll mehr Menschen in Unternehmen vermitteln.

Ausbildungsangebot auf neue Beine stellen

Oelscher plant, das Ausbildungsangebot der Werkstatt Bremen auf neue Beine zu stellen. „Wir wollen eine Ausbildung, die mit einer Prüfung abschließt, die von der Industrie- und Handelskammer anerkannt ist.“ An anderen Orten in Deutschland gebe es ein solches Konzept schon.

Die Ausbildung für Menschen mit Behinderung soll dazu bestimmte Bausteine einer klassischen Helferausbildung, wie sie alle anderen Auszubildenden durchlaufen, beinhalten. Für viele Behinderte seien die praktischen Aspekte einer Helferausbildung zu leisten, aber sie hätten Probleme beim Schulischen, erklärt Oelscher. Daher wolle man gewisse Bausteine vermitteln, andere fielen weg.

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