Wetter: Regen, 10 bis 18 °C
Gegen den Trend: Solarien
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Zu Gast in einem der ältesten Bremer Sonnenstudios

Nico Schnurr 15.06.2019 0 Kommentare

2001 haben sich noch elf Prozent der Deutschen regelmäßig auf die Sonnenbank gelegt. Heute sind es nur noch 1,6 Prozent.
2001 haben sich noch elf Prozent der Deutschen regelmäßig auf die Sonnenbank gelegt. Heute sind es nur noch 1,6 Prozent. (Frank Thomas Koch)

Ein Freitagmorgen im Steintor. 18 Grad, Sonnenstrahlen fallen auf das Kopfsteinpflaster in der Horner Straße. Gutes Wetter, schlechte Aussichten für Brigitte Mutscher. „Mit den Sonnenkunden wird es heute schwierig“, sagt sie und schließt ihren Laden auf. Mutscher tritt durch die schmale Tür, vorbei an der topfbepflanzten Fensterfront, hinter den Tresen. Dort steht sie und sieht durch ihre Kastenbrille, wie nun doch, wer hätte das gedacht, gleich die erste Kundin naht.

Eine Umarmung, man kennt sich, „wie lange willst du drauf?“, fragt Mutscher, „wie immer zwölf Minuten“, antwortet die Kundin. Bald fliege sie nach Mallorca, „jetzt noch mal richtig schön anknuspern“. Die Kundin verschwindet hinter einer Holztür. Kurz grollt es, als wäre eine sehr alte Waschmaschine angeworfen worden. Dann monotones Surren. Der Ergoline 600, ein Spitzenbräuner alter Schule, nimmt seine Arbeit auf. 50 Röhren je 160 Watt leuchten los. Etwa eine Viertelstunde später verstummt die Maschine. Die Kundin kommt aus der Kabine, wünscht noch einen schönen Tag und sagt: „Wir sehen uns nach dem Urlaub, wenn ich wieder knusprig bin.“

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Es gibt tatsächlich noch Solarien, aber es werden immer weniger. In vielen Sonnenstudios sehen die Betreiber, nun ja, keine Sonne mehr und schließen. Laut einer aktuellen Studie bräunen sich nur noch 1,6 Prozent der Deutschen auf der Bank. Im Jahr 2001 waren es noch elf Prozent. Inzwischen führt die Branche ein Schattendasein. Der Bundesfachverband Besonnung wirbt zwar online mit der Losung „Licht ist Leben!“, doch auch in Bremen scheint das nicht mehr so richtig anzukommen. Laut dem Verband findet man nur noch 18 Solarien in der Stadt. Eines der ältesten liegt in der Horner Straße. Brigitte Mutscher hat ihren Laden Sunshower 1989 eröffnet. Auch 30 Jahre später toastet man sich hier noch für den Teint, gegen den Trend.

Als gäbe es in einem Sonnenstudio nicht schon genug Licht, glimmen der Schriftzug des Herstellers Ergoline und eine Leuchtkette im Fenster. Die Chefin lehnt über dem Tresen, der wie vieles hier in zartem Lila gehalten ist. Über ihr verspricht ein Schild: „60 Minuten sonnen, 50 Minuten zahlen!“ Mutscher, 71 Jahre alt, eine schlanke Frau mit blonder Kurzhaarfrisur, steht der Beruf gewissermaßen ins Gesicht geschrieben, Modus Mallorcabräune seit 40 Jahren. Heute lege sich sie nur noch einmal pro Woche in die Röhre. Früher sei das anders gewesen. Sie fasst das so zusammen: „Anfang der 1980er-Jahre jeden Tag auf der Bank, was waren wir knackbraun, nur die Augen waren noch weiß.“

80er-Jahre, BRD, ein kollektiver Sonnenstich

Wann Bremen erleuchtet worden ist, lässt sich nicht zweifelsfrei klären. Es muss 1979 gewesen sein, meint Mutscher, ein kleines Studio in Schwachhausen, das erste in der Stadt, und sie eine der Angestellten, die den Bremern das Bräunen beibringt. „Ich war neugierig, aber Ahnung hatte ich erstmal keine. Niemand hatte Ahnung. Was die Röhren können, hat uns damals keiner erzählt. Die Leute sind uns reihenweise verbrannt.“

Störte keinen, die Kunden kamen wieder, der Teint konnte ja gar nicht dunkel genug sein. Er wurde zum Statussymbol einer Urlaubsgesellschaft. Wer braun war, trug spazieren, dass er rumkommt, ganz bestimmt, Minimum Mittelmeer. Und wer wollte das nicht? Dieses Signal galt es also nicht bloß drei Wochen im Jahr zu senden, sondern ständig. Kreidebleich war bald nur noch ein anderes Wort für: Da läuft’s nicht.

„Plötzlich taten alle so, als wären sie frisch zurück aus Monaco“, sagt Mutscher. Anfangs musste sie ihren Kunden versprechen, dass sie deren Freunden nicht verrät, woher die Bräune kommt. Das Geheimnis war schnell keines mehr, es trafen sich sowieso alle im Schwachhauser Solarium. Die Preise sanken, Braunsein, das konnte und wollte nun jeder: ein dermatologisch fragwürdiger, immerhin demokratischer Volkssport. 80er-Jahre, BRD, ein kollektiver Sonnenstich. In dieser aufgeheizten Zeit erfanden die Deutschen auch die Ersatznamen für ihren Ersatzurlaubsort: Steckdosenspanien, Klappkaribik, Münzmallorca.

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Vom Rotlicht ins UV-Licht

Über Umwege ist Mutscher ins Steintor gekommen, ein eigenes Solarium, darüber die Wohnung. Eine Zeit lang lief der Laden gut, dann kamen die Ketten. Neben jeder Spielothek stand bald ein Sonnenstudio, Franchise-Unternehmen hatten den Markt erobert. Bis zu 7500 Solarien waren es zur Jahrtausendwende in Deutschland, „ein absolut überhitzter Markt“, teilt der Bundesfachverband Besonnung auf Anfrage mit. Allein im Steintor müssen es acht, vielleicht neun Studios gewesen sein, sagt Mutscher. „Die Großen haben mich fast aufgefressen.“

Mutscher musste reagieren, also ging sie ins Risiko und kaufte den Ergoline 600, zwei Bänke für 30 000 Mark. Und dann halfen ihr noch die Prostituierten aus der nahe gelegenen Helenenstraße. „Die kamen zu mir, als sonst keiner mehr kam. Die standen auch im Juli bei 35 Grad im Laden.“ Mutscher hörte zu, ließ sich die Helenenstraße zeigen. Sie hatte ein offenes Ohr, die neusten Bräuner und mittags etwas Gulasch oder Erbsensuppe für die jungen Frauen da. Einigen bot sie auch einen Job im Solarium an. Mutscher hatte gehofft, sie aus dem Milieu holen zu können. Vom Rotlicht ins UV-Licht. Heute sagt sie: Hat nicht wirklich funktioniert.

Wo der Onlinehandel die Sonnenbank rettet

Es lief dann bald auch in der Helenenstraße schlechter. Mutscher merkte das sofort. Einige Stammkundinnen blieben weg, dafür kamen jetzt andere ins Sonnenstudio, die gar nicht sonnen wollten. Eher beiläufig hatte Mutscher einem Versandunternehmen zugesagt, klar könne ihr Solarium auch ein Paketshop sein. Wieso denn nicht, der Mann hatte ja nett gefragt. Vom Internet ahnte sie da noch nichts, vom Zwölf-Teile-bestellen-und-elf-zurückschicken sowieso nicht. Heute nimmt sie bis zu 150 Pakete entgegen. Pro Tag. Man könnte sagen: In der Horner Straße rettet der Onlinehandel die Sonnenbank.

Vor Mutscher kniet ein Mann, er schwitzt und schnaubt. Sein Paket hat er durch den schmalen Eingang des Solariums pressen müssen. Das hat Spuren hinterlassen, auch beim Paket. Die Pappe knittert und wellt sich. Der Mann versucht es nun mit sehr viel Klebeband. Er will glätten, was kaum mehr zu glätten ist. „Keine Chance, das ist Sperrgepäck.“ Der Mann schaut Mutscher mit großen Augen an. Der ganze Aufwand an der Tür umsonst?

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Dann wolle er wenigstens noch etwas fragen, sagt er und zeigt auf seine Wangen. Sie sind leicht gerötet. Hätte er nichts gesagt, man wäre davon ausgegangen, sein Gesicht ist etwas rot angelaufen von der Anstrengung an der Tür. Der Mann erzählt jetzt aber von seinem Urlaub in Spanien. „Das ist ein Sonnenbrand. Wie bekomme ich den bis Sonntag weg? Der muss weg!“ Aloe Vera, viel davon, antwortet Mutscher. Sie schaut dabei so betroffen, als hätte der Mann gerade gesagt, dass er schwer krank ist. Später, da hat der Mann den Laden schon verlassen, wird sie sagen: Früher hätte man sich über so ein wenig Farbe gefreut. Heute fürchteten sich die Leute vor der Sonne.

„Bräune ist wieder ein bisschen out“, sagt Mutscher. „Heute wird das Gesicht nur noch lackiert.“ Sie spricht von Schminke. Und davon, dass sich das Schönheitsideal gewandelt habe. Dass die Besonnungsbranche in ein falsches Licht gerückt worden sei. „Damals in der Barockzeit gingen die feinen Leute ja auch nicht in die Sonne. Könnte wieder so kommen.“

Für den Teint, gegen den Trend

Die Sorgen hätten sich verschoben. Viele kümmerten sich heute darum, keinen Hautkrebs zu bekommen, statt braun zu werden. „Die Leute sind inzwischen mehr auf Gesundheit aus.“ Und wenn sie an dunklen Wintertagen dann doch in die Sonne wollen, gehen sie nicht mehr ins Solarium, sondern fliegen kurz nach Thailand. Wirft mehr Fotomotive ab. Auch ein überfüllter Tropenstrand ist instagramtauglicher als Leuchtröhren.

Obwohl das alles so ist, steht Mutscher auch nach 30 Jahren noch hinter ihrem lila Tresen. Kümmert sich. Reißt Sprüche. Röhrt vor Lachen. Es muss weitergehen, so wie es bislang immer weitergegangen ist.

Ein Kunde kommt rein, einer, dessen Name Mutscher auf einer Karteikarte notiert hat. So macht sie das bei allen Stammkunden. „Mien Jung, wo willste rauf?“, fragt sie, „auf die Glücklich-mach-Bank, bitte“, antwortet er. Mutscher huscht in eine Kabine, in der ein Bräuner mit regenbogenbunten Röhren steht. Sie ruft: „Junger Mann, das Raumschiff ist startklar, aber bitte die Stewardessen in Ruhe lassen.“

Der Stammkunde verschwindet im hinteren Teil des Solariums. Kurz darauf hallt es aus seiner Kabine: „Ready for take off.“ In der Horner Straße sonnen sie sich einfach weiter, für den Teint, gegen den Trend, einer nicht mehr ganz so grell strahlenden Zukunft entgegen.

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Leserkommentare
hopfen am 21.10.2019 11:38
Ein sehr gutes Beispiel dafür wie realitätsfern Politiker inzwischen sind. Würden alle fast identische Ferienzeiten bekommen, würde das absolute ...
admiral_brommy am 21.10.2019 11:29
Zitat: ".....und die Behörden lehnen seinen Asylantrag ab. "

Ausreisepflichtig scheint er aber nicht zu sein. Warum?
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