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Historikerin des Alltags

Sebastian Krüger 02.12.2018 0 Kommentare

(Katja Stremmel)

Während meines Studiums in Tübingen habe ich in einer Wohngemeinschaft gelebt. Nach Abschluss hat es mich wieder nach Bremen verschlagen und meine Mitbewohner sind einfach mitgekommen. Zu sechst bezogen wir ein Zweifamilienhaus in Walle. Es war ein typisches, kleines Waller Häuschen, jeder hatte sein eigenes Zimmer à zwölf Quadratmeter. Anders als heute waren wir mit unserer Lebensweise ein Unikum im Stadtteil, Wohngemeinschaften gab es dort fast gar nicht.

Hinzu kam unser Äußeres: Die Männer hatten lange Haare, und auch ich fiel auf. Als wir mal ein Bier trinken wollten, ohne dafür ins Viertel zu fahren, wurden wir aus der Gaststätte um die Ecke hinausgeworfen. Aber nicht alle Waller waren so! Das Problem war nur, dass sie bis dato noch keine Berührungen mit Subkulturen hatten. Walle war eher wie eine Vorstadt in der Bremer Peripherie und nicht das pulsierende Wohnviertel von heute.

Beruflich war es eine unstete Zeit. Viele Akademiker hatten keinen Job und waren auf Sinnsuche. Ich hatte Politikwissenschaft und Germanistik auf Lehramt studiert, aber nicht nur der beruflichen Perspektive wegen – ich habe aus Interesse studiert. Nach dem Referendariat hatte ich keine Anstellung und war mir nicht mehr sicher, ob ich überhaupt Lehrerin sein wollte – wir „Nach-68er“ taten uns damals schwer damit, in den Staatsdienst zu treten.

Dann aber habe ich mein zweites Kind bekommen und wollte unbedingt einer Arbeit nachgehen. Durch eine Maßnahme des Arbeitsamtes kam ich 1986 zur „Kulturinitiative Brodelpott“, einem damals kleinen soziokulturellen Verein, und erhielt eine Anstellung im Bereich Stadtteilgeschichte. Ich bin da so reingerutscht und heute die Dienstälteste hier.

1988 erfolgte meine erste Publikation. Es war ein kleines Buch mit dem Titel „Walle – ein Dorf wird zur Bremer Vorstadt.“ Darin ging es auch um das alte Fabrikviertel am Hafen und die Spinnerei und Weberei „Jute“, die 100 Jahre zuvor im Hafenviertel gegründet wurde. Mit bis zu 2000 Arbeitern war es eine der größten Fabriken in Bremen. Einwanderung war dabei ein Thema für mich. Damals gab es in Bremen nämlich nicht ausreichend Arbeitskräfte, um den Bedarf zu decken. Also wurden die verarmten Familien aus Böhmen, Mähren und Galizien abgeworben. Solche Aspekte haben mich immer mehr interessiert als Zahlen und Fakten.

Die Industrialisierung trieb auch den Wohnungsbau im Stadtteil voran, es wurden ganze Straßenzüge errichtet. Bevor der Hafen entstand, war Walle wirklich ein Dorf. Wo heute die alten Parzellen und Teile der Überseestadt stehen, erstreckte sich früher Ackerland. Walle war proletarisch, aber auch bürgerlich. Im alten Utbremen etwa standen schöne Häuser mit Veranden wie im Ostertor. Die soziale Trennung war damals nicht so stark ausgeprägt.

Walle eignet sich gut für historische Arbeit, weil der Stadtteil viele wichtige Themen vereint: von Industrialisierung und Arbeiterbewegung über den Hafen bis zu Kriegszerstörung und Wiederaufbau. 1994 organisierten wir eine Ausstellung zur Bombardierung Walles im Zweiten Weltkrieg. Sogar der damalige Bürgermeister Wedemeier kam zur Eröffnung. Nach und nach kamen viele Menschen auf uns zu, um uns ihre Geschichte zu erzählen von den Bombennächten 1944. Tausende besuchten letztlich die Ausstellung.

Viele fanden gut, was wir gemacht haben, manche aber auch nicht. Als wir uns in einem Arbeitskreis mit der Geschichte der Waller Juden und der Reichspogromnacht beschäftigt haben, stießen wir auch auf Ablehnung. Was wir geleistet haben, war eben eine andere Art der Geschichtsarbeit, die es damals noch nicht in der Form gab wie heute. Stadtteilgeschichte war für mich immer auch politische Arbeit, ich wollte aber nie missionieren oder jemanden überzeugen. Lauter Streit und Polarisierung helfen meiner Ansicht nach nicht, meine Arbeit bedeutet viel Dialog. Ich spreche schließlich von Zeiten, die ich selbst nicht erlebt habe – da muss ich mich von Zeitzeugen auch mal korrigieren lassen.

Für mich ging es dabei immer um den Alltag der Menschen, sowohl während der Industrialisierung als auch während der NS-Zeit. Wir haben Kinderbilder gesammelt – Motive und Themen, die in Museen damals kaum auftauchten. Später rief mal jemand vom Focke-Museum bei uns an und fragte: „Habt ihr Fotografien aus den 1930er Jahren von Frauen, die sich in der Küche befinden?“ Ja, hatten wir.

Alltagsbilder haben lange Zeit niemanden interessiert, nur uns. Dabei erzählen gerade solche Bilder Geschichten! Man muss Zeitzeugen nur ein Foto vorlegen und schon erinnern sie sich und wollen ihre Geschichte erzählen. Wir haben die Waller aufgefordert, uns ihre Fotoalben zu zeigen. Die Fotos haben wir einzeln abfotografiert, kopiert und archiviert. Wir machen heute noch Schwarzweißnegative zur Sicherung neben digitalen Scans – die Negative halten sich ewig.

Irgendwann einmal wird auch meine Zeit hier ein Thema der Stadtteilgeschichte sein. Dann gibt es vielleicht Ausstellungen und Broschüren zum Thema „50 Jahre Subkultur in Walle“. Dann möchte ich dazu eigentlich nicht interviewt werden, aber das lässt sich wahrscheinlich nicht vermeiden.

Aufgezeichnet von Sebastian Krüger.

Zur Person

Cecilie Eckler-von Gleich

66, arbeitet seit 1986 im Kulturhaus Brodelpott im Bereich Stadtteilgeschichte. Die gebürtige Bremerin hat in Tübingen Politikwissenschaft und Germanistik auf Lehramt studiert und zur Geschichte Walles publiziert.


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Leserkommentare
heinmueckausbremerhaven am 21.10.2019 20:47
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Bremen99 am 21.10.2019 20:41
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