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Interview mit Andreas Nickel
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„Jungs lieben Herausforderungen und pushen sich gegenseitig“

Frank Büter 08.06.2019 0 Kommentare

Andreas Nickel begann bereits im Alter von fünf Jahren mit dem Rollkunstlaufen.
Andreas Nickel begann bereits im Alter von fünf Jahren mit dem Rollkunstlaufen. (Christina Kuhaupt)

Herr Nickel, ein tanzender Mann auf Rollschuhen, das ist doch ein eher ungewöhnliches Bild. Wie haben ihre Freunde in Kindheitstagen auf die Wahl ihrer Sportart reagiert?

Andreas Nickel: Immer positiv, auch in der ersten, zweiten Klasse schon. Ich habe nie Probleme gehabt. Viele sind sogar mitgekommen und haben das teilweise auch ausprobiert. Und als ich dann später richtig erfolgreich war, musste ich auch Sammelbestellungen für das Schaulaufen aufnehmen (grinst).

Mit dem Stopper vorne, sehen die Rollschuhe fast noch so aus wie die in den 80er-Jahren populär gewordenen Disco-Roller.

Die müssen auch so sein. Man hat vieles versucht, um die Mechanik zu verändern, zu verbessern, aber ohne Stopper ist der Schuh zu instabil und bricht in Kurven weg. Gerade bei schnellen Drehungen ist der normale Rollschuh unschlagbar.

Wie ist es dazu gekommen, dass Sie solche Rollschuhe ausprobiert haben?

Der Winter 1986 war doch so kalt, alle Seen waren gefroren. Danach bin ich als Fünfjähriger beim Mutter-Kind-Kurs erst auf dem Eis gelandet und dann zum Sommer hin auf die Rollschuhe gewechselt. Das hat mir mehr Spaß gemacht, also bin ich dabei geblieben.

Palmira Seeger Suarez und Paul Turbanow haben kurz hintereinander mehrere Pflichttänze. Sie treten als einziges Paar in der Kategorie Jugend Rolltanz bei den Deutschen Meisterschaften an.
Lisa Welik tritt im Solotanz der Schüler A Mädchen in ihrem Pflichttanz mit einem Tango an. In den Solopflichttänzen platziert sie sich als Dritte hinter zwei Mädchen aus Berlin und Nordrhein-Westfalen.
Gleich nach ihren Wettkämpfen werden Palmira Seeger Suarez, Lisa Welik und Eleni Papani von Bremer Medien interviewt.
Gespannt warten die Rollkunstläufer auf ihren eigenen Auftritt.
Fotostrecke: Das gab es bei den Deutschen Meisterschaften im Rollkunstlauf zu sehen

War der Spaßfaktor der einzige Grund?

Nicht nur. Eiskunstlaufen kann man hier ja nicht so professionell betreiben, weil man nicht das ganze Jahr über durchtrainieren kann. Im Rollkunstlaufen ist das anders. Und weil es ein reiner Amateursport ist, hat man da auch eher mal die Möglichkeit, etwas zu erreichen und sogar an Europa- oder Weltmeisterschaften teilzunehmen.

Gibt es heute eigentlich auch noch genügend männlichen Nachwuchs?

Auf jeden Fall. Unter unseren 45 aktiven Mitgliedern beim ERB sind zwölf Jungs. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich als Trainer dabei bin. Aber über die Jahre stellt man schon fest: kommt einer, kommen auch mehr.

Ist Rollkunstlaufen denn männlich genug für die Teenager?

Ja, denn es erfordert ja auch Kraft. Das merken die Jungs relativ schnell, gerade beim Tanzen. Da laufen sie mit Mädchen zusammen, müssen sie heben und so – und das finden sie eigentlich ganz cool.

Wie schaffen Sie es, diese Jungs zu begeistern und bei der Stange zu halten?

Man muss das ein bisschen spielerisch lösen. Jungs wollen immer eine Challenge, sie lieben Herausforderungen und pushen sich gerne gegenseitig. Wenn man zwei Jungs hat, die zehn und zehn sind, dann gibt man denen eine Partnerin – und sie gucken erstmal doof. Dann lässt man sie eine Hebung machen – und obwohl die  Arme zittern, sind sie stolz wie Bolle, wenn es klappt und es Beifall gibt. Das motiviert.

Ist Paartanzen auf Rollschuhen eigentlich vergleichbar mit Eiskunstlaufen?

Die Sportarten sind bis zu 90 Prozent identisch, die Elemente sind identisch und heißen auch gleich. Es gibt auch beim Rollkunstlaufen Einzel- und Paarwettbewerbe, Kür- und Pflichtprogramme.

Was genau war Ihr Steckenpferd?

Ich bin Rolltänzer. Ich habe Paartanz gemacht. Am liebsten war mir dabei immer die Kür, da konnte man inhaltlich etwas individueller sein, konnte spezielle Hebefiguren oder spezielle Schrittfolgen für sich erarbeiten und zeigen.

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Wie lange dauert es, sich als Tanzpaar neue Schrittfolgen anzueignen?

Oh, zum Teil dauert das Jahre. Man übt erst die Griffe und die Bewegungsabläufe, ehe man es überhaupt das erste Mal auf Rollschuhen versucht. Das hat weniger mit Kraft, sondern mehr mit der Technik zu tun.

Trotzdem gehört auch Kraft dazu. Gibt es parallel auch ein Athletiktraining?

Ja, das machen alle individuell zusätzlich etwa zweimal pro Woche. Das war schon zu meiner aktiven Zeit so.

Wann haben sich für Sie erste Erfolge im Paarbereich eingestellt?

Das ging etwa mit 14 Jahren los. Da bin ich das erste Mal für die norddeutsche Meisterschaft nominiert worden, dann für die Deutsche Meisterschaft. Mit 15 bin ich erstmals Deutscher Jugendmeister geworden. Und danach ging's weiter zur Europameisterschaft.

Dann kam der Umzug nach Kiel mit dem Wechsel ans Bundesleistungszentrum. Ein Wechsel, der ihre Karriere noch mal vorangetrieben hat. Immerhin sind sie sechs Jahre lang bei Europa- und Weltmeisterschaften gelaufen und haben in der Zeit einiges gesehen von der Welt.

Ja, man kommt gut rum (grinst). Ich war mit der Nationalmannschaft in Kolumbien, in Italien, Australien, Amerika oder Argentinien. Ich habe dabei den Austausch mit Sportlern aus anderen Nationen immer sehr geschätzt. Ich werde nie vergessen, wie ich als 18-Jähriger mit Mexikanern in Australien bei McDonald's gesessen habe und wir uns über Gott und die Welt, über Politik und die Schule ausgetauscht haben.

Wie lief für Sie das Training am Leistungszentrum?

Wir haben pro Woche 15 bis 20 Stunden trainiert. Nach der Schule oder auch mal zwei Einheiten am Samstag. Ein Frühtraining in Kooperation mit der Schule gab es damals noch nicht. Dafür sind wir dann doch wohl etwas zu viel Amateursport.

Sie waren mit ihrer damaligen Kieler Partnerin Mona Hampel 2000 in Spanien Vize-Europameister im Paartanz und im selben Jahr WM-Fünfter in den USA. Warum haben Sie nur ein Jahr später aufgehört?

Ich hatte mein Abitur gemacht und habe dann in Bremen angefangen zu studieren.

Aber ganz ohne Rollkunstlaufen ging es dann doch nicht...

Nein, und deshalb bin ich beim ERB in die Trainingsarbeit eingestiegen und habe dann auch meine Trainerlizenz erworben. Das macht mir heute noch so viel Spaß wie am ersten Tag. Ich kann mir auch gut vorstellen, das noch eine ganze Weile weiterzumachen.

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Bei aller Begeisterung für den Trainerjob sind Sie 2003 aber noch mal wieder in den Leistungssport zurückgekehrt – und zwar mit ihrer heutigen Frau...

So ist das manchmal. Als ich als Jugendlicher bei 1860 war, habe ich Viktoria in einer Kindergruppe auf dem Eis trainiert. Dann bin ich weg nach Kiel. Und als ich wegen des Studiums nach Bremen zurückgekommen bin, haben wir uns wieder getroffen. Wir haben zwei Jahre zusammen getanzt, waren erst ein Rolltanzpaar, dann ein Paar – und jetzt sind wir verheiratet, nach 15 Jahren.

Wie beurteilen Sie den Standort Bremen für den Rollkunstsport?

Die Rahmenbedingungen mit dem Rollsportstadion sind gut, die Entwicklung ist kontinuierlich gut. Im Junioren- und Jugendbereich haben wir Läuferinnen und Läufer, die auch international starten.

Reisen Sie eigentlich mit, wenn ihre Schützlinge international im Einsatz sind?

Im Juli etwa sind die World Roller Games in Barcelona, das ist ein Riesenevent auf der Olympiaanlage von 1992. Da fahren wir mit. Aber es gehört schon auch viel Idealismus dazu. Wir machen das alles ehrenamtlich – und bleiben dann oft noch auf der Hälfte der Reisekosten sitzen.

Apropos Idealismus: Hat sich die Nachwuchsförderung in Deutschland im Vergleich zu ihrer aktiven Zeit eigentlich verbessert?

Nein, im Gegenteil. Die Nachwuchsförderung hat sich leider deutlich verschlechtert. Als Kaderathlet hat man früher noch mal einen Zuschuss für eine Reise bekommen. Das gibt es heute nicht mehr. Und das liegt einfach daran, dass die nichtolympischen Sportarten viel zu stiefmütterlich behandelt werden. Das ist ein Missstand, den ich nicht verstehen kann. Schließlich leistet jeder Verein wertvolle Arbeit.

Was genau meinen Sie?

Man muss sich ja nur mal umschauen. Jeder Verein in diesem Land macht Integrationsarbeit, alle begleiten Kinder mit Migrationshintergrund, oft über viele Jahre und auch über den Sport hinaus. Und das wird einfach zu wenig wertgeschätzt. Stattdessen werden die wenigen Mittel noch gekürzt.

Sie sagen, der Sport ist für Sie auch Ausgleich zum Berufsleben. Wie oft sind Sie auf der Rollsportanlage?

Fünfmal pro Woche. In erster Linie als Trainer, aber ich laufe auch schon mal mit. Man muss in dieser Sportart ja doch relativ viel vormachen, gerade im Paarbereich.

Was muss man mitbringen, wenn man diese Sportart erlernen und erfolgreich bestreiten möchte?

Spaß an der Bewegung, Spaß an der Musik. Alles andere entwickelt sich, wenn man fleißig ist.

Das Gespräch führte Frank Büter.

Zur Person

Andreas Nickel (38) ist lizensierter Trainer und 2. Vorsitzender beim ERB Bremen und zugleich Fachwart für Rollkunstlaufen im Bremer Landesverband. Der gebürtige Bremer begann bereits im Alter von fünf Jahren mit dem Rollkunstlaufen, zunächst beim ERB, später bei 1860 Bremen. Als 16-Jähriger wurde er in das Bundesleistungszentrum nach Kiel berufen und später mit seiner Rolltanzpartnerin Mona Hampel unter anderem Vize-Europameister in der Meisterklasse. Diplom-Kaufmann Nickel arbeitet als Beteiligungsmanager bei der Lürssen-Werft und ist seit April mit seiner früheren Bremer Rolltanzpartnerin Viktoria Dederer verheiratet.

Zur Sache

Rollkunstlaufen beim ERB

Der Eis- und Rollsportverein Bürgerweide (kurz: ERB) Bremen ist neben Bremen 1860 sowie den Bremerhavener Klubs LTS und ERC einer von vier Vereinen im Land Bremen, der Rollkunstlaufen anbietet. Sportliche Heimat des rund 80 Mitglieder zählenden ERB ist das Rollsportstadion in der Pauliner Marsch (Jürgensdeich 1a). Trainiert wird von März bis in den Spätherbst montags, mittwochs und freitags jeweils ab 16 Uhr sowie sonnabends und sonntags von 9.30 bis 14 Uhr. In den Wintermonaten wird das Rollsporttraining in die Halle verlegt. Für Interessierte bietet der ERB um seinen Vorsitzenden Michael Seeger ein kostenloses Probetraining und Kursangebote für Kinder und Erwachsene an. Weitere Informationen und Kontaktdaten finden Sie im Internet unter www.erb-bremen.de.


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Leserkommentare
theface am 18.10.2019 20:54
Das kann so nicht stimmen, sonst wären SPD und Grüne ja nicht mehr in der Landesregierung.
Opferanode am 18.10.2019 20:48
Ich hatte die gleiche Frage. Aber eine vernünftige Antwort würde mir besser gefallen, als so schulmeisterlich daherzukommen, mit der Aufforderung, ...
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