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Grün-Gold-Trainer beim WESER-Strand-Talk
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Albanese: "Wir Tänzer sind einfach Arbeitstiere"

Sigrid Schuer 03.08.2019 0 Kommentare

Der Countdown läuft. Gleich nach den Sommerferien wird Roberto Albanese, Meister-Trainer aller Klassen, mit dem A-Team der Lateinformation des Grün-Gold-Clubs knappe vier Monate Vollgas geben. Ihre Mission: Den Weltmeister-Titel zum zehnten Mal zu holen. Wenn dann das Licht in der ausverkauften ÖVB-Arena erlischt, die Titelmusik erklingt und sich schließlich alle Scheinwerfer und alle Augen auf die in die Halle einziehenden Tänzerinnen und Tänzer richten, dann sind Blut, Schweiß und Tränen der knallharten Trainingsmonate vergessen. Denn jetzt gilt’s, in sechs konzentrierten Minuten auf den Punkt Höchstleistung abzurufen. Nicht umsonst eroberte die Lateinformation 2012 mit der Choreografie „The Final Countdown“ nach zwei Jahren den Weltmeistertitel zurück.

Roberto Albanese und sein Team kennen dieses Gefühl nur zu gut. Dieser Adrenalinkick hat Suchtpotenzial, sagt der Tanz-Coach am Freitagabend beim WESER-Strand-Talk des WESER-KURIER im Café Sand. Anfang Dezember wird es in Bremen wieder soweit sein. Wenn der Hallensprecher die Lateinformation des Grün-Gold-Clubs (GGC) ankündigt, dann werden die amtierenden Weltmeister von tausenden Fans bejubelt. „Das ist einfach das Größte. Das ist, als ob wir im Maracana- oder im Wembley-Stadion spielen würden“, beschreibt Roberto Albanese dieses Gänsehautgefühl. Denn die Hansestadt ist eine Tanzsport-Hochburg. Obwohl die Bedingungen hier denkbar schlecht sind.

Moderatorin Bärbel Schäfer hat nicht nur eigens für den Talkabend ihre Tanzschuhe angezogen, um mit dem „Hüftschwung-Gott“ mit dem modischen Undercut und stylischen Outfit eine kesse Sohle aufs Parkett zu legen. Sie hat auch die richtigen Fragen im Gepäck. Wie diese: Ob die Weltmeister-Formation des GGC denn in Bremen auch genügend Unterstützung bekäme? „Och, das habe ich mir vor vielen Jahren abgeschminkt, wir kriegen es irgendwie auch ohne hin!“, erklärt Albanese mit einer Mischung aus Trotz und Resignation. Vom Publikum kommt donnernder Applaus. „Ich wäre ja schon zufrieden, wenn wir nur einmal das Gehalt eines Spielers, der bei Werder auf der Reservebank sitzt, zur Verfügung hätten“, so Albanese. Der Alltag der Tänzerinnen und Tänzer sieht indes ganz anders aus: Sie müssen im Winter in einer abgerockten Halle an der Peripherie der Stadt bei Minusgraden trainieren. „Kein Wunder, dass unsere Mädels oft krank werden“, sagt der Coach. Zwar gewähre die Stadt einen kleinen Zuschuss für den aufwendigen Musikmix, der für jede neue Choreografie in einem Münchner Studio produziert wird. Und für den Fall der Fälle sichere Bremen dem GGC eine Ausfallbürgschaft für die Ausrichtung der Weltmeister-Turniere zu. Da die Tickets aber sowieso wie geschnitten Brot weg gehen, ist der wirtschaftliche Misserfolg dieser Großveranstaltung allerdings ziemlich unwahrscheinlich. Wünsche? „Wir würden so gern mal für drei Tage ins Trainingslager fahren. Und es wäre toll, wenn die Fahrt- und Übernachtungskosten in einer Jugendherberge bezahlt werden würden“. Die muss das junge Weltmeister-Team nämlich sonst selber tragen. „Wie bitte?“ Bärbel Schäfer kann es einfach nicht glauben.

Weserstrand-Talk mit Roberto Albanese und Bärbel Schäfer - Café Sand
Weserstrand-Talk mit Roberto Albanese und Bärbel Schäfer - Café Sand (Christina Kuhaupt)

Und das, obwohl Grün-Gold einer der besten Werbeträger der Stadt ist. Der Club und sein Coach wirken wie ein Magnet auf die Tanzelite aus ganz Europa und im Paartanz-Bereich sogar aus der Ukraine und Russland. Viele von ihnen verlassen in ganz jungen Jahren ihre Heimat. Ihr Ziel: Mit dem GGC den Weltmeister-Titel zu holen. Wie Sebastian Schwind, der vom Dauerrivalen Velbert an die Weser wechselte. Bärbel Schäfer lässt auf einem der Monitore das Foto des S-Klasse-Tänzers in voller Aktion einblenden. Drei Mal holte Schwind, der hauptberuflich als Grafiker beim WESER-KURIER arbeitet, den Weltmeister-Titel mit der Lateinformation, bevor er seine Tanzschuhe an den Nagel hängte. Sein Beispiel illustriert, welche Leidenschaft und Disziplin, welches Durchhaltevermögen für das erträumte Ziel aufgebracht werden müssen. Blut, Schweiß und Tränen eben. Denn die Lateinformation tanzt zwar auf absolutem Profi-Niveau, hat aber dennoch Amateur-Status.

Das heißt: Neben dem Brotberuf oder Studium trainieren die Mitglieder des Teams nach Feierabend locker bis zu 30 Stunden in der Woche. Das ginge natürlich nur für einen gewissen Zeitraum, so Albanese. „Man verbringt mehr Zeit mit der Tanzpartnerin als mit der Lebensgefährtin“, sagt er. Sein Erfolgsrezept: „Wenn man gut miteinander reden kann, kommt das gemeinsame Tanzen von ganz allein.“ Kommunikation ist eben alles. Er selbst steht oft genug von zehn Uhr morgens bis zehn Uhr abends auf dem Parkett. Tanzen ist sein Leben und seine Familie. Und zu der gehören neben dem Vorstand des Clubs, mit dem er eng befreundet ist, auch seine Zöglinge sowie seine Tochter und seine Frau Uta, selbst Meister-Trainerin und -Tänzerin.

"Tanzen ist keine Wohlfühloase“

„Wir tragen gemeinsam auch Verantwortung für den Tänzer-Nachwuchs und das ist wichtiger als jeder Weltmeister-Titel“, betont er. Tochter Luna Maria Albanese hat das Tanz-Gen von ihren prominenten Eltern geerbt hat und wurde schon mit zarten zwölf Jahren Deutsche Meisterin im Latein-Paartanz. „Sie ist ’ne richtige Kampfnudel, sie wird es sehr weit bringen“, sagt Albanese, ganz stolzer Vater, voraus. Ohne Drill sei es allerdings nicht abgegangen: „Du musst dich für einen Weg entscheiden und den dann auch konsequent gehen!“ Klarere Entscheidungen und Haltungen, findet er, würden generell auch Gesellschaft und Politik gut zu Gesicht stehen. Also sei er sehr streng, fragt die Moderatorin. „Sehr streng, aber auch fair“, so Albaneses Selbsteinschätzung. „Denn Tanzen ist keine Wohlfühloase“, fügt er hinzu: „Ich verstehe mich als Motivator“. Wann denn der Motivator zu brüllen beginne, beim Training oder in der Kabine, will Bärbel Schäfer nun wissen. „In der Kabine motiviere ich, gebrüllt wird im Training“, sagt der Coach. Oft sei es so, dass die Mannschaft mehr Angst vor ihm als vor dem Turnier habe. 

Oft müsse er speziell in der Formation mit ganz jungen Tänzern wieder bei null anfangen und immer wieder ein neues Team formen: „Ich glaube, dass wir inzwischen wieder neue Charaktergrößen haben“, so Albaneses Einschätzung. Wie dieses Pensum zu bewältigen ist? „Wir Tänzer sind einfach Arbeitstiere!“ Oder mit anderen Worten: „Arbeitstanzbienen“. „Ich fordere von meinen Leuten nur das, was ich von mir selbst fordere“, lautet das Credo des Bremen-Norder Jung mit italienischen Wurzeln, der ursprünglich vom Kampfsport kam und per Zufall in der Vegesacker Disco „Scala“ für den Tanzsport gecastet wurde. Als er das erste Mal ein S-Klasse-Paar auf dem Parkett sah, diese Eleganz, dieser Ausdruck, diese Leichtigkeit, da war’s um ihn geschehen: „Die Musik und die Perfektion haben mich gereizt! Da wusste ich, das will ich auch machen!“

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Heute sagt er: „Tanzen macht mich glücklich und es hat mir geholfen, meine Persönlichkeit zu entwickeln! Das Tanzen beansprucht alle Sinnesorgane gleichzeitig. Und du musst dich zu 100 Prozent mit dir auseinandersetzen“. 2002 wurde das Mitglied der deutschen Nationalmannschaft Trainer beim GGC. Seitdem ist der Tiger das Maskottchen der Lateinformation. Nomen est omen: Mit der Choreo auf die Titelmelodie des Stallone-Boxepos‘ „Rocky - The Eye of the Tiger“ holte Albanese mit seinem Team in der Saison 2006/2007 erstmals den Weltmeistertitel. Und, hat der Maestro eigentlich Selbstzweifel? Nö, die gebe es nicht. Oft habe er die Choreos mit den höchst komplizierten  Schrittabfolgen schon komplett im Kopf, bevor das Team sie dann auf das Parkett zeichnet.

Albanese ist nach eigenen Worten keiner, der lange rumprobiert: „Ich bin ein absoluter Perfektionist und ein Fanatiker!“ Ob ihn denn überhaupt irgend etwas aus der Fassung bringen könne, hakt Schäfer nach. „Doch, schon, sobald jemand Kritik äußert, wenn die Choreografie noch im Entstehen ist. Dann drehe ich durch!“ Dann sei absolute Ruhe angesagt: „Denn dann  brauche ich erstmal zehn Minuten, in denen ich mit mir selbst sprechen kann!“ Versagensangst kenne er trotzdem nicht, so der Rekord-Coach: „Ich denke einfach nicht daran!“ Für Roberto Albanese gilt vielmehr die Postkarten-Weisheit: „Hinfallen, aufstehen, Krönchen richten, weiter machen!“ Das Schlimmste was passieren kann? „Wenn die Mannschaft glaubt, dass sie es besser als der Trainer weiß, wie’s funktioniert“. Tanzen und Formationstanzen im Besonderen habe eben auch etwas mit absoluter Hingabe zu tun. Nur so könne eine wunderbare Einheit entstehen.   


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Leserkommentare
suziwolf am 22.10.2019 13:04
@brakadabra ...

„👍“ ... Ich hab‘ jetzt‘n „Hummer“ ...
...................................🚘.............

Auf‘m ...
FloM am 22.10.2019 13:01
@gorgon:
Himmelnochmal, jahrzehntelang billige Lebensmittel konsumieren und sich dann über die Folgen der Herstellung aufregen.
Welche ...
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