Maschinenbauer Jörg Müssig sieht für Naturfasern wieder eine gute Chance und setzt auf Recycling

Werkstoffe auf Biobasis für das Automobil

Altstadt. Nachhaltigkeit werde oft nur unter wirtschaftlichen Kriterien betrachtet, dabei gehe es auch um ökologische und soziale Aspekte, sagt Jörg Müssig. In der Reihe „Wissen um elf“ im Haus der Wissenschaft hat der Professor über „Nachhaltigkeit am Beispiel der Werkstoffentwicklungen im Automobilbau“ gesprochen.
20.04.2014, 00:00
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Von Solveig Rixmann

Nachhaltigkeit werde oft nur unter wirtschaftlichen Kriterien betrachtet, dabei gehe es auch um ökologische und soziale Aspekte, sagt Jörg Müssig. In der Reihe „Wissen um elf“ im Haus der Wissenschaft hat der Professor über „Nachhaltigkeit am Beispiel der Werkstoffentwicklungen im Automobilbau“ gesprochen.

Wieso sind Autos heute erheblich schwerer als früher, wenn doch massiv Leichtbau betrieben wird? „Weil natürlich die Anforderungen massiv steigen“, erklärt Maschinenbauer Jörg Müssig, der Leiter des Forschungsbereichs Naturnahe Werkstoffe/Nachhaltigkeit am Faserinstitut Bremen war und derzeit im weltweit ersten internationalen Studiengang Bionik an der Hochschule Bremen lehrt. „Jeder hat ein Navi, jeder hat irgendwelche Airbags, man hat alle möglichen Sicherheitsvorkehrungen, und die erhöhen natürlich grundsätzlich die Masse von einem Auto.“ Der Autoproduzent Ford habe sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2020 den CO 2 - Ausstoß für neu zugelassene Wagen um 30 Prozent zu reduzieren, und Absichtserklärungen mit ähnlichen Werten finde man auch bei anderen Automobilunternehmen, sagt Jörg Müssig.

Um den sogenannten CO 2 -Fußabdruck zu verringern, gebe es unterschiedliche Ansätze: Verkehrsmanagement, Optimierung bestehender Verbrennungsmotoren, Aerodynamik, biobasierte Treibstoffe und Reifenoptimierung beispielsweise. „Leichtbau ist ein ganz entscheidendes Thema, um CO 2 zu reduzieren – und biobasierte Werkstoffe gehören dazu.“ Entscheidend sei, den gesamten Produkt-Lebenszyklus zu betrachten. Emission entstehe schon bei der Ressourcengewinnung und reiche bis zur Entsorgung. Neue Werkstoffe können zur CO 2 -Verringerung beitragen. Zum Beispiel konnte bei einer alternativ aus hanffaserverstärktem Verbundwerkstoff hergestellten Türseitenverkleidung gegenüber der aus technischem Kunststoff hergestellten deutlich Energie reduziert werden. Wenn noch andere biobasierte Kunststoffe gefunden würden – und daran wird gearbeitet – könne der Energieaufwand weiter reduziert werden. Außerdem kann dadurch Kraftstoff gespart werden, da die Verkleidung leichter ist.

Früher wurden in Autos wesentlich häufiger Naturfasern verbaut, wie Holzwerkstoffe in den 1970er-Jahren beim Käfer. Das änderte sich kurze Zeit später: „Die wurden ziemlich aus dem Markt gedrängt. Weil Kunststoffe immer mehr in den Markt drängten und es auch einfach bessere Verarbeitungsverfahren für Kunststoffe gab.“ Jörg Müssig erklärt Innovation mit der Theorie von Physiker und Philosoph Armin Grunwald: Entweder könnten neue Werkstoffe oder neue Verfahren für bekannte Werkstoffe beziehungsweise veränderte Rahmenbedingungen zu einem Innovationsschub führen. Das hat Jörg Müssig in den vergangenen Jahren im Automobilbereich beobachtet: „Wir haben dort bekannte Werkstoffe, wir haben aber neue Verfahren und wir haben vor allem neue, veränderte politische Rahmenbedingungen – also eine Diskussion über den Ausstoß von CO 2 , die ganz massiv ist.“ Eine echte Innovation ist nach Ansicht des Professors der BMW i3. Er sei das erste Auto, an dem in Serie Kohlenstofffasern in großen Bauteilen verwendet werde. In der Summe brauche diese Bauweise wesentlich weniger Energie.

Die Menge an einzelnen Werkstoffen in einem Auto wird immer mehr und komplexer. Betrachtet man das Gesamtbild, sind die Mengen nicht mehr so gering. Müssig nennt als Beispiel die über 10 Milliarden verkauften Mobiltelefone weltweit, die etwa 250 Tonnen Gold enthalten – neben einer Vielzahl anderer wertvoller Metalle.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+