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Moritz Rinke: „Als Künstler ist man immer ungeschützt“

Hendrik Werner 30.11.2018 1 Kommentar

Vielleser: Moritz Rinke am heimischen Schreibtisch in Berlin.
Vielleser: Moritz Rinke am heimischen Schreibtisch in Berlin. (Ole Spata)

Herr Rinke, sind Sie als gebürtiger Worpsweder überhaupt seetüchtig genug für einen Abend auf der Oceana?

Aber natürlich! Ich bin drei Monate zur See gefahren, gleich nach der Schule, auf einem Containerschiff von Hamburg nach New York und dann immer an der Ostküste rauf und runter. Ich kannte alle Hafenbordelle aus Beschreibungen der Besatzung, ich selbst musste als Jüngster mit dem Kapitän auf Deck bleiben und wusste am Ende alles über dessen Ehe. Es war seine letzte Fahrt vor der Rente, seine Frau in Hamburg-Blankenese wartete schon.

Er sagte: „Zwischen mir und meiner Frau muss das Meer sein.“ Diese Sicht auf die Ehe hat mich beschäftigt, aber natürlich hat es, um auf Ihre Frage zurückzukommen, die ganzen drei Monate gewackelt, einmal hatten wir sogar Windstärke 9, im Fernseher lief über Satellit die erste „Wetten, dass...“-Sendung mit Thomas Gottschalk, mit ständigen Bildausfällen. Ich hielt den Fernseher fest und dachte, wie kann man gleichzeitig Unterhaltungsshows empfangen und draußen toben diese bedrohlichen Naturgewalten, ich träume noch manchmal davon. Jedes Mal, wenn ich Gottschalk sehe, sehe ich neun Meter hohe Wellen. Ich verstehe gar nicht, wie seine Villa in Kalifornien abbrennen konnte.

Blicken wir auf Ihre Laufbahn: Sie haben die Waldorfschule in Ottersberg besucht und Theaterwissenschaften studiert. Inwieweit hat dieser Bildungsweg Ihrer Kreativität im Allgemeinen und Ihrem Interesse für Literatur im Besonderen zugearbeitet?

Dazwischen war, wie gesagt die Seefahrt, ich dachte, die Jahre auf einer Walddorfschule relativieren sich ein bisschen, wenn ich Seemann werde. Ich habe aber der Schule in Ottersberg viel zu verdanken, da gab es viele Persönlichkeiten, die man auf einer Schule erst einmal treffen muss. Meine Englischlehrerin, Frau Albert zum Beispiel, die gerade im hohen Alter gestorben ist, betreute die Theater-AG, dort probte ich mit ihr den „Snob“ von Sternheim, meine erste große Rolle, dieses Sternheim-Drama das ist ja nicht unbedingt ein gängiges Schultheaterstück.

Ich musste daran oft denken, als ich Jahre später meinen ersten Film als Schauspieler drehte, Frau Albert war nämlich sprachgenauer als die deutschen Starregisseure, auf die ich dann traf. Wir hatten sogar eine Kurzmeldung im Weser-Kurier, da war ich wahnsinnig stolz. Die Angewandten Theaterwissenschaften, wie es genau hieß, waren dann schon recht spezifisch, das war ja in Gießen eher eine Akademie unter dem Dach einer Universität, dort hatte ich Dozenten wie Robert Wilson, Georges Tabori, aber auch postdramatische Diskurse beim polnischen Institutsleiter Andrzej Wirth, der mich eher zum Gegenteil vom dem, was er lehrte, animierte: zur dramatischen Stück- und Figurenentwicklung, ich war eigentlich ein Antipode am Institut.

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Auf ein Genre haben Sie sich nie so richtig festlegen lassen. Sie schreiben Romane ebenso wie Theaterstücke und Sachbücher, die in der Regel von Fußball handeln, einer weiteren Leidenschaft von Ihnen. In welcher Gattung fühlen Sie sich besonders verankert, in welcher am ungeschütztesten?

Ungeschützt ist man als Künstler immer, man zeigt ja auch viel von sich, von seiner Sicht auf Menschen, auf Welt. Und die Geschichten, die man erzählt, die Figuren, auch wenn sie nicht biografisch sind, leben doch durch die Fantasie und Erfahrung des Autors. Das Handwerk, die Form, ist das eine, das kann man noch am ehesten schützen, aber wie wollen Sie Seele, Herz und Leidenschaft schützen, die bei allen wesentlichen Texten miteingebracht werden?

Mir sind Drama und Roman nah, wobei sich das in diesem Land oft, wie es scheint, ausschließt, der deutsche Kulturbetrieb hat es nicht so mit Gattungswechseln. Auch in der Kultur sind wir recht fachidiotisch. Ein Buch über Fußball ist dann natürlich der krasseste Gattungswechsel. Einmal hat ein Fotograf zum Interview einen Ball mitgebracht und mich gefragt, ob ich den Ball mit dem Fuß hochhalten kann, er habe gehört, ich könnte das. Als ich damit anfing, rief der Redakteur begeistert, er wisse schon die Überschrift: Der Messi des Dramas! Ich ließ sofort den Ball runterfallen und bat ihn, das nicht zu schreiben, das gebe doch in Deutschland schlechte Noten für Ernsthaftigkeit.

Lässt Ihnen Ihre im September geborene Tochter angemessen viel Energie zum Arbeiten?

Ja. Da müssen wir beide lernen. Mein Sohn Miran schreibt aber schon mit. Gerade arbeiten wir an neuen Fassungen von „Peter und der Wolf“, „Jim Knopf“, „Räuber Hotzenplotz“ und „Nils Holgersson“, manchmal tritt auch noch irgendwo der Kleine Prinz auf oder Feuerwehrmann Sam.

Im Dezember wird Ihr neues Stück „Westend“ am Deutschen Theater aufgeführt. Wovon handelt es?

Von einer immer brüchiger gewordenen Bürgerlichkeit. Von Ihnen, von mir, den Menschen, die Ihre Zeitung lesen, ins Theater oder Konzert gehen. Das ist eine Geschichte über sechs Menschen. Eduard und Michael haben Medizin studiert, dann haben sich ihre Wege getrennt. Man könnte sagen: Eduard operiert im Krisengebiet der westlichen Seele; dort entfernt er als Schönheitschirurg die Angst, alt und wertlos zu sein. Michael arbeitet für eine humanitäre Organisation und kommt eben aus Afghanistan zurück.

Was er mitbringt, sind Geschichten von westlicher Gewalt, von Minenopfern, verzweifelten Todeskämpfen und sinnlosem Sterben. Mit diesen Erfahrungen kommt er zu Besuch zu Eduard, der sich gerade in Berlin-Westend ein Haus gekauft haben, um in seiner Ehe neu anzufangen. Dann prallen plötzlich die zwei Welten aufeinander, die Kriegswelt und unsere bürgerliche. Auch privat wird es kriegerisch, weil Eduard Charlotte geheiratet hat, die davor mit Michael zusammen war.

Plötzlich ist Charlotte, die sich als Sängerin auf ihr Comeback in Haydns „Die Schöpfung“ vorbereiten muss, wieder zwischen den grundverschiedenen Männern hin- und hergerissen. Dann ist da noch Lilly, die Nachbarin, ebenfalls Medizinstudentin, in deren unbefangene Direktheit sich Eduard verliebt, sodass die alte Ordnung endgültig zu zerfallen droht. Ich spiele mit Motiven von Goethes „Wahlverwandtschaften“. Nur viel turbulenter und bei allem Ernst auch komischer.

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„Dichter dran“ lautete der Titel Ihrer FAZ-Fußballweltmeisterschaftskolumne, für die Sie sich in den Kopf (und den Dialekt) des Bundestrainers eingefühlt haben. Was dürfte gegen Ende dieses durchwachsenen Jahres in Joachim Löw vorgehen?   

Meine fertigen Texte wurden von einer badischen Schauspielerin übersetzt. So wie Löw spricht, könnte ich nicht schreiben. Ich glaube, Löw ist vom eigenen Gefühl eher noch Weltmeister als der Trainer der größten deutschen WM-Blamage aller Zeiten. Natürlich ist das passiert, was vielen Weltmeistern widerfahren ist, die nach dem Titel nicht sofort angefangen haben, das Team zu erneuern.

Kann Löw der Richtige für einen Neuanfang sein?

Das wird sich zeigen. Erstens gibt es zu Löw auf dem Markt kaum Alternativen und zweitens den schönen Satz eines italienischen Trainers, wonach man immer für das gefeuert wird für das man eigentlich geholt worden war. Löw wurde neben Klinsmann 2004 als Analyst, als Taktikbesessener, als strategischer Co-Trainer engagiert. Für das Feuer war Klinsmann zuständig, der konnte Taktik nicht. Das System ging erstaunlicherweise auch ohne den Feuermann bis 2014 gut. Nach der WM in Brasilien hatten dann nicht mal mehr die großen alten Helden Feuer, so dass es jetzt darum geht, inwieweit Löw noch ein neues, junges Team zum Brennen zu bringen imstande ist. Die neuen Spieler gibt es, ob sich Löw jedoch noch einmal neu erfinden kann, wird man abwarten müssen.

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Zuletzt haben Sie gelegentlich als Gastprofessor und Gastdozent an diversen Akademien gewirkt. Wie steht es um Ihre pädagogische Eignung, wie um Ihr Sendungsbedürfnis?

Das hat mir immer viel Freude gemacht, natürlich auch Seminare zum dramatischen Schreiben. Wobei es niemals darum gehen kann, schreiben zu lehren, zu zeigen, wie es geht, das funktioniert nicht, da gehört viel mehr dazu als Technik. Eher so innere Klinsmänner. Ich kann ein paar technische Mittel aufzeigen, eher Richtungen vorschlagen. Vielleicht erst einmal Menschen anzusehen, genau zu sein, Figurenentwicklung ist nämlich schon eine Mischung aus Empathie, Imagination und Handwerk, wie das Zeichnen oder das Tanzen. Postdramatiker möchten sich da gerne herausreden, aber selbst modernem Tanztheater sieht man an, ob es ein klassisches Handwerk hat oder nicht. Und Modernität, das Heute, erzählt sich durch die Stoffe, durch die Figuren, nicht nur durch eine oft hochangestrengte Form. Im Ausbilden von blutleeren Formalisten wäre ich also eher nicht so gut.

Ihr Heimatort Worpswede hat heuer für norddeutsche Verhältnisse pompös sein 800-jähriges Jubiläum gefeiert. Inwieweit haben Sie daran teilgehabt?

Mein Beitrag war, wieder in meinen alten Verein einzutreten, den FC Worpswede. Ich spiele jetzt für die Senioren-Mannschaft an alter Wirkungsstätte am Weyerberg. Mich stört allerdings die Ligen-Bezeichnung „Senioren“, man wird ja im Fußball so schnell alt. Wenn ich als Senior spiele, habe ich auch das Gefühl, ich bin 800 Jahre alt. Dieses Frühjahr möchte ich noch mal ein paar Spiele mitmachen, auch wenn es schwierig ist, aus Berlin für ein Spiel nach Worpswede zu fahren, aber das habe ich auch schon gemacht, ich bin eben verrückt. Ich könnte allerdings auch bei Werder vorbeischauen, da bin ich ja Botschafter.

Worpswede hat sein Antlitz zuletzt an neuralgischen Stellen wie der Bergstraße signifikant verändert. Wie sind Sie damit zufrieden, und was sagen Worpsweder Anverwandte?

Also, die einen sagen so, die anderen sagen so. Ich selbst muss und will mich da zurückhalten. In meinem Roman gibt es ja einige Stellen darüber, wie gefährlich es ist, wenn sich ein Ort an vermeintlich andere, an Touristen verkauft oder zu wissen glaubt, wie andere, die kommen sollen, es schön fänden. Aber ich möchte das nicht verurteilen. Ich habe Vertrauen in unseren Bürgermeister. Und in die Gemeinde. Vor nächsten Schritten sollte man aber genau überlegen, was wirklich nötig ist. Und man muss die Parkuhren abschaffen, zumindest für Worpsweder, ich habe kürzlich einen Strafzettel bekommen. In Worpswede einen Strafzettel zu bekommen, hat mir wirklich, wie wir beim Fußball sagen würden, mentale Probleme bereitet.

„Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel“ lautet der Titel Ihres gefeierten Debütromans, der in und um Worpswede spielt. Könnte es Sie reizen, ein weiteres Mal Literatur in der Region Ihrer Herkunft anzusiedeln?

Ich glaube, ich habe mit dem Jahrhundert-Mann so viel über Heimat und über den Norden erzählt, dass ich mich nun anderen Regionen widme. Der nächste Roman spielt zum Beispiel auf Lanzarote. Vermutlich ist es aber da so ähnlich wie in Worpswede. Außer dass es kein Moor gibt, sondern Vulkane.

Die Fragen stellte Hendrik Werner.

Zur Person

Moritz Rinke (51) ist Romancier, Dramatiker und Fußball-Fan. Zweimal wurde er mit dem Axel-Springer-Preis geehrt. Am Freitag gastiert er beim WESER-KURIER-Gesprächsformat WESER-Strand.

Weitere Informationen

WESER-Strand-Talk mit Moritz Rinke am Freitag, 7. Dezember, um 19.30 Uhr auf der Oceana; Einlass ab 18.30 Uhr. Tickets gibt es im Pressehaus Bremen und den regionalen Zeitungshäusern, auf www.nordwest-ticket.de und unter 0421 /36 36 36.


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Leserkommentare
theface am 18.10.2019 20:54
Das kann so nicht stimmen, sonst wären SPD und Grüne ja nicht mehr in der Landesregierung.
Opferanode am 18.10.2019 20:48
Ich hatte die gleiche Frage. Aber eine vernünftige Antwort würde mir besser gefallen, als so schulmeisterlich daherzukommen, mit der Aufforderung, ...
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