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Moritz Rinke zu Gast beim WESER-Strand-Talk
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Fußball, Verse und süßes Leben

Hendrik Werner 08.12.2018 0 Kommentare

Beendeten den WESER-Strand-Talk auf der „Oceana“ mit einem Spiel: Talk-Gast Moritz Rinke (links) und Gastgeber Axel Brüggemann
Beendeten den WESER-Strand-Talk auf der „Oceana“ mit einem Spiel: Talk-Gast Moritz Rinke (links) und Gastgeber Axel Brüggemann.  (Frank Thomas Koch)

Kann es sein, dass Kulturschaffende einen mangelhaften Orientierungssinn haben? Oder ist ihnen nur (und immerhin!) ein besonders kreativer Zugang zu Räumen und Zeiten gemein? Nachdem nämlich der Satiriker Jan Böhmermann seinen Weg zum WESER-Strand-Talk im November nur unter Aufbietung seiner geballten Überredungskunst pünktlich finden konnte, indem er einen außerplanmäßigen Zughalt in Lauenbrück durchsetzte (selbst überregionale Medien berichteten respektvoll erschüttert), tat sich am Freitagabend auch der Schriftsteller Moritz Rinke dezent schwer damit, sein Ziel auf Anhieb zu erreichen. Aber wer will es einem Dramatiker verdenken, wenn dieser zunächst das Theaterschiff ansteuert? Weil der 51-Jährige jedoch über reichlich maritime Erfahrung verfügt – nach dem Abitur fuhr er drei Monate auf einem Containerschiff lang zur See –, beließ er es nicht dabei, auf dem falschen Dampfer zu sein, sondern tankte sich an der Schlachte trotz Gegenwind, Prasselregen, rempelnden Werder-Fans und brisanter Fracht zur Oceana am Martinianleger durch.

Warmer Applaus in dem mit erwartungsfrohem Publikum prall gefüllten Schiffsinneren versöhnte den Dichter prompt mit den Härten der Anreise. Selbst der Umstand, dass er beim Hinabsteigen der engen Showtreppe zum Auftrittsort im Parterre erst strauchelte und sich dann auch noch den klugen Kopf stieß, konnte ihn nicht nachhaltig irritieren. Elegant wies er seinen neuen Schuhen die Verantwortung für den Fehltritt zu, um hernach konzentriert und gewitzt mit WESER-Strand-Moderator Axel Brüggemann über Arbeit (Schreiben), Sport (Werder-Fan und -Botschafter) und Spiel (Mitglied der Autorennationalmannschaft mit Doppel-Hattrick-Erfolg gegen Brasilien!) zu diskutieren.

An diesem Abend alles richtig gemacht 

Zuvor hatte WESER-KURIER Chefredakteur Moritz Döbler seinen Vornamensvetter, der vormals wie er Redakteur beim Berliner Tagesspiegel war, zum letzten WESER-Strand-Talk in diesem Jahr begrüßt – und den Zuhörern attestiert, an diesem Abend alles richtig gemacht zu haben, weil sie sich trotz starker Konkurrenz – Werder-Heimspiel, Weihnachtsmarkt, widerwärtige Witterung – für den Besuch dieser lokalpatriotisch korrekten Gesprächsrunde entschieden hatten. Axel Brüggemann wiederum gestand dem journalistischen Format zu, es bereite ihm seit nunmehr 22 Sendungen immens viel Spaß.

Sprach's. Und schaltete jener Rederei, als die Dietmar Schönherr, Ahnherr deutscher Talkrunden, das Genre seinerzeit bezeichnet hatte, einen Videoclip vor, in dessen Mittelpunkt ein besonders poetisches Zitat aus Moritz Rinkes Worpswede-Roman „Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel“ (2010) stand. Nicht nur an diesem Präludium war Brüggemanns exzellente Vorbereitung auf dieses Gespräch unter kunstsinnigen Geisteswissenschaftlern ablesbar.

Weil Gast und Gastgeber einander schätzen, geriet bereits das Aufwärmspiel, in dem Moritz Rinke große Dichterkollegen einer Fußballbundesligamannschaft zuordnen sollte, zu einem launigen Höhepunkt: Rainer Maria Rilkes Herz würde gewiss für den SVW schlagen – und sei es nur wegen des Gleichklangs von Werder mit seinem Interimswohnort Westerwede –, beschied der nachgeborene Schriftsteller. In Eintracht mit Brüggemann wies er Johann Wolfgang von Goethe das Team von dessen Geburtsort Frankfurt am Main zu; Bertolt Brecht teilte er ohne Zaudern der Berliner Hertha zu (armes Augsburg!); Günter Grass schließlich würde sich ebenfalls gut als Werder-Sympathisant machen, gab Rinke zu Protokoll. Brüggemanns Vorschlag, Werder sei ein Verein für Intellektuelle, vermochte er freilich nicht zu folgen.

Ungemein spannend und kulturdrall gerieten die Ausführungen des Schriftstellers zu seiner Kindheit und Jugend in Worpswede: Zwar habe sein Großvater eine Schauspielerkarriere seiner Tochter, Moritz' Mutter, planvoll vereitelt, indem er sie von der renommierten Otto-Falckenberg-Schausielschule in München nahm und sie auf einen soliden Beruf verpflichtete. Und doch kam sie (wie die gesamte Familie Rinke) später intensiv mit dem Theaterfach in Berührung, als die Truppe um den Choreografen und Schauspielregisseur Johann Kresnik während der Kurt-Hübner-Ära wiederholt in Worpswede einfiel. Es müssen prägende Erlebnisse für den späteren Dramatiker Moritz Rinke gewesen sein, damals, Anfang der 70er-Jahre, mit all den Theaterleuten, die er als „große Kinder“ empfand, die „interessante Geschichten erzählten“. Nicht zuletzt deshalb, weil er mit dem Bühnenberserker Johann Kresnik, der ihn „fast einen Sohn“ nannte, sein erstes Bier trank – und dieser ihn wiederholt als Torwart prüfte.

Das vorwiegend süße Landleben der Bohème 

Fußball, Literatur und das vorwiegend süße Landleben der Bohème – dieser stimmungsvolle Dreiklang zog sich schon früh durch das Leben des Ottersberger Waldorfschülers. In der zugehörigen Malschule lernte er insofern die Leidensgeschichte von Michel aus Lönneberga nachzuempfinden, der für jeden Streich ein Holzmännchen schnitzen musste, als Klein-Moritz und seinen Mitschülern wieder und wieder Gemälde abverlangt wurden, die den dramatischen Worpsweder Himmel in Szene setzten. Wohlgemerkt: auch ohne etwas auf dem Kerbholz zu haben.

Trotz seiner unguten Reminiszenzen an den Himmel über Worpswede: Bei einem einschlägigen Spiel mit Zeremonienmeister Brüggemann schnitt Rinke mehr als ordentlich ab: Zwar ordnete er einen Firmament-Ausschnitt Paula Modersohn-Beckers irrigerweise den französischen Pointillisten zu; dafür identifizierte er problemlos Caspar David Friedrichs „Wanderer über dem Nebelmeer“, und auch eine weitere Worpsweder Kunstnuss knackte er lässig.

Das kann insofern nicht verwundern, als sich Rinke für seinen Roman „Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel“ intensiv mit Vergangenheit und Gegenwart seines Herkunftsortes befasst hat. Von ausschweifenden Festen, bei denen ein namhafter Gast mit der Dame des Hauses verkehrte, erzählte er ebenso vergnüglich wie von der Worpsweder Drogen- und Bordellszene (ja, doch!). Auch über die in Worpswede anfangs problematische Rezeptionsgeschichte des Buches, das den Kotau einiger Künstler vor dem nationalsozialistischen Regime thematisiert, gab Rinke Auskunft. Viel Applaus honorierte seine eloquenten Ausführungen.


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Leserkommentare
theface am 18.10.2019 20:54
Das kann so nicht stimmen, sonst wären SPD und Grüne ja nicht mehr in der Landesregierung.
Opferanode am 18.10.2019 20:48
Ich hatte die gleiche Frage. Aber eine vernünftige Antwort würde mir besser gefallen, als so schulmeisterlich daherzukommen, mit der Aufforderung, ...
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